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Das Jubiläum der Hochschule für Gestaltung fügt sich in die nationale Erfolgserzählung

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Briefumschlag mit Bauhaus-Motiv, vermutlich aus der DDR CC BY 1.0, Sophie Schenkel

Es existierte nur 14 Jahre, von April 1919 bis Mitte 1933. Doch das Bauhaus an seinen Standorten Weimar, Dessau und Berlin gilt als bedeutendste und wirkmächtigste Designschule der Welt und als wichtigster Beitrag Deutschlands zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aus Anlass der 100. Wiederkehr seiner Gründung findet derzeit ein mediales Spektakel statt, das Deutschland dank des Bauhauses als Hort und Begründer der Moderne darstellen will.

Entstanden ist das Bauhaus in der Aufbruchstimmung nach dem Ende des Ersten Weltkrieges – einer Zeit, die von politischen Debatten und kulturellen Experimenten geprägt ist. Walter Gropius (1883-1969), bis 1928 erster Direktor, will Kunst und Handwerk wieder zusammenbringen und baut dabei auf Vorläufer auf wie etwa den 1907 gegründeten Deutschen Werkbund oder auf Reformideen des Arbeitsrats für Kunst um 1918. (1) Unstrittig ist, dass die Ausbildung für Gestalter modernisiert werden muss, die Zeit der Stilllebenmalerei und des Kopierens von antiken Gipsstatuen an den Kunstakademien vorbei ist. So hat das Bauhaus viele Förderer auch im Staatsapparat und der Industrie. Nicht nur im und durch das Bauhaus soll mittels Gestaltung guter Produkte das Leben für die Menschen besser gemacht, ein »rationales« Leben im Industriezeitalter befördert werden. Funktionalität und Schlichtheit sollen »Schönheit« ergeben. Viele berühmte Künstler wie etwa Lyonel Feininger (1871-1956), Wassily Kandinsky (1866-1944) oder Paul Klee (1879-1940) lehren am Bauhaus.

Die Kunstschule ist auch eine Reaktion auf die wachsende Bedeutung von Film, Kino und Printmedien sowie die beginnende fordistische Massenproduktion, die mittels Standardisierung progressiv gewendet werden soll. Eine eigenständige Abteilung für Architektur wird allerdings erst 1927 eingerichtet. Das Konzept ist neu und vor allem interdisziplinär. Es wird fotografiert, getanzt, getöpfert, Metall geschmiedet, gezeichnet und gebaut. Es geht darum, tatsächlich gute und gut gestaltete, erschwingliche, industriell produzierbare Produkte wie Wohnungen, Möbel oder Tapeten zu entwickeln. Der Widerspruch zwischen Maler_innen und Ingenieur_innen und ihren jeweiligen Konzepten zieht sich durch die ganze Geschichte der Einrichtung, etwa in der Frage, wie sehr Kunst lehr- und erlernbar oder ob Gestaltung Kunst oder vielmehr eine Wissenschaft sei.

Die Resonanz ist groß, viele Studierende, auch aus dem Ausland, kommen ans Bauhaus, sie und die Lehrenden bilden eine internationale und dynamische Gemeinschaft. Am Bauhaus sollen 71 Ehen entstanden sein. Viele Lehrende und erst recht Studierende haben, zumindest in Weimar, Sympathien für esoterische Ansätze und in Dessau für die kulturelle und politische Linke. Von 1927 bis 1930 soll das Bauhaus in Dessau, wo viele Studierende mit der KPD sympathisieren, 20.000 Besucher_innen gehabt haben. Es ist aber auch eine patriarchale Veranstaltung, Frauen werden diskriminiert, obwohl die Zahl der Studentinnen vergleichsweise hoch ist.

