Publication History - German / European History Ein Stellvertreter-Internationalismus ist unmöglich

Zwischen Hoffnung, Heroismus und Versagen: Vor 100 Jahren wurde die Kommunistische Internationale gegründet

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Russische und deutsche Wissenschaftler, wie z.B. Alexander Vatlin, Wladislaw Hedeler und Bernhard Bayerlein haben Dokumente und Geschichte der Kommunistischen Internationale (KI) in umfangreichen Arbeiten dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Stöbert man in diesen Arbeiten, verblüfft immer aufs Neue der Widerspruch zwischen der inspirierenden Wirkung dieser Organisation nicht nur in der bolschewistisch-kommunistischen, sondern auch in anderen Teilen der linken und linksbürgerlichen Bewegungen und der Instrumentalisierung der Organisation für bestimmte Gruppeninteressen bzw. die staatlichen Interessen der Sowjetunion. Das sind Fragen, die in der einen oder anderen Form immer wieder auftauchen und die immer wieder die Kritik des durch die Komintern repräsentierten Organisations-, Solidaritäts- und Internationalismusverständnisses herausfordern.

Der internationalistische Anspruch der ArbeiterInnenbewegung, wie ihn Karl Marx und Friedrich Engels im Manifest der kommunistischen Partei formulierten, war nicht von ihnen erdacht, sondern reales Leben des Proletariats. Diese Tradition wurde, wenigstens den Worten nach, von den sozialdemokratischen Parteien bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges hochgehalten. Die Wirklichkeit der II. Internationale war allerdings die Resolution, nicht das Handeln. Die Gründung einer neuen Internationale nach dem Krieg war aus dieser Tradition heraus logisch. Nicht nur die als Abspaltungen der alten reformistischen Sozialdemokratie entstehenden kommunistischen Parteien drängten zu internationaler Zusammenarbeit. Auch die alte Sozialdemokratie, die durch die aktive Unterstützung des Kriegskurses »ihrer« Regierungen diskreditiert war, belebte den Gedanken einer Internationale neu. Die Gründung der Kommunistischen Internationale spaltete nicht die linke Bewegung, sondern gab der real bestehenden Spaltung einen organisatorischen Ausdruck. Hier vereinigten sich die Kräfte, die nach 1914 mit ihren internationalistischen Positionen in der Minderheit geblieben waren.

Eine Frucht des Krieges

Die Gründung der Komintern ist in jeder Hinsicht eine Frucht des Krieges. Sie sollte eine radikale Kritik der «alten» sozialdemokratischen Politik sein und gleichzeitig konsequent den revolutionären Sturz der Kapitalherrschaft in den Mittelpunkt der Politik stellen. Die Idee des permanenten Bürgerkrieges gegen das Kapital, wie er in Sowjetrussland 1919 tobte, beherrschte das Denken der GründerInnen. Die KI stellte die Frage nach unmittelbarer Solidarität des Proletariats neu. Die Betonung liegt dabei auf «unmittelbar» – nicht vermittelt über Apparate, wie das in der II. Internationale gewesen war Der Weg wurde darin gesehen, die Parteien nach dem Bilde der bolschewistischen Partei in Sektionen einer Weltpartei zu verwandeln. Kaderpolitik, Bildung, Strategieentwicklung und Finanzierung wurden in Moskau zentralisiert.

Von einem Netz gefestigter kommunistischer Organisationen konnte allerdings im März 1919 keine Rede sein. Die Wege nach Moskau waren weitgehend blockiert. Der Kreis der TeilnehmerInnen blieb daher zufällig und willkürlich. Nur zwei der eingeladenen Organisationen waren durch Delegierte vertreten, die aus den jeweiligen Ländern hatten anreisen können. Die übrigen waren Emigranten, die mehr oder weniger zufällig durch den Apparat der KPR(b) «eingesammelt» wurden. Der wichtigste Partner der russischen Kommunisten sollte nach Auffassung Lenins die junge KPD sein. Die stand jedoch einer Gründung zu diesem Zeitpunkt kritisch gegenüber. Rosa Luxemburg hatte die Ablehnung damit begründet, dass es noch keine Organisationen gäbe, in denen die Massen selbst über die Schaffung einer neuen Internationale entscheiden könnten. Entsprechend seinem Mandat enthielt sich Hugo Eberlein als Vertreter der KPD bei der Abstimmung über die Gründung der KI.

Das deutet auch an, dass die Geburt der Komintern durch die personelle Kontinuität die Konflikte der Kriegs- und Vorkriegszeit, nicht nur im Verhältnis zur Sozialdemokratie, sondern auch innerhalb der linken Opposition, in sich trug. Es ging nicht nur um die Frage des Verhältnisses zu einer sozialistischen Revolution im Allgemeinen und der russischen Revolution im Besonderen. Sie blieb in der praktischen Organisationslogik der entscheidenden Schwäche der II. Internationale verhaftet, der Orientierung auf die Parteiapparate. Die Dominanz der Apparate in den Parteien der II. Internationale war einer der Kritikpunkte, die Rosa Luxemburg immer wieder ins Feld geführt hatte, und dieser Kritik blieb sie mit ihrer Position der Ablehnung der schnellen Gründung der Komintern treu. Sie sollte recht behalten. Unter den Bedingungen der Isoliertheit Sowjetrusslands wurde diese Dominanz in der KI durch die Bindung an die sowjetrussische Staatsräson noch stärker.

