News | Div. (Hg.): Die Bonner Republik – Aufbrüche vor und nach »1968», Bielefeld 2020

Sammelband eröffnet einige neue Perspektiven

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Der vorliegende Band ist die Fortsetzung von «Die Bonner Republik 1945–1963 – Die Gründungsphase und die Adenauer-Ära» (2018) und widmet sich den 1960er und 1970er Jahren. Er resultiert aus einer Ringvorlesung in Düsseldorf. «1968» wird hier, zumindest im Titel, in den Zusammenhang des «MetaErinnerungsortes» «Bonner Republik» gestellt.

Thomas Gerhards gibt zuerst einen Überblick über bisherige Forschungen und Deutungen zu «68»: Handelt es sich um einen Containerbegriff, um eine Lebensstilrevolution, wie ist «68» in die Vor- und Nachgeschichte einzureihen, und wie ist das mit den (verschiedenen) Generationen? Dieser Beitrag ist für Neulinge hilfreich, da er einen Überblick zu einigen Strängen verschafft, für Fortgeschrittene wird sich aber nichts Neues finden. Uta Hinz fokussiert dann unter dem Titel «Aufruhr am Rhein» auf die Geschehnisse in Nordrhein-Westfalen. Dort gibt es bis Mitte der 1960er genau vier Universitäten, in Aachen, Bonn, Köln und Münster. Hinz zeigt, und auch Gerhards weist darauf hin, dass «68» eben nicht nur in Berlin, Frankfurt/Main oder anderen Hotspots der sog. «Studentenbewegung» stattfand, sondern überall war, aber eben auch überall anders. Es fand auch in der Provinz statt, zu der, zumindest in dieser Hinsicht das Ruhrgebiet damals gehörte. Die beiden mit reichlich Literatur unterfütterten Texte zeigen, dass die Jugendrevolte zugleich lokal und (durch Medien und Texte vermittelt) global war.

Der Kunsthistoriker Jürgen Wiener widmet sich aus planungs- und architekturgeschichtlicher Perspektive ausführlich den Neubauten der neu gegründeten Reformuniversitäten und Gesamthochschulen. Berühmte und damals viel beachtete Beispiele sind die in Bochum oder Bielefeld und die an anderen Standorten wie Konstanz, Bremen oder Regensburg. Wegen des immensen Flächenbedarfs wurden sie allesamt als Campus-Universitäten geplant und gebaut. Dieser Beitrag hat wirklich Neuigkeitswert und schildert unter anderem, wie die voluminösen Bauten flexibel gestaltet sein und mit welchen baulichen Mitteln die Interdisziplinarität gefördert werden sollte. Nach ihrer Fertigstellung gerieten sie schnell als seelenlose Betonmonster in die Kritik.

Ein Interview mit Dieter Klemm, einem der wichtigsten Mitwirkenden bei «Floh de Cologne», einer «Politrock-Band und Kabarettgruppe» (wikipedia), die bis 1983 existierte war und sich im eher traditionell-linken Milieu engagierte, schließt diesen Teil des Buches ab. Danach finden sich weitere vier Beiträge, u.a. zu naiver Malerei, zu zwei Schriftstellern und ihrem Wirken (Dieter Wellershoff) bzw. ihrer Rezeption (Alfred Döblin) in jenen Jahren, sowie ein Namens- und Ortsregister. Die drei Texte und das Interview in der ersten Hälfte sind lesenswert, die anderen fallen dann, erst recht aus historischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive, doch etwas ab. Die klassischen Nachteile eines Sammelbandes. Warum und dass das Buch einen Bezug zur Bonner Republik herstellt, hat sich mir nicht wirklich erschlossen.

Gertrude Cepl-Kaufmann / Jasmin Grande / Ulrich Rosar / Jürgen Wiener (Hg.): Die Bonner Republik 1960–1975 – Aufbrüche vor und nach »1968». Geschichte – Forschung – Diskurs; transcript Verlag, Bielefeld 2020, 346 Seiten, 38 EUR