News | Andenregion «In Chile gibt es nicht die eine Linke»

Legitim oder illegitim: Das linke Spektrum Chiles und der neue Verfassungsprozess

Menschen in Chile protestieren und schwenken Fahnen. Sie fordern eine neue Verfassung.
Bild: José Pereira / TELAM

Der neue chilenische verfassungsgebende Prozess ist im Gange. Die Regeln stehen fest und eines der drei Verfassungsorgane, ein Expert*innengremium, hat die Arbeit bereits aufgenommen und den Rahmen festgesetzt. Am 7. Mai 2023 finden Wahlen zum Verfassungskonvent statt, welcher den neuen Text ausarbeiten wird. Die große Frage ist, welche Positionen die chilenische Linke – innerhalb und außerhalb der politischen Parteien – bezüglich des Prozesses vertreten wird. 

Von Javiera Tapia Flores. Übersetzung: Ingrid van Muylem

«In Chile gibt es nicht die eine Linke. Es gibt verschiedene Linke», sagt Camila Miranda, Präsidentin der Stiftung Nodo XXI und Kandidatin für den Verfassungsrat von «Unidad para Chile» (Einheit für Chile). Unidad para Chile ist ein progressives Bündnis, das im Februar 2023 im Hinblick auf den neuen Verfassungsprozess von den Parteien Revolución Democrática, Convergencia Social, Comunes, Federación Regionalista Verde Social, Acción Humanista, Partido Comunista, Partido Socialista y Liberal gebildet wurde.

Die Auffassung, dass weder eine einzige Linke noch ein gemeinsames politisches Projekt existieren, ist eine der wenigen Meinungen, die von den beiden großen Gruppierungen, zu denen die hier Befragten gehören, geteilt wird. Sie bilden alle die sogenannte Linke – sowohl politischer Parteien als auch sozialer Organisationen –, die beim letzten Abstimmungsreferendum am 4. September 2022 die Option «Apruebo» (ich stimme zu) unterstützt haben. Damals hatte sich jedoch die Option «Desapruebo» (ich lehne ab) mit 62 Prozent der Stimmen durchgesetzt.

«Aus meiner Sicht gab es mit der Diskussion des Verfassungskonvents die Möglichkeit eines gemeinsamen Projekts, aber diese Niederlage hat die historischen Spaltungen verstärkt», erklärt Camila. «Ich habe den Eindruck, dass die Linken in Chile heute in verschiedene soziale Organisationen zersplittert sind, wie Landfragen, Umwelt, Feminismus, Pflege, Wohnraum. Das Gleiche geschieht, so glaube ich, in den Parteien von Apruebo Dignidad (der Regierungskoalition von Gabriel Boric)».

Die Linke in Chile befindet sich seit dem 4. September in einem Kontext der politischen Niederlage, in dem sie sich dem neuen Verfassungsprozess, der vom Kongress im vergangenen Dezember beschlossen wurde, stellen muss. An dem sogenannten Abkommen «Acuerdo por Chile» haben von der kommunistischen Partei bis zur traditionellen politischen Rechten alle teilgenommen. Dennoch steht fest: Es handelt sich um ein ganz anderes Verfahren als das vorherige, sowohl bezüglich der Regeln als auch der Zusammensetzung der Beteiligten.

Die Arbeit hat bereits begonnen, denn ein Expert*innenausschuss aus 24 vom Kongress gewählten Mitgliedern wird einen Vorentwurf einbringen. Dann wird wiederum ein 50-köpfiger Verfassungsrat – dessen Mitglieder am kommenden 7. Mai in verpflichtenden Wahlen gewählt werden – mit der Ausarbeitung beginnen kann. Das dritte Organ, das das neue System vervollständigt, ist der Technische Ausschuss für Zulässigkeit (Comité Técnico de Admisibilidad), der sich aus ebenfalls 14 vom Kongress gewählten Jurist*innen zusammensetzt, die eine Liste von zwölf Verfassungsgrundlagen geltend machen werden. Diese Grundlagen wurden nur einen Monat nach dem Referendum festgelegt und bereits im Artikel 154 des Gesetzes 21.533 festgeschrieben. Oder wie mehrere der Quellen für diesen Artikel sie definieren: Es geht um Grenzen, welche die Normendebatte nicht überschreiten darf.

