Publication Geschlechterverhältnisse - International / Transnational - Asien - Westasien - Westasien im Fokus «Ich will ein neues Leben, mein Leben, meinen Ort.»

Mind the Gap: Zwischen Peshmerga und Fitnessstudio — Teil 1 der vierteiligen Reportage von Barbara Caveng

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Barbara Caveng,

Published

February 2019

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Souvenirs aus Erbil
Souvenirs aus Erbil Foto: Barbara Caveng

Schlon? Was? - Er glaubt, meine Frage nach einem neuen Text der kurdischen Nationalhymne nicht richtig verstanden zu haben. Alan, der Peshmerga-Offizier, sitzt auf dem Sofa im Salon meiner Gastgeber Maryana und Mohamad in Erbil. «Wahrscheinlich», mutmaßt Mohamad, «denken viele Leute in Deutschland, Peshmerga sei eine besondere Art von Kashmirwolle.» Die Deutung wäre weit gefehlt, denn der Klang des Wortes Peshmerga schmeichelt nicht der Haut, sondern der kurdischen Armee.

Andernorts werden in den Souvenirshops Kaffeetassen mit dem Bekenntnis «I LOVE ...» verkauft. Hier in der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Nordirak formieren sich die Henkelbecher in der Auslage des Andenkenladens auf der Zitadelle zum Wall, uniform in Gestalt, variantenreich bedruckt mit dem Schriftzug Peshmerga, bebildert mit Kämpfer-Silhouetten beim Angriff oder in Verteidigung. Wer es zum Heißgetränk noch drastischer haben möchte, erwirbt die Version in Vollfarbe mit Kampfszenen bei loderndem Gewehrfeuer.

Die Helden Irakisch-Kurdistans sind immer noch die Kämpfer, die Dichter und Denker treten hinter ihnen zurück. In der Newroz-Straße allerdings konterkarieren drei unbekannte Müllmänner in Bronze mit Kehrbesen und Schaufel den Heroismus des Krieges. Alans Ziel liegt in den Grenzen «eines eigenen [kurdischen] Staates. Zu Lebzeiten». Im September 2017 hatte die Bevölkerung Irakisch-Kurdistans die Frage «Möchten Sie, dass die Region Kurdistan und kurdische Gebiete, die außerhalb der Regionalverwaltung liegen, ein unabhängiger Staat werden?» mit großer Mehrheit bejaht. Das Referendum wurde von der irakischen Zentralregierung für verfassungswidrig erklärt. Der Peshmerga-Offizier ist enttäuscht. Alan ist 34 Jahre alt, sein Sohn gerade eingeschult worden.

Die kurdische Jugend ist jederzeit bereit,
Ihr Leben zu opfern, ihr Leben zu opfern, all ihr Leben zu opfern.
Niemand soll behaupten, die Kurden wären tot, die Kurden leben.
Sie leben – die Fahne wird nie fallen

Auszug aus «Ey Reqîb» (Der Feind), Hymne der autonomen Region Kurdistans.

Alan wünscht seinem Sohn, dass er nicht mehr den bewaffneten Kampf weiterführen muss, sondern mit zivilen, politischen und diplomatischen Mitteln die Gesellschaft gestalten kann. «Und dann», sagt er lachend, «schreiben wir sofort eine neue Nationalhymne».

Das Fitness-Center neben der Tankstelle ist Frauen vorbehalten. Im Eingangsbereich lächelt ein Mann. Das papierne Konterfei in Übergröße zeigt den, bis 2017 die autonome Region Kurdistan regierenden Masud Barzani, der zugleich Nationalheld, Gallions- und Identifikationsfigur der Kurden im Nordirak ist.

Ich laufe durch den Thüringer Wald – «the green heart of Germany» –, auf dem Höhenweg des Rennsteiges bis nach Bayern. Das Laufband ist mit dem «German Run» programmiert. Die Strecke auf dem Display des Fitnessgerätes führt durch deutsche Naturschönheiten, untertitelt mit touristischen Informationen zu Land und Leuten. Über das Gerät hinweg folgt mein Blick einer Schwimmerin, die im Pool ihre Bahnen zieht.

Die üblichen Rhythmen feuern eine Gruppe von Trainierenden an. Es ist ruhig um kurz vor zwölf Uhr mittags,  Rushhour ist früher am Morgen. Auch Maryana ist spät dran mit ihrem täglichen zweistündigen Training. Ihre Arbeit im Schönheitssalon beginnt um 14 Uhr, gegen 23 Uhr kehrt sie in ihr Haus in Ainkawa zurück. Unsere Fahrräder bleiben unabgeschlossen vor dem Eingang des Sportcenters an die Hauswand gelehnt. Fahrradfahren ist hier nicht das übliche Mittel alltäglicher Fortbewegung durch die Stadt. Die beiden alten Modelle, deren noch zu erwartende Kilometerleistung sehr endlich scheint, erwecken keine Begierde. Der Stadtraum Erbils ist ein Mountainbike-Parcours: Die Bordsteinkante liegt bis zu 40 cm über Straßenniveau.

Die Frauen in der Umkleide lachen. «Your hair is perfect for Kurdistan», «Dein Haar ist für Kurdistan perfekt», hatte schon der Busfahrer begeistert ausgerufen, als er mich nach der Landung als alleinigen Fahrgast vom Hauptterminal des International Airport Erbil zum ‹Meeting Point› chauffierte. Meine Haare leuchten orange – «wie ein Kürbis», sagt jetzt die Frau an der Theke des Fitness-Centers.

«Trägst du keinen BH?», wollte Maryana am Morgen meines zweiten Aufwachens im Norden Iraks wissen. Wir saßen in unseren Nachthemden am Küchentisch. Ihr Blick glitt kritisch über die Silhouette meines Körpers unter schwarzem Samt. Sie schlürfte ein Tässchen Kaffee zu den ersten drei Zigaretten des Tages. «Zum Schlafen?», ich war erschüttert. Nach dem Körperscan an der Flughafen-Sicherheitskontrolle nun also der ‹female Bodycheck› ...

Auch jetzt im Umkleideraum des Sportstudios wird die weibliche Nacktheit gegenseitig verholen und unverhohlen beäugt. Ich bin die einzige Europäerin. Meinerseits kann ich keine signifikanten Unterschiede, weder in puncto Unterwäsche noch bezüglich der Merkmale des weiblichen Körpers, zwischen den Kontinenten feststellen.

Es folgen im Minutentakt Sidesteps auf Rumpfbeugen, an Station Nummer vier wird gegen den Schatten geboxt. Die Frauen sind zwischen 20 und Ende 40. Keine trägt einen Schleier, die Hanteln werden mit nackten Oberarmen gestemmt. Ainkawa ist das christliche Viertel von Erbil. Der Blick der Menschen auf Ungewohntes ist eher neugierig, denn abwehrend. «Die Frauen hier sind wie Männer. Sie arbeiten, sie sind in Behörden, auch bei der Polizei. Sie machen alles. Aber sie bewegen sich nicht alleine auf der Straße, du triffst sie nie im Café.» Maryana ist skeptisch, was das Frauenbild anbelangt.