News | Bericht über die Ausstellung der Ebert-Stiftung zur Sozialdemokratie 1863-2013: „Begehbares Geschichtsbuch“

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"150 Jahre deutsche Sozialdemokratie. Für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität!" titelt eine Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die anlässlich der 150jährigen Geschichte der SPD durch die Bundesrepublik tourt. 

Die Ausstellung besteht aus 42 Schautafeln, die chronologisch angeordnet und in fünf Abschnitten (Phasen) unterteilt sind. Sie lassen sich grob wie folgt umreißen: Von Barrikadenkämpfen zur Gründung des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV)“ (1848-1863), Von der sozialen Bewegung zur Arbeiterpartei (1863-1918), Mit-Regieren in der Weimarer Republik (1918-1933), Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus (1933-1945), Neubau als Volkspartei in Opposition und Regierungsverantwortung (1945-1989/90) und zuletzt folgt ein recht populistisch gehaltener Abschnitt zur aktuellen Situation der SPD (1990-2013). Die einzelnen Tafeln beinhalten jeweils einen erklärenden Haupttext, illustriert mit charakteristischen, teilweise ikonographischen Fotografien. Prägnante Zitaten und zeitgenössische Dokumenten vervollständigen die ansprechende, aufgelockerte Grafik, so dass der Gesamteindruck eines modernen Geschichtsbuchs entsteht. Vier Hörstationen mit jeweils vier zwei bis fünf Minuten dauernden Audio- und Filmbeiträgen ergänzen die Tafeln. Diese Audio-Stationen sind nicht in die Chronologie einbezogen, vielmehr vertiefen sie einzelne Themen, wie z.B. die Programmatik der Partei, Wahlfilme und Plakate im Zeitlauf oder auch „Weimar und Nationalsozialismus“. Zeitlich beginnt die Darstellung schon 1848, da die Gründung des ADAV ohne diese Revolution nicht denkbar ist. Hier wie in den folgenden Abschnitten werden erwartbare, zentrale Themen und Ereignisse vorgestellt: Sozialistengesetze, Revisionismusstreit, Burgfrieden 1914, Gründung der USPD und Arbeiterkultur. 1912 erhält die SPD bei der Reichstagswahl 4,2 Millionen Stimmen. Der Zeitabschnitt von 1918-1933 (sieben Tafeln) behandelt neben parlamentarischen Themen der Weimarer Republik das Engagement der SPD für die Gleichberechtigung der Geschlechter und den Aufbau der Arbeiterwohlfahrt (AWO), auch die zunehmend notwendiger und heftiger werdenden Abwehrkämpfe gegen die erstarkende NSDAP. Die Zeit von Verfolgung, Exil und Widerstand im Nationalsozialismus thematisieren die vier Tafeln „1933-1945“. Durch den Nationalsozialismus sei das die SPD tragende Milieu zerbrochen worden, so die Botschaft des dazugehörigen Einführungstextes. Der Nachkriegszeit (1945-1989, mit 13 Tafeln) widmet sich der nächste Abschnitt. Hier ging es für die SPD, darum, so die Einführung „den Wohlstand gerecht zu verteilen“, und, „Ballast abzuwerfen“, was mit dem Godesberger Programm 1959 erfolgt sei. 1955 erfolgte der Umzug des Parteivorstandes von Hannover nach Bonn, in die berühmte Baracke, die bis 1979 (!) benutzt wurde. In diesen Zeitraum fällt auch die Ostpolitik und die sozialliberale Koalition. 1976 und 1977 hat die SPD über eine Million Mitglieder (zum Vergleich: 1960 waren es 649000). Abweichende Meinungen, etwa dass Peter von Oertzen gegen das Godesberger Programm gestimmt hat oder Wolfgang Abendroth ausgeschlossen wurde, werden nicht verschwiegen. Eine Tafel informiert über die Unterdrückung von SozialdemokratInnen in der DDR. Auffallend ist, dass die Mitgliederentwicklung der SPD in einer Grafik nur bis 1982 dargestellt wird. Vermutlich wollten die Macher_innen so vermeiden, den damals schon beginnenden rapiden Rückgang darstellen müssen. 

In Bremen werden die vier Tafeln von 1989 bis zur Gegenwart aus Platzgründen in einem Nebenraum gezeigt und wirken daher etwas versteckt. Hier steht die Wiedererringung der Regierungsbeteiligung 1998 im Mittelpunkt („Neuer Aufbruch“). Einige Passagen dieser vier Tafeln sind hart an der Grenze zum Kitsch und scheinen dem kommenden Wahlkampf vorzugreifen. Eine „Wiederkehr der Politik“, wird hier ganz im Sinne der aktuellen Selbstdarstellung der SPD, gefordert bzw. konstatiert.

Die Anordnung der einzelnen Abschnitte ist zumindest in der Aufstellung, wie sie in Bremen gezeigt wird, nicht ganz selbsterklärend. Die Chronologie wird gelegentlich unterbrochen, wenn z.B. Themen wie die Arbeiterkulturbewegung oder die Gleichberechtigung von Frauen erst im Abschnitt zur Weimarer Republik (1918-1933) auftauchen. Dies vermittelt den Eindruck, dass beide Themen marginal seien - aber doch so wichtig, dass sie irgendwo untergebracht werden mussten. Ergänzt werden sollte die Schau auf jeden Fall um die Arbeiterinnenbewegung des Kaiserreichs und das konfliktbehaftete Verhältnis der Genossen zu ihren Schwestern.

Wer sich mit der Geschichte der SPD beschäftigen und deren zentrale Ereignisse und die von ihr gesetzten politischen Akzente in Erinnerung rufen will, erhält mit dieser Schau die gute Gelegenheit dazu. Trotz der Textlastigkeit, die in der Natur des Themas liegt, ist der Umfang der Ausstellung - begünstigt durch die abwechslungsreiche Gestaltung - bequem zu bewältigen. Zwei Stunden sollten allerdings schon eingeplant werden.

Die Ausstellungskritik basiert auf der Ausstellung in Bremen. Dort gastiert sie noch bis zum 15. Februar im Gewerkschaftshaus am Bahnhofsplatz. Nächste Termine in Halle und Hannover. Alle bundesweiten Termine hier.

Website der FES zur Ausstellung www.fes.de/150Jahre

Lesebuch zur Ausstellung: www.fes-soziale-demokratie.de/lesebuch-geschichte.html

Bericht zur Ausstellung: 150 Jahre Sozialdemokratie auf Radio Bremen vom 1. Februar (mehr)

Bernd Hüttner ist Referent für Geschichtspolitik und Zeitgeschichte der Rosa Luxemburg Stiftung. Kirsten Tiedemann ist freie Historiker und Autorin in Bremen.