Zwischen Beteiligung und Ablehnung

Generell teilen sich bei den Linken die Positionen bezüglich des neuen Verfassungsprozesses auf zwischen denen, die sich am Prozess als Teil einer notwendigen institutionellen Auseinandersetzung beteiligen wollen (politische Parteien), und denen, die den Prozess als illegitim hinterfragen (soziale Organisationen, von denen viele aktiv am vorherigen Prozess teilgenommen haben und sich für die Option «ich stimme zu» entschieden hatten). Zudem haben bislang nur wenige Bewegungen aus der Zivilgesellschaft klar zu den kommenden Wahlen im Mai aufgerufen. Manuela Royo, ehemalige Abgeordnete des Verfassungskonvents und Sprecherin der Umweltbewegung MODATIMA, die auch zur Coordinadora de Movimientos Sociales gehört (Koordinationsstelle für Soziale Bewegungen), erklärt, dass es innerhalb der Koordinationsstelle diejenigen gebe, die bereits eine Annullierungskampagne starten wollten, und andere, die noch nichts entschieden hätten. «Da es sich aber um eine Koordinationsstelle handelt, gibt es in diesem Punkt keine Einheitsmeinung. Im Grunde genommen hat jede Bewegung ihre Besonderheiten», sagt sie.

***

«Wir befinden uns in einem Szenario der Wahlniederlage und der parlamentarischen Minderheit. Hatte man also vor, den Verfassungsprozess fortzusetzen, war das Verhandlungsspielfeld sehr ungünstig. Ich muss klar sagen, dass uns das Ergebnis dieser Verhandlung nicht ganz zufriedenstellt. Aber welche war die Alternative? Den Verfassungsprozess zu beenden und die Pinochet-Verfassung beizubehalten?», fragt Diego Ibáñez, Abgeordneter und Vorsitzender von Convergencia Social, die Partei von Präsident Boric. Er weist darauf hin, dass seine Partei mit der Wahl eines Expert*innenausschusses «nie einverstanden“ war, «aber die politische Rechte hat diese Bedingung auferlegt, um ein zu 100 Prozent gewähltes Organ zu schaffen. Wir haben mit der Überzeugung zugestimmt, dass wir diese Bereiche bestreiten müssen, so sehr sie auch geschützt zu sein scheinen, denn es ist unsere politische und historische Pflicht», schließt er.        

Und danach richtet er eine Frage an diejenigen, die „legitimerweise» – stellt er klar – den Prozess kritisieren. «Und dann, was?» Sollen wir abwarten, bis sich eine Gelegenheit zum Sieg ergibt und eine Revolte stattfindet, um die Änderungen vorzunehmen?“ Er beantwortet die Frage sogleich selbst. «Revolutionäre Prozesse sind nicht solche, die sich unbedingt auf einem heroischen Bild konstruieren, sondern sich im Alltäglichen ergeben. Ich glaube, dass es hier zutiefst an Selbstkritik vonseiten bestimmter Akteure mangelt, die heute weder die Kapazitäten noch die Kraft haben, die politische Rechte zu konfrontieren, aber auch keine Alternativen bieten, um die Pinochet-Verfassung zu überwinden. Nichts zu tun und diese Verfassung beizubehalten ist eigentlich absolut konservativ. Es nicht zu wagen und nicht zu riskieren, ein neues Verfahren mit all den Schwierigkeiten, die uns die Niederlage eingebracht hat, anzustoßen, halte ich für zutiefst antirevolutionär», überlegt er.

Alondra Carillo, ehemalige Abgeordnete des Verfassungskonvents und Sprecherin der CF8M, der Feministischen Koordination des 8. März, erklärt, dass die derzeitige Position ihrer Organisation darin besteht, «den antidemokratischen und ausgrenzenden Charakter, mit dem der Prozess vereinbart wurde» anzuprangern. Dem stimmt auch Manuela Royo zu, die die neue Verfassungsgebungsweise als «sehr unpartizipatorisch, sehr undemokratisch und sehr unrepräsentativ für soziale Organisationen sowie für alle, die nicht den derzeit machthabenden politischen Parteien angehören» bezeichnet.

