News | Deutsche / Europäische Geschichte Engelsing (Hrsg.): Die Grenze im Krieg. Der Erste Weltkrieg am Bodensee, Konstanz 2014

"Das Buch zeigt nochmals, wie der Krieg den Alltag veränderte: Durch Tod, Arbeitskräftemangel, Teuerung von Lebensmitteln, den Zwang Kriegsanleihen zu zeichnen. Er zeigt auch, wie wenig Widerstand es zumindest in Konstanz gab und wie sehr sich die potentiell oder real dissidenten Literaten und Künstler in ihrer eigenen, doch etwas abgeschotteten Welt bewegten."

Information

Die an der Grenze zur Schweiz gelegene Bodenseestadt Konstanz hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts 30.000 EinwohnerInnen. Sie ist eine Beamtenstadt und hat eine über 3000 Soldaten umfassende Garnison, die einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt. Weit wichtiger noch ist die Nähe zur Schweiz und der kleine Grenzverkehr, der der Stadt eine gewisse wirtschaftliche Blüte beschert. Als der Erste Weltkrieg beginnt, ändert sich auch in Konstanz einiges.

Der gewissermaßen offizielle, da vom Direktor der Städtischen Museen Konstanz herausgegebene Band „Die Grenze im Krieg“ versammelt eine Vielzahl von Themen und Perspektiven. Er ist in acht Kapitel unterteilt, die unter anderem das Verhältnis zur Schweiz, das Wirken von Pazifisten und KünstlerInnen rund um den Bodensee, die Heimatfront und schließlich das Ende der badischen Monarchie, die demokratische Revolution und das Kriegsgedenken und die Kriegsverherrlichung nach 1918 behandeln. Jedem Kapitel sind drei bis vier passende Biografien zugeordnet, die in teilweise auch längeren Texten eine persönliche Perspektive einbringen. Viele Quellen und Zitate dokumentieren den Rassismus und Militarismus dieser Zeit. Dabei werden hier, wie es heute mittlerweile auch in offiziellen Publikationen Standard ist, sowohl Männer wie Frauen, Arbeiter und Industrielle, Linke und reaktionäre Offiziere berücksichtigt: Etwa Ernst Bloch, der sich 1914 mit nur 17 Jahren freiwillig meldet und dann als einziger der zur Emigration gezwungenen Konstanzer Juden nach 1945 wieder zurückkehren wird.

Tobias Engelsing skizziert zu Beginn des Buches den „Aufbruch“, die Beklemmung und die Verbrüderung über die Klassengrenzen hinweg. Gegen Ende des ersten Kriegsjahres sind ca. 6.000 Konstanzer im Kriegseinsatz, rund 1.200 sind bereits tot. Am Ende des Krieges werden es um die 3.200 sein. Sichtbarer sind die Verwundeten und Verstümmelten. Pendelten vor dem Krieg um die 4.000 KonstanzerInnen in die Schweiz zur Arbeit und gab es auch anderweitig enge Verflechtungen, so reduzieren sich diese nun auf Konstanz als einen Ort, über den ab März 1915 mit Hilfe des Roten Kreuzes der Austausch von schwer verwundeten Franzosen und Deutschen stattfindet. Die grundsätzlich deutschfreundliche Schweiz sperrt und bewacht ihre Grenze, die Freizügigkeit ist Vergangenheit. Deutschland hat die (irrationale?) Sorge, dass Frankeich über die Schweiz Deutschland angreift, die Schweiz ist in gewissem Sinne entlang ihrer Sprachräume gespalten und – beliefert einfach alle Kriegsparteien.

Das Sanatorium Bellevue von Ludwig Binswanger im schweizerischen Kreuzlingen wird derweil zur, so Norbert Jacques,  „internationalen Nervenaufbügelungsanstalt erster Ordnung“, in der Literaten und andere sich ihre kriegsbedingten „Nervenzerrüttungen“ behandeln lassen. Während an der Front weiter gestorben wird, werden in Friedrichshafen in den gleichnamigen Zeppelin-Werken zwischen 1914 und 1918 genau 88 dieser Fluggeräte gebaut. Der Autor dieses Textes ist allerdings Leiter der Zeppelin-Abteilung am Zeppelin Museum.

Das Buch zeigt nochmals, wie der Krieg den Alltag veränderte: Durch Tod, Arbeitskräftemangel, Teuerung von Lebensmitteln, den Zwang Kriegsanleihen zu zeichnen. Er zeigt auch, wie wenig Widerstand es zumindest in Konstanz gab und wie sehr sich die potentiell oder real dissidenten Literaten und Künstler in ihrer eigenen, doch etwas abgeschotteten Welt bewegten. Die vom Krieg – in welcher Art auch immer – negativ betroffenen Menschen mussten diese Tatsache in ihr Weltbild integrieren. Was die Geschichtswissenschaft „Sinnvakuum“ nennt, das zeigt dieses Buch anschaulich, füllten die reaktionären Kräfte mit ihrem Mantra von „Opfermut, Pflicht und Heldenmut“. So stößt die Kriegsverherrlichung „von oben“ auf das Bedürfnis vieler Soldaten und vieler Angehöriger, dass das Sterben und Leiden nicht sinnlos gewesen sein konnte.

Der preiswerte Band ist, wie auch der zu Osnabrück (Rezension) oder zum Oberrhein (Rezension), reichhaltig illustriert (vgl. auch den zu Bremen (Rezension)). Die dazugehörige, aber, gerade im Vergleich zum Begleitbuch, leider sehr schwache Ausstellung ist noch bis 30. Dezember 2014 zu sehen.

Bernd Hüttner

Tobias Engelsing (Hrsg.): Die Grenze im Krieg. Der Erste Weltkrieg am Bodensee, Konstanzer Museumsjournal 2014/Rosgartenmuseum, ISBN 978-3-929768-31-2, 368 Seiten, 21,90 EUR