Publication Globalization - International / Transnational - America Ideenschmiede für eine andere Welt

Ulrich Brand über das VI. Weltsozialforum in Caracas und die Konsequenzen für die Sozialforen-Strategie.

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Ulrich Brand,

Published

January 2006

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Das Weltsozialforum findet dieses Jahr “polyzentrisch” an drei verschiedenen Orten statt: Vergangene Woche in Bamako (Mali), derzeit in Caracas in Venezuela und Ende März im pakistanischen Karachi. Es wird, wie auf den fünf vergangenen Weltsozialforen, ein Kontrapunkt zum Weltwirtschaftsforum in Davos geschaffen, wo sich die ökonomischen Eliten treffen und über die Gestaltung der Welt in ihrem Sinne zu beraten. Das Weltsozialforum hat diesbezüglich eine hohe Symbolik entwickelt: Eine andere Welt ist möglich!
Dazu kommen für die TeilnehmerInnen selbst die enormen Erfahrungen, von Lebensverhältnissen und Kämpfen in anderen Ländern zu erfahren. Strategien werden entwickelt, vergangene Aktionen reflektiert - meist zu eher spezifischen Themen wie der WTO oder den Kämpfen gegen die Wasserprivatisierung.  Das Forum hat sich auch zum Impulsgeber für Diskussionen entwickelt, etwa jener um eine „post-neoliberale Agenda“. In diesem Jahr gibt es heftige und produktive Auseinandersetzungen um die Rolle linker Parteien und Regierungen, was angesichts der Verhältnisse in Südamerika auf der Hand liegt. Und nicht zu vergessen ist die Identität stiftende Funktion für jene, die sich weltweit in der Bewegung für eine andere Globalisierung engagieren.
Welche Perspektive hat das Forum? Eines ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden: Das Forum als Raum für unterschiedliche emanzipative Bewegungen und Ideen muss sich lokal, regional, landesweit und kontinental verankern. Das ist eigentlich allen klar und daher hat sich der Hype um das weltweit veranstaltete Forum gelegt. Es ist nicht die Zentralinstanz der Bewegung - auch wenn manche das gerne so hätten. Es ist ein außergewöhnlicher, weil über die eigenen Kontinente hinausreichender glokaler Ort, eine kurze leidenschaftliche und mit viel Erfahrung und Wissen versehene Improvisation. Das fünftägige Treffen selbst muss anschließend vielfältige Resonanzen schaffen.
Es gibt Stimmen, die dafür plädieren, das Forum nur alle zwei Jahre stattfinden zu lassen, da der organisatorische und finanzielle Aufwand nicht unerheblich ist. Politisch sind jährliche Treffen weiterhin sinnvoll. Ob sie permanent in Porto Alegre stattfinden oder als zentrales Forum jedes Jahr an einem anderen Ort, ob in Zukunft zentrale Foren stattfinden sollen oder  der Wechsel mit den polyzentrischen Foren beibehalten werden soll, das wäre zu diskutieren. Das heißt ja nicht, dass es jedes Jahr dieselben TeilnehmerInnen geben muss.
Das Weltsozialforum ist kein passiver Resonanzboden, sondern schafft die Bewegung gegen den neoliberal-neoimperialen Kapitalismus. Die erfolgreichen Kampagnen gegen das geplante Amerikanische Freihandelsabkommen ALCA, das im vergangenen November scheiterte, kamen in Porto Alegre bei früheren Weltsozialforen zusammen. Alternativen zur gegenwärtigen regierungsoffiziellen europäisch-lateinamerikanischen Annäherung finden hier statt.
Sich über Widerstand und Alternativen zu verständigen, das geschieht meistens in konkreten lokalen und nationalen Kontexten. Dennoch ist der Austausch und die Reflexion dieser Erfahrungen dringend. Ein Beispiel ist die derzeit dynamische Remilitarisierung Lateinamerikas durch die USA, um Ressourcen wie Wasser und Erdöl zu sichern.
Schließlich gibt es einen Aspekt, der in den “großen” strategischen Überlegungen kaum eine Rolle spielt. Bestärkt und reflektiert wird etwas, was man als rebellische Subjektivität bezeichnen könnte. Die kann heute nur internationalistisch sein. Das ist viel mehr als konkrete Vernetzung (die natürlich wichtig ist).
Ich stelle an mir selbst fest, dass ich von einem Sozialforum verändert zurückkomme, mit anderen Perspektiven, Ideen, als an der Universität arbeitend mit einer stärkeren Widerständigkeit gegen die ja immer drohende akademische Langeweile in der oft belanglosen Konkurrenz. Das Weltsozialforum und die vielen anderen Foren sind enorme kollektive Lernprozesse. Radikale Kritik und eine andere, gerechte und friedliche, demokratische und nachhaltige Welt können ja nicht hierarchisch bestimmt werden. Dafür müssen immer wieder Orte geschaffen werden. Politisch ist es wichtig, dass es diese Orte häufig gibt. Das ist anstrengend und phantastisch, dringend und langsam zugleich – und für die Entwicklung und Umsetzung von Alternativen unumgänglich.