Publication Gender Relations Vollendete Wende? Geschlechterarrangements in Prozessen des sozialen Wandels

herausgegeben von Eva Schäfer. mit Beiträgen von Michael Hofmann, Anne Goedicke und Heike Trappe, Iris Peinl, Erika M. Hoerning Manuskripte 26 der RLS

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Series

Manuskripte

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Eva Schäfer,

Published

February 2002

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herausgegeben von Eva Schäfer. mit Beiträgen von Michael Hofmann, Anne Goedicke und Heike Trappe, Iris Peinl, Erika M. Hoerning

Manuskripte 26 der RLS

Inhalt

Einleitung

Michael Hofmann: Familie Heilmann. Gesellschaftliche Umstrukturierung und familiäre Konfliktpotenziale in Ostdeutschland. Eine Problemskizze

Anne Goedicke und Heike Trappe: Der geschlechtsspezifische Wandel des Arbeitsmarktes in Ost- und Westdeutschland

Michael Hofmann: Bilanz der Transformation

Iris Peinl: Ostfrauen auf der „Zeitengrenze“ (Christa Wolf): Erwerbsarbeit als zunehmend wichtiger sozialer Integrationsmodus

Erika M. Hoerning: Frauen in den Zentren der Macht. Zur sozialen Konstruktion symbolischer Ordnung

Einleitung

„Die Transformation ist tot. Es lebe die Transformation“ – so lautete das Fazit zum Zustand ostdeutscher Gesellschaft und Alltagsrealität 12 Jahre nach der politischen Wende auf einem Tagesworkshops der Rosa-Luxemburg-Stiftung im November 2001. Ist die Wende in Ostdeutschland wirklich vollendet? Was bedeuten die mit der Vereinigung einhergehenden Wandlungsprozesse für die Geschlechterarrangements in Ost- und Westdeutschland? Diese Fragen diskutierten die TeilnehmerInnen des workshops mit 5 ReferentInnen, deren Beiträge hier in überarbeiteter Fassung vorgestellt werden.

Was ist die ostdeutsche Gesellschaft für eine Gesellschaft geworden? Die Bilanzierung von 12 Jahren Transformation gleicht einem Eiertanz – stellt Michael Hofmann (Friedrich-Schiller-Universität Jena) zunächst fest. Neben einem strukturellen Wohlstandsaufstieg, Demokratie- und Freiheitsgewinn steht eine strukturelle Abwärtsmobilität, die in fast jede persönliche Biographie eingreift und letztlich auch das ambivalente Lebensgefühl vieler Ostdeutscher erklärt: Von 1990 bis 1994 erlebte Ostdeutschland eine extrem hohe soziale Mobilität (60 % – Vergleich alte BRD: 30 %) mit dem Effekt, dass sich eine Mehrheit der solchermaßen ‚mobilen‘ Beschäftigten auf einer veränderten sozialen Position wiederfand – und zwar zu 77 % mindestens eine halben Stufe tiefer. (23 % erlebten eine Aufwärts-mobilität). Bereits Mitte der 90er Jahre waren die Chancen für eine soziale Positionsveränderung wieder verschlossen und damit, so Michael Hofmann, der ostdeutsche Transformationsprozess beendet. Im Kern haben sich dabei die alten sozialen Verhältnisse durchgesetzt: Oben blieb oben, Mitte blieb Mitte und unten blieb unten. Neben diesen Milieustudien zeigt die Problemskizze „Familie Heilmann“ die familiären geschlechtsspezifischen Folgeprobleme der gesellschaftlichen Umstrukturierungen in einer idealtypischen Konstruktion einer ostdeutschen Familie.

Es gibt keine „vollendete Wende“, stellt Iris Peinl (Humboldt-Universität Berlin) in ihrem Eingangsstatement fest. Ostdeutsche Frauen und Männer können gar nicht in der „Zielgesellschaft“ Bundesrepublik angekommen sein, weil sich diese selbst in einem grundlegenden Strukturwandel befindet und damit das Ziel erodiert. Ostdeutschland gerät in den Strudel anhaltender ökonomischer, politischer wie kulturell-symbolischer Diskontinuität, Uneindeutigkeit und Unberechenbarkeit, die vor dem ostdeutschen Hintergrund allerdings prekäre Folgen hat – eine Tatsache, die Iris Peinl mit dem oben zitierten Befund „Die Transformation ist tot. Es lebe die Transformation“ quittiert und in ihrem Beitrag eindeutig als geschlechtlich strukturiert analysiert. In ihrer Untersuchung zur Deutschen Bahn erläutert

sie, dass die Umstrukturierungsprozesse durchaus „Gelegenheitsstrukturen“ für weibliche Erwerbsarbeit eröffnen, die allerdings politisch zu gestalten wären. Das heißt aber auch: Die einfache Formel von Frauen als den Verliererinnen der Wende“ ist so nicht aufrecht zu erhalten. Dies bestätigen auch Anne Goedicke und Heike Trappe (Max-Planck-Institut Berlin), die im Vergleich ostdeutschen und westdeutschen Erwerbsverhaltens die anhaltende

Erwerbstätigkeit ostdeutscher Frauen als wesentliche Handlungsressource im Transformationsprozess der vereinten Bundesrepublik deuten.

Wie Frauen und Männer den gesellschaftlichen Umbruch verarbeiten, welche Sinnkonstruktionen, Identitäten und Handlungsstrategien sie hierbei auf der Basis verinnerlichter Geschlechtermuster ausprägen, das stellen auf der Tagung Erika M. Hoerning (Max-Planck-Institut Berlin) und Sylka Scholz (Universität Potsdam) dar.1 Entwertete Biographien können individuell durchaus unterschiedliche Verarbeitungsmuster finden. Zur vorrangigen Bewältigungsstrategie ostdeutscher Männer gehört der Selbstentwurf über eine professionelle Identität, die sie über alle „Wende-Brüche“ hinweg aufrechterhalten.

Die Diskussion auf der Tagung wie auch die hier aufgeführten Beiträge eröffnen weitere Fragen und Problemfelder: Wenn davon auszugehen ist, dass es eine homogene Gruppe „der Frauen“ und „der Männer“ nicht gibt, welche Differenzierungen werden dann im gegenwärtigen Transformationsprozess sichtbar und wo gibt es Schnittpunkte zwischen unterschiedlichen Differenz- und identitätsebenen? Was ist etwa mit den „DDR-eigenen ‚Fremden’“, den vietnamesischen VertragsarbeiterInnen? Gibt es bei aller Vereinigungsrhetorik und faktischer Angleichungsprozesse nicht zugleich auch eine Tendenz der „Ethnisierung der Ostdeutschen“ – und zwar von beiden Seiten? Welche Geschlechterbilder werden dabei herangezogen? Und nicht zuletzt: Wie kann die Entwicklung in Ostdeutschland als Teil einer sich insgesamt transformierenden westlichen Gesellschaft gesehen werden? Welche Wandlungen aber auch welches Beharrungsvermögen verzeichnen dabei Wertorientierungen und Sinngebungen in Bezug auf das Geschlecht in Ost und West?