Matias Marambio, Aktivist von Convergencia Social und Koordinator der Abteilung für Diversität und geschlechtliche Vielfalt erklärt, dass innerhalb der Parteiführungen «eine Art Übereinstimmung darüber bestand, die priorisierte, die Fortführung des Verfahrens zu sichern bevor man sich einem möglichen Entwurf verschreibt». Darüber hinaus erklärt er, dass «ein Disput sowohl zwischen als auch innerhalb der Parteien der Regierungskoalition Apruebo Dignidad über die Gründe für die Wahlniederlage am 4. September besteht. Und daher ist zu fragen, in welchem Maße ein neues Verfahren diese Gründe berücksichtigen sollte, wobei Themen, die als Verfahrensmängel oder Schwachpunkte angesehen wurden, vermieden werden müssen».

Carrillo ist der Ansicht, «dass dieses Verfahren mit einem bewusst ausgrenzenden Charakter vereinbart wurde, und zwar basierend auf der Prämisse – die anscheinend von allen Parteisektoren übergreifend geteilt wird – dass ein Fehler des ersten Anlaufs darin bestand, die Beteiligung organisierter Gruppen der Volksbewegung durch Selbstvertretung zu ermöglichen. Und diese Behauptung kam von den Parteisektoren, insbesondere von den Parteien Partido Socialista (Sozialistische Partei) und Partido por la Democracia (Partei für Demokratie), sogar während der «Apruebo»-Kampagne.»

Absage an die Idee des Plurinationalstaats

Im neuen Verfassungsprozess scheint das Konzept eines Plurinationalstaats bereits von der Debatte ausgeschlossen worden zu sein – aufgrund der Einführung der zwölf Verfassungsgrundlagen. Eine dieser Grundlagen besagt, dass die chilenische Verfassung die indigenen Völker als Teil der chilenischen Nation, welche (nur) eine und unteilbar ist, anerkennt. Jedoch wird auch die Beteiligung der indigenen Völker dieses Mal anders sein. Im ersten Verfahren waren 17 Sitze für Vertreter*innen vorgesehen, aber dieses Mal wird ihre Teilnahme nur auf die Vertretung im Verfassungsrat beschränkt, mit der Bedingung, eine Mindestanzahl an Stimmen zu erlangen. «Der im Abkommen definierte Mechanismus für eine neue Verfassung reserviert streng genommen keinen Sitz, sondern ‚eröffnet die Möglichkeit‘ einen zu erlangen, wobei eine effektive Repräsentation über die Wahl indigener Personen restriktiven und unbegründeten Bedingungen unterliegt. Damit indigene Personen vertreten werden, müssen sie nicht nur wählen, sondern bestimmte Beteiligungsmargen erreichen. Diese Beteiligung wird auch in Bezug zur nationalen Beteiligung von nicht-indigenen Personen beurteilt», erklärt Claudia Iriarte, Akademikerin der Fakultät für Rechtswissenschaften der Universidad de Chile und Forscherin am Centro de Derechos Humanos (Zentrum für Menschenrechte).

«Ich finde es bedauerlich, dass dieser Expertenausschuss anscheinend Türen schließt, statt sie zu öffnen», sagt Elisa Loncon, Mapuche, Akademikerin, Linguistin und ehemalige Vorsitzende des Verfassungskonvents. «Er schließt Türen, weil die Expertise begrenzt ist. Und sie hat Grenzen, weil es eine Vorvereinbarung gibt, welche besagt, dass Chile eine Nation ist, und von diesem Einheitsbegriff werden wir alle ausgeschlossen. Deswegen gibt es im Ausschuss keine Präsenz indigener Experten. Die vorbehaltenen Sitze wurden nicht anerkannt. Es wird ein großer Fehler begangen, wenn man die von uns erreichten Fortschritte über demokratische Prozesse nicht berücksichtigt, denn alles hat seine Konsequenzen. Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird, weil ich nicht in der Lage bin, das zu beurteilen. Es gibt andere Leute, die das Verfahren weiterführen. Und trotzdem bedeuten mir die großen Themen weiterhin sehr viel, wie der Vorschlag der Plurinationalität, um die Probleme der politisch-historischen Marginalisierung zu lösen. Wir sehen hier immer noch eine Chance», erklärt sie.