In Ulm wurde die Bauhaus-Tradition fortgeführt

Schon 1932 wird das Bauhaus von den Nationalsozialist_innen aus Dessau vertrieben und geht nach Berlin. Dort beschließt es Anfang 1933 als Reaktion auf den Druck der Nazis seine Auflösung. Weltweit entstehen nach 1933 Einrichtungen, die sich in der Tradition des Bauhauses sehen, vor allem in den USA. In der Regel mit Beteiligung von Personen, die bereits in Deutschland engagiert waren. In Deutschland wird nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1953 in Ulm/Donau die Hochschule für Gestaltung (HfG) gegründet. Hier gibt es neben personellen Kontinuitäten weitere bemerkenswerte Parallelen. Das Bauhaus und die HfG existieren beide ungefähr gleich lang, und beide sind von einem reformerischen und humanistischen, gesellschaftskritisch-linken Impuls getragen. Beide sind Nachkriegsgründungen und werden am Rande einer Stadt (wenn man das Bauhaus in Dessau als Referenz nimmt) etabliert. Beide arbeiten zu Beginn mit einer sogenannten Vor- oder Grundlehre, die alle Studierenden am Anfang ihres Studiums durchlaufen müssen, und geraten später in heftige interne, vor allem pädagogische und konzeptionelle Konflikte. Beide sind geprägt durch eine internationale Studierenden- und Dozierendenschaft und arbeiten bewusst an einer Außendarstellung, z.B. durch eigene Zeitschriften, ohnehin werden sie aber stark medial beachtet. Beide Kunstschulen werden später zu Objekten, die von Mythen und Legenden umrankt sind.

Durch Emigration, vor allen von Lehrenden in die USA, aber auch von Bauhaus-Studierenden nach Indien, Israel und Südamerika, hat das Bauhaus weltweite Wirkung. Dass viele Bauhäusler, darunter zunächst auch Gropius, nach 1933 in Deutschland weiterarbeiten, einige sich gar dem Nationalsozialismus anbiedern, wird lange verschwiegen. Lange, teilweise bis heute ignoriert wurde auch das Wirken des zweiten Bauhaus-Direktors. Der als Sozialist zu bezeichnende Hannes Meyer (1889-1954) setzt sich für »Volksbedarf statt Luxusbedarf« ein und widmet sich stark dem sozialen Wohnungsbau.

Gropius steuert nach seiner Emigration 1934 durch Publikationen und Ausstellungen die Geschichtsschreibung des Bauhauses. Seine Absicht ist aus heutiger Sicht leicht zu erkennen: Er will sich persönlich legitimieren und das Bauhaus als Hort der Demokratie darstellen; auch die irrational-esoterischen Seiten der Anfangsjahre werden lange kaum beachtet.

In der Forschung geraten in den letzten Jahren zunehmend die globalen Aspekte in den Fokus. Das Forschungsprojekt bauhaus-imaginista samt Website und Ausstellung (15. März bis 10. Juni in Berlin) untersucht etwa die Verbreitung der Ideen des Bauhauses, ebenso wie den Einfluss nichteuropäischer Aspekte auf die Institution, mithin die bis heute andauernde internationale Wirkung der Bauhaus-Praxis. In der DDR wird das Bauhaus bis in die 1970er Jahre eher umgangen, es gilt als »westlich-dekadent«. Erst 1976 beginnt die Restauration der historischen Gebäude in Dessau und langsam eine Rezeption jenseits einer verschworenen Insidergemeinde. Hannes Meyer wird zur Ikone erhoben.

Bauhaus als Exportschlager

Das Bauhaus ist ein deutscher Exportschlager – nicht erst seit heute, sondern schon seit den 1950er und 1960er Jahren. Damals fügt sich das Bauhaus in die antikommunistisch grundierte Kultur- und Außenpolitik der Bundesregierung ein. Diese hat das Ziel, die Bundesrepublik in den Kreis der westlichen Nationen aufzunehmen und als Bollwerk gegen das sozialistische Staatensystem aufzubauen. Heute dient das Jubiläum – erneut – der Image- und Standortpolitik der Nation. Keine, erst recht so kurzlebige Institution wird museal so umfassend dokumentiert wie das Bauhaus. Es gibt drei große Museen/Archive, alle drei bekommen aus Anlass des Jubiläums Neu- und Erweiterungsbauten. Neben der Dokumentation und Forschung dienen sie auch dazu, das Bauhaus als Dachmarke der Moderne – gar als deren Synonym darzustellen.

