Publication Wirtschafts- / Sozialpolitik - Globalisierung - Afrika - Westafrika - Klimagerechtigkeit Niemand verantwortlich?

Die Ursachen für die Hungersnöte in Ostafrika sind nicht nur Krieg und Dürre

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Benjamin Luig,

Published

April 2017

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Auch 2006 waren mehr als 8 Millionen Menschen in Äthiopien, Kenia, Somalia und Dschibuti in akuter Not auf Grund der anhaltenden Dürre. CC BY-NC-ND 2.0, UNICEF Ethiopia

Am Mittwoch, dem 22. März, wandte sich der somalische Minister Abdirahman Mohamed Hussein an die Weltöffentlichkeit und gab bekannt, dass in den letzten Stunden in der Region Jubaland 26 Menschen verhungert seien. Am selben Tag tötete Khalid Masood in London bei einem terroristischen Anschlag drei Menschen. Während der Anschlag die westliche Medienberichterstattung in den folgenden Tagen beherrschte, ging der Appell des somalischen Ministers weitgehend unter. Bilder von hungernden Menschen und Tieren im Südsudan und in Somalia zeigen die Redaktionen der Mainstream-Medien zwar seit Wochen, aber sie bleiben Randnotizen. In diesen Randnotizen werden immer wieder Krieg und Dürre als quasi-natürliche Ursachen des Hungers genannt.

Es stimmt: Kriege machen den Südsudan und Somalia zu den Epizentren der Hungerkatastrophe. Kriege vertreiben Menschen, zerstören Ernten, Infrastruktur und Ernährungssysteme. Im Südsudan tobt seit 2013 ein Kampf um Macht und Ressourcen zwischen dem Präsidenten Salva Kiir und seinem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar, der die Rebellen anführt. Beide mobilisieren für ihre Machtinteressen entlang ethnischer Linien und tragen einen grausamen Machtkampf aus. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung - 2,2 Millionen Menschen - wurden vertrieben, 40.000 Menschen sind akut vom Verhungern bedroht. Auch der seit 1991 andauernde Bürgerkrieg in Somalia hat nach UN-Schätzungen eine Million Menschen zur Flucht aus dem Land getrieben, etwa eine weitere Million Menschen wurden zu Binnenflüchtlingen innerhalb des Landes. Sechs Millionen Somalis sind chronisch unterernährt. Anfang März hatte die somalische Regierung bekannt gegeben, dass binnen 48 Stunden 110 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, verhungert seien. Zum Hunger hinzu kommt die Cholera, die sich ausbreitet.

Der Krieg ist jedoch nicht der einzige Faktor. Der Hungernotstand herrscht aktuell in ganz Ostafrika. 23 Millionen Menschen sind in der Region betroffen und benötigen Nothilfe, auch in Äthiopien, Sudan, Kenia, Tansania und Uganda. Wichtig ist dabei nicht so sehr, »welches Land« betroffen ist, sondern welche sozialen Gruppen. Von massiven Nahrungsmittelpreissteigerungen aufgrund der Ernteausfälle in den letzten Monaten sind alle einkommensarmen Haushalte betroffen. Von der Dürre direkt aber sind insbesondere die Menschen betroffen, die in den ariden und semiariden, den trockenen und halbtrockenen Zonen Ostafrikas leben.

Ackerbau ist hier nur sehr begrenzt möglich, zentrale Grundlage ist die pastorale Viehhaltung mit ihrer Naturweidewirtschaft auf Busch- und Grasland. In Kenia beispielsweise sind 80 Prozent der Landesfläche arid oder semiarid. Ein Viertel der kenianischen Bevölkerung lebt hier. Anfang Februar hatte die kenianische Regierung den Notstand erklärt. 23 von 47 counties des Landes sind betroffen, die Zahl der akut unterernährten Menschen in Kenia hat sich auf mehr als 2,6 Millionen verdoppelt.

Die Hungersnot war absehbar, die Politik versagt

Drastische Dürren sind für die Pastoralist_innen der Region nichts Neues. Im Nordosten Kenias etwa waren im Verlauf des 20. Jahrhunderts alle fünf bis acht Jahre Dürrezyklen festzustellen. Eine lokale Dezimierung der Viehbestände um bis zu 50 Prozent war in extremen Trockenzeiten keine Seltenheit. In der Regel reagieren Pastoralist_innen auf die Zyklen, indem sie zwischen den Dürrejahren möglichst große Herden anlegen, um während der Dürre einen Teil zu verkaufen. Von den Einnahmen wiederum werden Grundnahrungsmittel, insbesondere Mais, gekauft. Die Menschen agieren in fragilen Ökosystemen, und passen sich diesen Ungleichgewichten durch Migration an. Temporärer Zugang zu Futter und Wasserressourcen sind essentiell, um mit den Dürren zurecht zu kommen.