«Bei der Beteiligung der indigenen Völker ging es nicht nur um ihr kollektives Recht, sondern auch um eine Ausweitung der demokratischen Möglichkeiten, über den Staat nachzudenken. Dies wurde in diesem zweiten Anlauf unterbunden», sagt Claudio Alvarado Lincopi, Historiker und Forscher am CIIR (Zentrum für Interkulturelle und Indigene Studien). «Die indigenen Völker werden ausgeschlossen ebenso wie andere Ausdrucksformen, die für das Ganze scheinbar verantwortlich sind». Seiner Meinung nach wird das neue Verfahren «wieder von den großen politischen Parteien, die in den letzten dreißig Jahren am meisten Macht aufbauen konnten, ausgehandelt werden. Deshalb glaube ich, dass sich die indigenen Völker nicht beteiligen, weil eine politische Entscheidung die demokratische Diskussion auf ganz bestimmte Akteure reduziert», schließt er.

Claudio erklärt zudem, dass es innerhalb der indigenen Bewegung „Leute gibt, die sich an diesem zweiten Anlauf beteiligen möchten, und andere, die das nicht wollen und dazu aufrufen, am 7. Mai ungültig zu wählen. Ich gehöre zur Gruppe, die zum Wählen aufruft. Wer jedoch ungültig wählen möchte, soll dies mit dem grünen Stimmzettel der Indigenen tun, um zu signalisieren, dass der Staat Wege eröffnen muss, damit die Stimmen der indigenen Völker sowohl wahlrechtlich wie politisch-institutionell zum Ausdruck kommen. Und vor diesem Hintergrund finden sich zwei Positionen, von denen ich zwar nicht weiß, ob sie gegensätzlich sind, die jedoch nicht auf der gleichen Seite stehen. Ich glaube auch, dass diese Situation auf die sozialen Bewegungen allgemein übertragen werden kann. Das sind die zwei Perspektiven, wobei die eine sich nicht an der Wahl beteiligen möchte, weil es sich um ein von oben, demokratisch geschlossenes und ohne die Partizipation der Territorien auferlegtes Verfahren handelt. Natürlich teile ich sehr viele dieser Ansichten. Und dann gibt es die andere Perspektive, für die eine Beteiligung trotzdem wichtig ist, weil unsere Überlegungen eingebracht werden müssen, vor allem, damit wir nicht aus der politisch-institutionellen Debatte, der wir uns ja verpflichtet haben, ganz verschwinden.

***

Laut der Umfrage des öffentlichen Meinungsforschungsinstituts Cadem der letzten Märzwoche, wissen 48 Prozent der Befragten nicht, dass Wahlen stattfinden werden, 88 Prozent kennen die Kandidat*innen ihrer Regionen nicht und 70 Prozent haben kein Interesse an den Nachrichten zu diesem Thema. Vor diesem Hintergrund behaupteten 44 Prozent, dass sie gegen und 34 Prozent für den Verfassungsentwurf stimmen werden. 22 Prozent äußerten sich dazu nicht.        

«Diese Ernüchterung der Bürger und Bürgerinnen haben wir im La Neta-Team auch gespürt», sagt die Journalistin Bianca González, Direktorin von La Neta, ein 2021 gegründetes Medienunternehmen, das den Verfassungskonvent detailliert abgedeckt hat. «Wir haben festgestellt, dass es jetzt anders zugeht. Als früher beispielsweise ein Gesetzesentwurf vorgestellt wurde, versammelten sich die sozialen Organisationen, Vertreter aus verschiedenen Bewegungen, Leute im Allgemeinen. Sie nahmen an den Presseterminen im Kongress teil, um ihre Vorschläge zu erläutern und sie der Presse mitzuteilen. Das haben wir während der bisherigen Arbeit des Expertenausschusses nicht erlebt. Es gibt dort keine sozialen Organisationen, die unterstützen», berichtet sie.

Großes Misstrauen gegenüber den politischen Institutionen

Alondra Carrillo glaubt, dass die Abneigung der Bevölkerung «ein dauerhaftes Merkmal in der Beziehung zwischen den Menschen und den politischen Institutionen der letzten 30 Jahre ist. Wir haben diese Haltung auch im vorherigen Prozess beobachtet, aber in den Sektoren, die sich beteiligt haben, sahen sie die Erwartungen und den Sinn, den sie von dem Prozess hatten, auf sehr konkrete Weise zerstört. Und ich glaube, dass diese emotionale und politische Erfahrung der engagierten Sektoren auch der Grund dafür ist, dass es für viele Menschen heute sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, sich mit einem Verfahren zu identifizieren, das unmittelbar durch die Verneinung des anderen konzipiert wurde, d.h. des Prozesses, in den sie ihre Erwartungen, ihre Wünsche, ihre Träume gesetzt hatten. Es scheint so zu sein, dass die Sektoren, die von dem Prozess willkürlich ausgeschlossen wurden, sich dagegen sträuben würden, über ihn nachzudenken».

