Publication Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte - Parteien / Wahlanalysen - Rosa-Luxemburg-Stiftung Die Weisheit der Partei

Ein Abriss der Geschichte des Ältestenrats der Linken

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Buch/ Broschur

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Jochen Weichold,

Zum Geleit, von Dagmar Enkelmann

In vielen Kulturen der Welt finden sich Hinweise auf einen «Rat der Alten», einen «Ältestenrat» oder den Stammesältesten. Die Gerusia – der Ältestenrat im antiken Sparta – wird häufig im Kreuzworträtsel nachgefragt. Lebensweisheiten, Erfahrungen, der Rat der Älteren einer Gesellschaft wurden und werden gehört. Ein bekanntes deutsches Sprichwort fordert: «Die Ansicht eines Weisen und den Rat eines Greisen soll man nicht von sich weisen.»

In der politischen Wendezeit verließen tausende Mitglieder der SED ihre Partei. Die Gründe waren sehr vielschichtig. Da waren die Ent- bzw. Getäuschten, die an eine neue Gesellschaft geglaubt hatten, die sich mit ganzer Kraft in deren Aufbau einbrachten und nun vor den Scherben ihrer Hoffnungen standen. Sie zweifelten an sich, an ihren Lebenszielen, fühlten ihre Ideale verraten.

Da waren aber auch die, die sehr schnell erkannten, dass mit dieser Partei, der sie oftmals ihre Laufbahn verdankten, keine Karriere mehr zu machen ist. Da war das Parteibuch dann schnell entsorgt. Nicht wenige von ihnen wurden später zu den heftigsten Gegnern und sind heute längst in konformen Parteien untergeschlüpft. Und dann gab es die Mitglieder, die die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989 als Chance für Veränderung sahen, ohne ihre Vorstellungen einer gerechten Welt aufgeben zu müssen.

Die Älteren unter ihnen hatten Krieg und faschistische Diktatur erlebt, waren im Widerstand oder in der Emigration, wollten nach dem Krieg eine gerechte Gesellschaft aufbauen und erlebten nun das Ende ihrer Hoffnungen. Aber sie wollten nicht aufgeben. Viele erkannten Fehler, Versäumnisse, Irrtümer, auch eigene, und wollten sich aktiv einbringen in die Erneuerung ihrer Partei. Es waren Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Politikerinnen und Politiker, zugegeben lange Zeit mit deutlichem Übergewicht männlicher Repräsentanten, die auf dem Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS im Dezember 1989 gebeten wurden, in einem Rat der Alten ihren Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte von DDR und SED zu leisten und zugleich den Veränderungsprozess der SED zu unterstützen. Zu denen zählten in den ersten Jahren auch Menschen wie Walter Janka und Karl Schirdewan, die in DDR-Zeiten in Ungnade gefallen waren. Hans Modrow gehörte von Anfang an zu den aktiven Förderern des Rates. So brachte er 1990 in das Präsidium des Parteivorstandes «Vorschläge für eine effektivere Gestaltung der Tätigkeit des Rates der Alten» ein. Seit 1991 ist er dessen Vorsitzender. Blickt man auf die personelle Zusammensetzung des Ältestenrates seit seiner Gründung bis heute (vgl. dazu Anhang: Personelle Zusammensetzung) fällt auf, dass nicht wenige Mitglieder eher zu den «Querdenkern» der Partei zu zählen sind. Lebhaft kann man sich dann kontroverse Diskussionen bei den Sitzungen vorstellen. Übereinstimmend wird aber von allen betont, dass es trotz manch unterschiedlicher Sichtweisen und Herkunft immer Respekt im Umgang miteinander und eine große Kompromissbereitschaft gab. Auftretende Ost-West-Dissonanzen wurden, anders als oftmals in der Partei selbst, kulturvoll ausgetragen.