Publication Partizipation / Bürgerrechte - Kultur / Medien - Digitaler Wandel - Digitalisierung und Demokratie Jenseits der Überwachung

Wie Netzwerkzugehörigkeit und Staatszugehörigkeit ununterscheidbar werden

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Online-Publikation

Author

Krystian Woznicki,

Published

September 2017

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Herbst 1998, Tokio: Der Anzeigenraum vom Bahnhof Shibuya in Tokio wird besonders prominent durch das Technologie-Unternehmen Sony bespielt – auf ziemlich überraschende Weise: Auf Augenhöhe hängen allenthalben vertikal angeordnete Reisepässe. Beim Vorbeigehen, also bei einer leichten Veränderung des Sehwinkels weg vom Tunnelblick der treibenden Masse hin zur Seite, wo die Anzeigen hängen, geben sich die Reisepässe als kleine Digitalkameras, genannt Handycams zu erkennen.

Die für die Erfindung des Walkmans weltweit bekannte Firma hat mit großem Aufwand Wackelbilder im Stadtraum Tokios installiert, die beides zugleich zeigen können: einen Reisepass und eine Handycam. An einem Bahnsteig des verwinkelten Shibuya-Bahnhofs sind diese Wackelbilder zu einer langen Reihe angeordnet. Aus dem Nichts tauchen auf dem Werbemotiv Hände auf, die die Reisepass-/Handycam-Wackelbilder hochhalten; teils überrascht, teils erfreut blicken unterschiedliche Leute in sie hinein, darunter ein junger Schwarzer, eine junge Frau mit blonden Haaren, ein älterer Herr und eine Stewardess, die eine Kaffeekanne in der Hand hält. Erst aus einer gewissen Entfernung kann man erkennen, dass sich all diese Leute in einer Boeing der Airline «Handycam» befinden, auf deren Rumpf der Slogan geschrieben steht: «Wenn Du es bei Dir trägst, ist es das weltkleinste! Wenn Du eine Auslandsreise machst, ist es Reisepass-groß!»