Manuela Royo ist der Meinung, dass die mangelnde Beteiligung und das fehlende soziale Interesse an diesem neuen Verfassungsprozess «kein Zufall ist, da es sich um einen Vorschlag handelt, der auf diese Weise völlig entfernt von den Menschen, von den Bürger*innen, gestaltet und beschlossen wurde». Camila Miranda glaubt hingegen, dass es «neben dem Verdruss auch eine allgemeine Ermüdung gibt». Die Kandidatin für den Verfassungsrat führt dieses Desinteresse aber auch auf die Gestaltung des Prozesses zurück, «was bedeutet, dass das Agieren der politischen Parteien überwiegt. Und seien wir ehrlich, in Chile gehören weniger als sieben Prozent der Bevölkerung einer politischen Partei an, und auch sie sind misstrauisch. Ich denke also, dass die Kombination aus Ermüdung und Frustration des vorherigen Prozesses auf der einen Seite mit dem anderen Element – der Gestaltung des Verfahrens zugunsten eines Parteiprotagonismus auf der anderen – ebenfalls zu dieser Ablehnung führt.»

«Die Rechten wollen uns einreden, dass der politische Zyklus zu Ende ist und dass der Expertenausschuss die Hauptfigur unserer Demokratie ist, aber das stimmt nicht. Sieht man sich eine einigermaßen seriöse Umfrage an, dann wird klar, dass die politischen Parteien in ihrer Legitimität zutiefst verletzt sind und der politische Zyklus der demokratischen Öffnung daher nicht abgeschlossen ist. Und wenn er nicht abgeschlossen ist, hat der politisch-institutionelle Streit immer noch einen Sinn, nicht wahr?», sagt Claudio Alvarado.

Die Beteiligung der Zivilgesellschaft am neuen Verfassungsprozess bleibt unklar

In diesem neuen Verfassungsprozess wird es vier Formen der Bürger*innenbeteiligung geben: die Bürger*inneninitiative für Gesetzesvorlagen, öffentliche Anhörungen, Bürger*innendialoge und Bürger*innenbefragungen. Bianca stellt sich eine wichtige Frage: Inwiefern wird die Zivilgesellschaft durch diese Mechanismen tatsächlich Einfluss nehmen können? Das weiß man nicht. «Denn sie drehen sich alle um einen Gesetzesentwurf, der bereits ausgearbeitet wurde, und es wird Gelegenheit geben, Meinungen und Vorschläge zu äußern, aber nicht zu entscheiden», sagt die Journalistin.

Carrillo glaubt nicht an eine tatsächliche Bürger*innenbeteiligung, da «alle Bestimmungsbefugnisse, die letztlich zur Lösung möglicher Kontroversen führen, bei den parlamentarisch vertretenen Parteiorganisationen liegen. Wenn zum Beispiel der Volkswille durch eine normative Bürger*inneninitiative eine bestimmte Abstimmung innerhalb des Verfassungskonvents herbeiführen möchte und diese mit den 12 Verfassungsgrundlagen kollidiert, dann entscheidet der Technische Ausschuss für Zulässigkeit, der von den Parteien gebildet wurde».

Während der kürzlich veranstalteten Vorstellung des Buches De triunfos y derrotas: narrativas críticas para el Chile actual («Von Siegen und Niederlagen: kritische Erzählungen aus dem heutigen Chile“), sagte Claudia Zapata, Direktorin des Centro de Estudios Culturales Latinoamericanos (Zentrum für kulturelle lateinamerikanische Studien) der Universidad de Chile, dass ein Gedanke, der in den verschiedenen Texten der Publikation immer wieder auftauchte, «die Überzeugung war, dass den Parteien, Bewegungen und Organisationen, die die heterogene Welt der Linken bilden, keine Verwurzelung in der breiten Bevölkerung haben».

