Publication Asien - Westasien - Westasien im Fokus The Big Chill: Ode an den Haartrockner

«Ich habe sechzehn Jahre in Neuss gelebt: 24 Stunden Strom!» — Teil 2 der Reportage von Barbara Caveng.

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Barbara Caveng,

Published

February 2019

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«Der Irak ist am Ende»
Seit 28 Jahren ist eine durchgehende Elektrizitätsversorgung im Zweistromland nicht mehr gewährleistet. Die Menschen im Irak überbrücken den Mangel so gut es geht. Mohameds rote Gummihandschuhe liegen stets griffbereit über dem Fenstergitter.  Foto: Barbara Caveng

Sharya (nahe Dohuk): Es ist 8:30 Uhr. Ich schäle mich aus den vier Decken, werfe die Daunenjacke ab und hüpfe ins Bad. Es verbleiben noch etwa 45 Minuten Netzstrom. Ich will meine Haare waschen. Und ich muss sie föhnen. Den Winter fühlt man im Irak drinnen empfindlicher als draußen. Auf Zehenspitzen tripple ich über die Fliesen Richtung Brause und denke an den Mann im Taxioffice: „«Deutschland...», sein Gesicht hatte einen verklärten Ausdruck angenommen, «Ich habe sechzehn Jahre in Neuss gelebt: 24 Stunden Strom!» Das Wasser in der Dusche läuft. Wird es warm oder bleibt es kalt, warm oder kalt, warm oder kalt...  ich harre aus – warm! Der Haartrockner verhaucht seine letzte Wärme, die Haare sind nur noch minimal feucht. Das Licht geht aus. 9:13 Uhr. Geschafft! Meine Laune ist grandios!

Erbil:Yek, do, sê, car, pênc, şeş, heft, heşt, neh, deh (=kurdisch: Zahlen eins bis zehn) – Licht. Wenn alles gut läuft, dauert die Phase der Stromumschaltung von Netz zu Generator zehn Sekunden. Umgekehrt, wenn die Generatoren runter- und der Netzstrom hochgefahren werden, greift plötzliche Verfinsterung nach dem Raum. Zeit der Stille – positiv ausgedrückt. Es war die letzte Umstellung für diesen Tag, die vierte – zu erwarten zwischen 23 Uhr und 1 Uhr nachts. Als das Rauschen der Klimaanlage in der Küche von Maryana und Mohamad verstummte, ging es auf eins zu. Die Vorgänge in der Küche mit ihren Düften, dem Zigarettenqualm und Kaffeesatz verschwanden im schwarzen Loch. Selbst die Signale der Stand-by-Lichter waren erloschen. Das Warten auf den Nachtstrom regte meinen Gastgeber Mohamad zum Räsonieren über die Expansion des Universums an. Tatsächlich schien jede Sekunde Finsternis seine Theorie des sich unendlich ausbreitenden Weltalls zu unterstützen. «Die Sternendichte nimmt ab, es wird zunehmend schwärzer und dabei kälter. The Big Chill, die große Kühle, wird dieser Prozess wissenschaftlich genannt.» Erhaben formulierte Mohamad seine Schlussfolgerung in die Dunkelheit: «Jeder Iraker ist quasi Proband dieses Prozesses und erfährt am eigenen Leibe: Ohne Strom, keine Wärme.» Die Reisende fühlt mit.

Fließt Netzstrom, bläst die Klimaanlage im Sommer kalte, im Winter heiße Luft in den Raum. Wer sich von dem unablässigen Rauschen des Gebläses erholen möchte und das Gerät ausschaltet, erfährt zuverlässig, wie die Wirkung innerhalb weniger Minuten verfliegt. Die Betonwände der Häuser bleiben kalt, das bisschen Luftwärme findet keinen Speicher. Genauso gut könnte man versuchen mit einem Haartrockner das Haus zu heizen. Es ist dabei völlig unwesentlich, wie viele Klimageräte in der häuslichen Umgebung installiert sind. Der Kampf gegen die Kälte macht müde. Und irgendwann aggressiv. 2018 wurde in Deutschland die Wortschöpfung «Anti-Abschiebe-Industrie» zum Unwort des Jahres gewählt. Im Irak wäre es wahrscheinlich Kahraba, Strom. Seit 27 Jahren fließt der Strom nur mit Unterbrechungen. In manchen Gegenden dauern diese Phasen bis zu sechs Stunden. Kahraba – der Klang des Wortes entspricht der Wut der Betroffenen.

Apropos Haartrockner: Fernziele erfordern das Erlernen landestypischer Regeln, wie zum Beispiel den Kanon an Grußformeln oder die Regularien der Straßenverkehrsordnung. Im Irak hat man sich mit den Zusammenhängen von Ampere, Watt und Volt auseinanderzusetzen. Die Infrastruktur des Landes wurde Anfang der 1990er Jahre von der US-Armee als Vergeltungsschlag für die Invasion Saddam Husseins in Kuwait zerbombt. Das Projekt der Wiederherstellung einer flächendeckenden Grundversorgung kam während der vergangenen drei Jahrzehnte über einzelne Ansätze nicht hinaus. Die Folge an Kriegen bis heute – yek, do, sê , car, pênc – machten den Wiederaufbau zur Donquichotterie. Die allgegenwärtigen Bauruinen und Brachen lassen offen, ob sich das Land im Aufbau oder im Zusammenbruch befindet. Der Staat kann die Menschen weder mit ausreichend Strom noch mit genügend trinkbarem Wasser versorgen. Mit einem zweiten Netz der Stromerzeugung mit Dieselgeneratoren wird versucht, Abhilfe zu schaffen. Es sind private Anbieter, die zusätzliche Leitungen zu den Häusern verlegen. Sind die Stromkapazitäten des staatlichen Netzes erschöpft, wird - Yek, do, sê , car, pênc, şeş, heft, heşt, neh, deh – auf den Generatorenstrom umgestellt. Der Wohlfühl-Wärme-Wirkungsgrad ist dann allerdings wesentlich davon abhängig, welche Stromflatrate die Bewohner*innen sich leisten können, denn der Dieselstrom kostet extra. Die meisten Privathaushalte begnügen sich mit der kleinsten Version, die Stromfluss in einer Stärke von bis zu fünf Ampere erlaubt. Maryana und Mohamad haben ein Abo für zehn Ampere. Es bedarf der Übung und Gewohnheit die wirkenden Kräfte bei Inbetriebnahme von Toaster, Haartrockner, Staubsauger und Geschirrspüler gedanklich zu berücksichtigen. Zum Trocknen der Haare benötigt man eine Leistung von circa acht Ampere. Setzt man gleichzeitig den Wasserkocher in Betrieb, greift die algebraische Grundregel: 8 Ampere + 8 Ampere = 16; die Geräte seufzen unisono con dolore, dann folgt das morendo. Dann Stille und Dunkelheit.