News | German / European History - GK Geschichte Worpswede und die europäischen Künstlerkolonien – Ausstellung in Hannover

Umfangreiche Begleitpublikation ist das Standardwerk der neueren Forschung zum Thema

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Die aktuelle Ausstellung im Landesmuseum Hannover präsentiert mit über 200 Werken, darunter zahlreiche hochkarätige Leihgaben, die Geschichte der europäischen Künstlerkolonien. Künstlerkolonien gibt es ab 1820, ihren Höhepunkt finden sie zwischen 1875 und 1910. Sie sind Orte der Flucht aus der Stadt und der aus konservativen Kunstakademien - und somit eine kleine Utopie und für einige auch ein kleines Stück (neue) Heimat. Meist siedeln sich zuerst einige PionierInnen an, die dann andere KünstlerInnen oder auch SchülerInnen nach sich ziehen. Die Kolonien sind aber nur teilweise Protest gegen etablierte Strukturen, denn viele werden von gut ausgebildeten Künstlern oder Kunstprofessoren geprägt, wenn nicht gegründet.

Wichtige deutsche Künstlerkolonien sind Worpswede (ab 1884), Ahrenshoop (ab ca. 1880) und Hiddensee (ab ca. 1900), aber auch einige in Süddeutschland. Zu Unrecht nicht so bekannt ist Schreiberhau im damaligen Schlesien, wo einige faszinierende Winterbilder entstanden sind, wie in Hannover zu sehen ist.

Die Ausstellung geht auf ungefähr 20 Orte näher ein, und präsentiert dort entstandene Werke, die nahezu durchgängig Natur- und Landschafts- bzw. maritime Motive zeigen. Die unterschiedliche farbliche Gestaltung der Wände in der Ausstellung anhand der einzelnen Künstlerkolonien kann als anregend erlebt werden. Es wird spürbar, dass dort gemeinsame künstlerische Impulse wirkten, sei es durch die typische Topographie der Landschaft (Berge, Meer) oder durch die angewendeten künstlerischen Mittel (Fläche, Stimmungshaftigkeit, Zeichnung). Es schälen sich in einigen Kolonien auch jahreszeitliche Schwerpunkte heraus (Winter, Vorfrühling), die dann durch die Häufung der Bilder zu dieser Thematik zum Betrachten einladen. Die Bedeutung der verschiedenen Kolonien für die Ausprägung der Kunst der klassischen Moderne ist aber sehr unterschiedlich.

Die Künstlerkolonien sind zusammengefasst Orte einer auf Naturerfahrung konzentrierten, nachromantischen Kunst. Diese Reise in die Natur, die in der „Realität“ beim Reisen aus der Stadt zu den Kolonien, wie in den Motiven ihrer Bilder stattfindet, ist auch eine idealisierende, in die Vergangenheit weisende. Die Kolonien waren eben keine Wildnis, sondern wurden zu einem Arkadien zurechtfantasiert. Und bald zu Orten eines teilweise turbulenten Tourismus. Ihre Existenz ist daneben der Erfindung der Tubenfarbe zu verdanken, die es ermöglichte im Freien zu malen – und der der Eisenbahn, die die MalerInnen schnell von den Metropolen in die Dörfer oder an die Küsten brachte. Künstlerkolonien sind nicht zuletzt ein relativer Freiraum für Künstlerinnen.

Die Einführungstexte in der Ausstellung sind allerdings etwas arg kurz (PDF). Der Ausstellungskatalog ist dann dafür umso voluminöser, und die Abbildungen dort von sehr guter Qualität. Die einführenden (vier) Artikel zur Künstlerkolonieforschung sind, da fundiert und reflektiert, sehr lesenswert. In der Gesamtbetrachtung ist diese Publikation den allerdings außerhalb des Museums sehr hohen Preis wert. Im Katalog tritt eine eigentümliche Spannung zutage: Diese vier Artikel kritisieren und problematisieren das, was dann die Mehrheit der nachfolgenden Aufsätze tut: Die Kolonien idealisieren, oder sich in der Forschung verkürzend auf Biografien und persönliche Anekdoten als Quellen stützen. Neben Klaus Pese (Hrsg): Künstlerkolonien in Europa – im Zeichen der Ebene und des Himmels (Ausstellungskatalog, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, 2002) ist diese umfangreiche Publikation nun das Standardwerk der neueren Forschung zum Thema. So oder so, die Maler und wenigen Malerinnen in den Kolonien waren nicht vom Lauf der Welt abgeschieden (auch so eine Legende über Künstlerkolonien) und sie malten nicht das, was sie vor sich hatten, sondern das, was sie durch ihre Wünsche und Fantasie sehen wollten; und das, von dem sie vermuteten, dass ihre Kunden in den Städten es dann auf den Bildern gerne hätten.

Mythos Heimat. Worpswede und die europäischen Künstlerkolonien, Landesmuseum Hannover, noch bis 26. Juni, Eintritt 10, ermäßigt 8 EUR.

Thomas Andratschke (Hrsg.): Mythos Heimat. Worpswede und die europäischen Künstlerkolonien, Sandstein Verlag, Dresden 2016, 536 Seiten, 480 meist farbige Abb., 58 EUR (im Museum 29,90 EUR) (Link zur Leseprobe).