News | Rassismus / Neonazismus - Migration / Flucht Anschlag von Hanau: «Warum haben sie uns voller Hass das Leben weggenommen?»

Im Gespräch mit Serpil Temiz Unvar

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Serpil Temiz Unvar Foto: Ercan Ayboğa

Am 19. Februar 2020 erschoss ein Rechtsterrorist in Hanau neun Menschen. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Kaloyan Velkov und Ferhat Unvar wurden an jenem Tag aus dem Leben gerissen. Serpil Temiz Unvar, Mutter von Ferhat Unvar, gründete nach dem Anschlag die Bildungsinitiative Ferhat Unvar, um die Erinnerung an ihren Sohn und an die Opfer von Hanau aufrecht zu erhalten und antirassistische Arbeit im Bildungsbereich zu stärken. Wir sprachen mit ihr über ihren Sohn Ferhat, die Zeit nach dem Anschlag und die Bildungsinitiative Ferhat Unvar.

Das Interview führten Efsun Kızılay und Ercan Ayboğa.

Efsun Kızılay: Liebe Serpil, vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast. Der Anschlag von Hanau hat sehr schmerzhafte Spuren hinterlassen. Wie war die Zeit nach dem Anschlag für euch? Habt ihr ausreichend Unterstützung von staatlichen Stellen erhalten?

Serpil Temiz Unvar: Wir Familien haben unseren Schmerz noch nicht wirklich verarbeiten können. Hierzu hatten wir weder die Zeit noch die Möglichkeit. Wir haben uns unmittelbar nach dem Anschlag in einen Kampf begeben, den Kampf um Aufklärung. Je mehr versucht wird, die Tatumstände zu vertuschen, desto mehr neue Informationen befördern wir zutage. Wir fühlen uns inzwischen wie Detektive. Wir kämpfen gegen Rassismus, wir setzen uns dagegen ein und das Einzige, was wir bekommen, sind warme Worte und schöne Sätze. Wir Familien reden jeden Tag, jede Minute darüber. Das kostet wirklich sehr viel Kraft. Wir überlegen uns, was wir als nächstes machen sollen. Wir verbringen 24 Stunden damit, über diese Tat zu sprechen und darüber, welche Wege wir bestreiten sollen. Nein, wir haben keine Unterstützung bekommen, überhaupt nicht. Sie wollen es nicht akzeptieren. Sie wollen nicht akzeptieren, dass es auch in der Polizei Rassist*innen gibt. Weil die Behörden und Politiker*innen es nicht offiziell akzeptieren wollen, dass es Rassismus gibt, versuchen sie uns mit warmen Worten zu vertrösten, aber wir sind keine Familien, die man einfach so stillhalten kann. Sie sagen, dass es ein Einzelfall war. Nur Herr Steinmeier (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier; Anm. d. Red.) und Herr Kaminsky (Claus Kaminsky, Oberbürgermeister der Stadt Hanau; Anm. d. Red.) haben es öffentlich zugegeben. Vor ihnen habe ich Respekt. Sie haben ihre Betroffenheit geäußert und mitgeteilt, dass die Tat aufgeklärt werden müsse. Doch sehen wir bislang keine Schritte, dies auch wirklich zu tun. Sogar die Beweise und Hinweise, die wir eigenständig finden, nehmen die Behörden nicht ernst und versuchen die Akte zu Hanau zu schließen.

Efsun Kızılay: Welche Unterstützung wünscht ihr euch?

Serpil Temiz Unvar: Ich möchte wirklich nicht über finanzielle Unterstützung sprechen. Es wurde so getan, als hätten die Familien eine Summe von 600.000 Euro erhalten, aber dieses Geld wurde an die Stadt übertragen, um Projekte gegen Rassismus umzusetzen. Es wurden viele Falschmeldungen und Lügen wie diese in den Umlauf gebracht. Eine Mitarbeiterin des Opferbeauftragten des Landes Hessen sagte bei einer Begegnung sogar zu mir, dass mein Sohn auch bei einem Unfall ums Leben hätte kommen können. Sie haben uns Familien nach der Tat 30.000 Euro überwiesen. Hätte ich gewusst, dass sie so etwas sagt, hätte ich dieses Geld abgelehnt. Das, was ich will, ist, dass sich in diesem Land etwas ändert. Sie denken, dass sie uns Geld geben und die Akte daraufhin schließen können. Aber mein Kind ist nicht käuflich, der leblose Körper meines Kindes ist nicht käuflich. Ferhat war sein ganzes Leben lang mit Rassismus konfrontiert und ihm wurde aus rassistischen Gründen das Leben genommen. Es gibt keinen materiellen Gegenwert hierzu. Das Einzige, was mich etwas besser fühlen lassen könnte, wäre Folgendes: Dass sich in Zukunft Sachen verändern, vor allem für die Jugendlichen, um wenigstens sagen zu können, dass diese jungen Menschen nicht umsonst gestorben sind und etwas verändert haben, als sie diese Welt verlassen mussten.

Ercan Ayboğa: Gab es Veränderungen in der Hanauer Bevölkerung?

Serpil Temiz Unvar: Ja, die gab es. Das kann ich sehen. Vor allem bei den Jugendlichen gibt es einige Veränderungen. Die Menschen sind sensibler gegenüber Rassismus geworden. Vorfälle, die früher als normal galten und hingenommen wurden, wie zum Beispiel der Alltagsrassismus, werden heute nicht mehr normalisiert. Die Menschen können den Mut aufbringen, dagegen einzustehen. Insbesondere die jungen Menschen kämpfen mit uns gemeinsam und bestreiten diesen Weg mit uns. Das gibt mir Kraft und Hoffnung.