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1 Milliarde Afrikaner verändern ihren Kontinent und die Welt

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Afrikas Wirtschaft boomt. Seit dem Jahr 2000 wuchsen ölexportierende Länder wie Angola, Nigeria und der Tschad im Durchschnitt um 12,9%, 6,7% bzw. 9,0 %pro Jahr. Aber auch in Staaten wie Ghana (5,9%), Mosambik (7,8%) oder Tansania (7,1%) wächst die Wirtschaft stark (siehe Tabelle 1). Treibende Kraft der neuen wirtschaftlichen Dynamik in Afrika ist die hohe Nachfrage nach Rohstoffen (Erdöl, Kohle, Erze), vor allem aus den schnell wachsenden asiatischen Staaten, allen voran China.

Afrikas Wirtschaftsboom lockt mehr und mehr ausländisches Kapital an. Vor allem in Afrikas Minen, aber mehr noch in den Dienstleistungsbereich (Finanzen, Transport, Telekommunikation, Handel und Tourismus), um die steigende Nachfrage der neuen Mittelschichten in Afrika zu decken, fließt das Geld ausländischer Investoren. Und auch an der lange vernachlässigten Landwirtschaft gibt es mehr Interesse aus dem Ausland. Vor allem Investoren aus Asien und den Golfstaaten greifen nach den landwirtschaftlichen Flächen Afrikas, um für ihre eigenen wachsenden Bevölkerungen oder für den Export von Nahrungsmitteln oder Biotreibstoffen zu produzieren.

Stephen Ellis, einer der wichtigsten Afrikawissenschaftler weltweit, der an der Universität von Amsterdam unterrichtet, hat sich in seinem Buch „Season of Rains. Africa in the World“ mit dem neuen, boomenden Afrika auseinandergesetzt. Im Rahmen einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Südliches Afrika mit lokalen Partnern organisierten Vortragsreihe hat Ellis am 13. Mai an der Universität Kapstadt vor knapp 60 Zuhöhrern über Afrikas Platz in der Welt referiert. Ihm zur Seite stand Achille Mbembe, Professor an der Witwatersrand Universität (http://wiser.wits.ac.za/users/achille-mbembe), der mit seinen zahlreichen Schriften zu den wichtigsten Intellektuellen Köpfen des Kontinents zählt. Komplettiert wurde das Panel durch Prof. Richard Calland, University of Cape Town, und Kollumnist der südafrikansichen Wochenzeitung Mail&Guardian.

Für Ellis ist die weitere wirtschaftliche und soziale Entwicklung Afrikas offen. Sorge macht ihm, dass Afrika die Chancen nicht nutzen könnten, die „seit den 1960er Jahren nicht mehr so groß waren.“ Die Eliten und Intellektuellen Afrikas, so Ellis, könnten die bestehenden Möglichkeiten verspielen, „denn viele Führer Afrikas haben keine Visionen.“ Zwar gebe es viele Papiere mit schillernden Titeln, doch bis auf Ruanda und Äthiopien, die für Ellis Geschmack überaus autorität geführt werden, gäbe es kaum ernsthafte Bemühungen die gesteckten Ziele auch wirklich erreichen zu wollen. In Afrika fehle es an effektiver staatlicher Planung, nicht nur weil die Politik versage, sondern auch weil die Verwaltung zu wenig eigenen Spielraum habe. Ellis spricht angesichts des Wirtschaftsbooms in vielen Ländern Afrikas, die aber über einen kaum funktionierenden Staat verfügen, von „successful failed states“.

Die rießigen Herausforderungen denen sich Afrika gegenüber gestellt sieht, bedürfen großer Anstrengungen, denn trotz hohem Wirtschaftswachstum und einigen sozialen Fortschritten (siehe Abbildung1) wächst die Massenarbeitslosigkeit und droht durch das Bevölkerungswachstum (siehe Tabelle 2) in vielen Ländern außer Kontrolle zu geraten.

Ellis skizzierte in Kapstadt mögliche Entwicklungswege. Vor allem die Landwirtschaft biete Chancen, da in Afrika große Teile der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen nicht oder nicht effektiv genutzt werden. 50 Millionen Hektar seien in Afrika ungenutzt. Diese Flächen befinden sich in drei Ländern: Angola, DR Kongo und Sudan.

Wie die weitere landwirtschaftliche Entwicklung organisiert werde, sei offen, so Ellis. Denkbar sei, wie das erfolgreiche Beispiel Malawis zeige, dass Kleinbauern eine tragende Rolle spielen könnten. Aber auch große Agrarbetriebe, die als Genossenschaften organisiert sein könnten, sind ein möglicher Entwicklungsweg. Große Investitionen in die Landwirtschaft von ausländischen Investoren steht Ellis nicht grundsätztlich ablehnend gegenüber. Wichtig ist, dass die afrikanischen Staaten gute Bedingungen heraushandeln. Wegen der schwachenVerwaltung und vor allem wegen kleptokratischen Politiker sind aber viele Vereinbarungen mit ausländsichen Investoren für die lokale Bevölkerung wenig einträglich oder sogar schädlich.

Die industrielle Entwicklung Afrikas sieht Ellis eher skeptisch. Zwar gebe es Ansätze für eine Industrialisierung, doch dort, wo die Industrie wie in Südafrika stärker entwickelt sei, würden durch die Konkurrenz mit China Arbeitsplätze verloren gehen.

Achille Mbembe lobte Ellis Buch als überaus intelligent geschrieben Lagebeschreibung des Kontinents. Für Mbembe durchläuft Afrika einen fundamentalen Transformationsprozess, der vor allem dadurch gekennzeichnet sei, dass Europas Hegemonie durch den Aufstieg Chinas in Afrika zu Ende ist. Die Auswirkungen dieser neuen Ordnung sind noch nicht klar zu ersehen. Wichtig zum Verständis der Lage Afrikas, sei auch die Analyse des Kapitalismus heute und vor allem seiner Beziehung zur Demokratie in Afrika.

Für Mbembe ist der Kapitalismus nicht notwendigerweise kompatibel mit der Demokratie. „Mehr und mehr werde deutlich, dass der wilde Kapitalismus die Demokratie aushöhlt“, so Mbembe. In Afrika, so erklärte Mbembe weiter, stellt sich die Frage wie die Millionen „Überflüssigen“, die der Kapitalismus nicht braucht, die weitere gesellschaftliche Entwicklung beinflussen werden.

Die abschließende Diskussion, an der das Publikum mit Fragen und Kommentaren rege teilnahm, kreiste um das angesprochene Verhältnis von Kapitalismus und Governance in Afrika und die immensen Entwicklungsprobleme vor allem in den schnell wachsenden afrikanischen Mega-Cities, die sich mit dem Zustrom der Menschen und der Ballung an Arbeitslosigkeit und Armut überfordert zeigen.