«Man müsste zuerst definieren, was Verwurzelung und was dabei die breite Bevölkerung ist, aber zum Teil stimme ich zu», erklärt Diego Ibáñez. «Es besteht eine tiefe Elitisierung der linken Alternativen, die sich in den Mittelschichten verankert hat, und es gibt eine populäre Welt, die sich in einem andauernden Konkurrenzdschungel befindet, wo der Ausweg aus der Mühsal individuell, über den Konsum, über die Verdrossenheit gegenüber den Institutionen gesehen wird. Das konnte der Sektor, den ich vertrete, leider nicht umkehren. Der Partei Frente Amplio ist es schwergefallen, zu diesen Teilen der Gesellschaft durchzudringen», schlussfolgert er.

Wie kann diese Distanz zwischen Menschen und linken Parteien und Organisationen überwunden werden? Matías Marambio glaubt, dass ein Schlüssel zur Lösung des Problems in der Frage liegt, was eine Bewegung, ob Partei oder nicht, den Menschen außerhalb der Bewegung bieten kann. «Was hat eine Bürgerin davon, wenn sie sich zum Beispiel einer feministischen Organisation anschließt, was sie sonst nicht auf anderen Wegen erreichen würde? Damit sind wir wieder bei der alten Frage, wozu wir uns organisieren. Ich habe auch das Gefühl, dass einige Organisationen und Parteien hier ein Problem haben. Wir denken, dass, nur weil wir gute Ideen haben oder gute Diagnosen stellen, oder weil wir uns als Menschen mit einer gewissen moralischen Überlegenheit fühlen wollen, dadurch die Leute zur Teilnahme animieren werden. Was motiviert die Leute, sich zur freiwilligen Feuerwehr zu melden und nicht an einer Gewerkschaftsversammlung teilzunehmen? Wir sollten darüber nachdenken», sagt er.

Camila Miranda ist der Meinung, dass man sich nur «die letzten Ergebnisse ansehen muss, um festzustellen, dass das Problem der sozialen Verwurzelung tatsächlich existiert. Ohne ein gemeinsames politisches Projekt ist es natürlich schwieriger, einen Dialog zu konstruieren und einen Vorschlag für das Land zu entwickeln. Wir müssen als Linke aus den Erfahrungen vergangener Aufbauprozesse lernen, denn Wandlungsprojekte werden nicht nur von Programmen, sondern von Handlungen und Menschen getragen. Nehmen wir als Beispiel die Studierendenbewegung oder die massiven feministischen Mobilisierungen. Es blieb eine Leerstelle zurück, die von anderen regressiven politischen Strömungen eingenommen wurde. Wir teilen diese Bestrebungen natürlich nicht. Die kommenden Wahlen sind die Ersten nach der Septemberniederlage, daher glaube ich, dass es nicht nur um die Verfassungsänderung geht, sondern auch um das Kräfteverhältnis der Linken und darum, inwieweit die rückwärtsgewandten Sektoren wie die Parteien Partido Republicano und Partido de la Gente an Stimmen gewinnen werden».

Für Claudio Alvarado Lincopi erlitt die Linke nach dem 4. September 2022 zwei Niederlagen: die Wahlniederlage, aber auch die Niederlage bei der Erzählung: «Wer bei den Wahlen gewinnt und die Fähigkeit besitzt, dies in eine Realitätsschilderung oder in ein politisches Moment zu übertragen, gewinnt zweimal», sagt er.

Die politische Rechte hat ihre Agenda sowohl in einer eher reaktiven als proaktiven Regierung, als auch innerhalb des Verfassungsprozesses selbst durchgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die Debatte über Kriminalität, organisiertes Verbrechen und Sicherheit, die sogar die Wahlkampfsendungen im frei empfangbaren Fernsehen verschlungen hat. Alondra Carrillo bezeichnet diesen Sektor als «eine Rechte ohne Projekt, die dem Land nichts anderes zu bieten hat als eine strafgesetzliche Agenda, die uns einen verfassungsgebenden Prozess beschert, der eher der Ausarbeitung eines neuen Strafgesetzbuches als der Ausarbeitung eines neuen Sozialpaktes gleicht».

Wir wissen nicht, was nach dem 7. Mai 2023 passieren wird, wenn die Verfassungsräte gewählt werden, aber während die chilenischen Linken noch immer keine gemeinsame Strategie haben, um diesem neuen Prozess zu begegnen, steht fest, dass die konservativsten Teile der Gesellschaft und Politik zweifellos an Boden gewinnen.