Im Verbund bauhaus100 haben sich alle relevanten staatlichen Akteure zusammengeschlossen, um mit viel Geld das Jubiläum in die nationale Erfolgserzählung einzufügen. Das Bauhaus soll so als Visitenkarte eines Landes dargestellt werden, das sich lieber als Ursprung der Nachkriegsmoderne in der Welt darstellen will denn als Land der Weltkriege und des Holocaust. Deutschland soll nicht nur für Panzer, Zerstörung und Massenmord stehen, sondern eben auch für Dichter, Denker und Designer.

Überdies wird bauhaus100 in einer großen Koalition aus Bundesregierung, Landesregierungen allerlei politischer Couleur und Kommunen zu einer Spielmarke der Tourismuswirtschaft und des Standortmarketings. Um Bilder zu produzieren, die Tourist_innen und Investor_innen anlocken sollen, und Regionen mit eher drögem Image in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, müssen Bedürfnisse nach Nostalgie, Identifikation, Unterhaltung und nach Neuigkeiten gestillt werden. (2)

Trotzdem bietet das Bauhaus als Idee und reale Institution für die gegenwärtige Linke Anknüpfungspunkte: Zunächst waren viele Studierende Linke, wie etwa Max Gebhard, der das Logo der Antifaschistischen Aktion erfunden hat. Die völkische Rechte hetzte mit dem Vorwurf des Kulturbolschewismus immer gegen das Bauhaus, damals noch mehr als heute. Das Bauhaus widmete sich überdies zumindest phasenweise stark der Wohnungsfrage, einem heute an Bedeutung gewinnenden Thema. Und schließlich muss die Linke gegen die Bemühungen angehen, das Bauhaus in eine nationale Erfolgserzählung einzufügen. Politisch-ideell sind die am Bauhaus bearbeiteten Dualitäten von Ästhetik und Technik, von Intuition und Planung, von Ratio und Gefühl auch heute noch aktuell. Gedacht sei nur an die Diskussion um »linken Populismus«. Allen von der Totalitarismusdoktrin herkommenden Vorwürfen der aktuellen Berichterstattung, auch das Bauhaus habe den »neuen Menschen schaffen« wollen, ist zu widersprechen und seine soziale Idee zu stärken. Genauso wichtig: »Design« gestaltet die Um-Welt, in der wir leben, sprich das, was wir online und im Real Life sehen, die Häuser, die öffentlichen Orte. Und insofern beeinflusst es die Existenz des modernen Menschen sehr. Der Anspruch, auch durch Gestaltung die Welt zu einem besseren Ort zu machen, bleibt weiter aktuell – und ist bis heute nicht eingelöst.

Anmerkungen

1 Siehe Marcel Bois: Zur Geschichte des Arbeitsrates für Kunst in der frühen Weimarer Republik, online auf bauhaus-imaginista.org

2 Siehe etwa die Broschüre »1919-2019 – Die Moderne in Thüringen« der rot-rosa-grünen Landesregierung, als pdf auf das-ist-thueringen.de

 

Zum Weiterlesen

Magdalena Droste: Bauhaus. Reform und Avantgarde, Köln 2015.

Bernd Hüttner: Ein »anderes« Bauhaus in der schwäbischen Provinz? in: Forum Wissenschaft 1/2018.

Ulrike Müller: Bauhaus-Frauen. Komplett überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe, München 2019.

Bernd Hüttner ist Referent für Zeitgeschichte der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Zusammen mit Georg Leidenberger ist er Herausgeber des Buches »100 Jahre Bauhaus. Vielfalt, Konflikt und Wirkung«, das im April im Metropol Verlag erscheint.

Dieser Artikel erschien zuerst in analyse und kritik, Heft 646 (19.2. 2019)