Zwei grundlegende Konfliktlinien

Damit sind die zwei Konfliktrichtungen, die die Geschichte der KI prägen, gesetzt. Zum einen geht es um Konflikt mit der Sozialdemokratie, die nach dem Krieg in vielen Ländern zu einer das bürgerliche System weitgehend bedingungslos stabilisierenden Kraft wurde. Sozialdemokratisches Parteiinteresse und Staatsinteresse verschmolzen. Die KI ihrerseits beförderte und organisierte das hinsichtlich des Verhältnisses von internationaler kommunistischer Bewegung und staatlichen Interessen Sowjetrusslands bzw. der Sowjetunion.

Die zweite Konfliktlinie betrifft den Charakter der sozialistischen Revolution und den entsprechenden Charakter einer kommunistischen Partei. Diese knüpfte an die Luxemburgsche Kritik der russischen Revolution 1917 an. Die enge Bindung an die sowjetische Staatsräson macht einen kritischen Blick auf die russische Revolution und die Erfahrungen unmöglich. Wie in den 1920er Jahren jede Kritik an der Komintern und Sowjetrussland in eins mit rückhaltloser Unterstützung des Kapitals und damit Konterrevolution gesetzt wurde, betraf das später jede Kritik des Realsozialismus.

Diese Entschiedenheit der Fragestellung erlaubte der Komintern aber auch, in der Analyse der modernen Gesellschaften, bei Versuchen der tatsächlichen Verbindung von antikolonialen und antikapitalistischen Kämpfen, in Diskussionen zur Rolle der Frauen in den sozialen Auseinandersetzungen, bei der Entwicklung ganz praktischer alltäglicher Solidarität und in anderen Bereichen neue Wege zu gehen – wie erfolgreich sie dann auch gewesen sein mögen. Die Zeitschriften und Verlage der Komintern spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Wissen über die Gesellschaft und über die sozialen Kämpfe in anderen Weltteilen sowie bei der Entwicklung einer eigenen Kultur der Bewegung. KommunistInnen aus anderen Ländern erhielten die Möglichkeit, in der Sowjetunion zu studieren. Allerdings zeigte sich, dass diese Seite der Arbeit der Komintern von der nachleninschen Führung der KPR(b) vor allem instrumentell betrachtet wurde. Die mit der Bolschewisierung beginnende Homogenisierung und Orientierung auf sowjetisch-staatliche Interessen wurde durch die finanziellen Ressourcen der Sowjetunion vorangetrieben. Innerparteilich wurde es immer wichtiger, für die eigene Karriere «gute Verbindungen nach Moskau» zu haben.

Diese Verflechtung von staatliche und Bewegungsinteressen brachte den einzelnen Parteien z.T. erhebliche Schwierigkeiten. So stand die KPD vor der prinzipiell unlösbaren Aufgabe, die Rüstungs- und Militärkooperation Deutschlands mit der Sowjetunion mit dem eigenen antimilitaristischen Kurs in Übereinstimmung zu bringen. Der Schwenk von der Einheitsfront- zur Sozialfaschismusthese hatte katastrophale Folgen im Widerstand gegen den aufziehenden Faschismus. Das Dreieck aus Verpflichtung auf bolschewistische Parteimodell, Bindung an die staatlichen Interessen der Sowjetunion und materieller Abhängigkeit von den sowjetischen Finanzen wurden zum Bermuda-Dreieck der Komintern.

Der Apparat der Komintern und die Führungsebenen ihrer Sektionen wurden ab Ende der 1920er Jahre unmittelbar in die internen Auseinandersetzungen in der Sowjetunion einbezogen. Die Versuche, die kommunistische Bewegung über Finanzen und Ideologie zu regulieren, wurden durch die physische Vernichtung möglicher Kontrahenten der stalinschen Linie ergänzt. Angst und Selbstzensur beherrschten ab 1930 das Klima in den Apparaten. Das war die Erfahrung, die das Verhalten kommunistischen Funktionäre auch in der Nachkriegszeit bestimmen sollte.

Der lange Schatten der Komintern

Es war die Logik von Krieg und Bürgerkrieg als Entstehungsbedingungen der Komintern, die diese Organisation prägte. Die elementare und bis heute aktuelle Frage ist: Warum konnte sie in nie überwunden werden? Die KI verschwand, wie sie entstanden war: im Stillen und unspektakulär. Liest man die Tagebucheinträge des Vorsitzenden Georgi Dimitroff vom Mai 1943, so scheint Anfang des Monats der Geschäftsbetrieb der Komintern normal und auf Dauer gestellt. Am Abend des 8.Mai treffen sich der sowjetische Außenminister Molotow, der Vertreter der KPdSU bei der KI Manuilski und Dimitroff bei einem nächtlichen Gespräch. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Organisation zu einem Hindernis für die selbstständige Entwicklung der Mitgliedsparteien geworden sei. Die Funktionen, die aus sowjetischer Sicht nützlich waren, gingen in sowjetische Apparate über. Nicht die Auflösung, sondern das Fehlen jeder Diskussion dazu ist das eigentliche Politikum. Die Verankerung der kommunistischen Bewegungen im Widerstand gegen den Faschismus eröffnete allerdings neue Horizonte für Bündnisse und neue Wege für eine andere Gesellschaft. Dass sie erfolglos blieben, hängt auch damit zusammen, dass eine Kritik der KI nach ihrem Ende unmöglich blieb.

Das Ende der KI führte an ihren Beginn: sie vertrat den Anspruch, dass die Proletarier tatsächlich selbst den revolutionären Kampf organisieren sollten. Tatsächlich blieb von ihr nur, dass ein neuer Apparat geschaffen wurde, der nach 24 Jahren einfach verschwinden konnte. Die Lehre: Ein Stellvertreter-Internationalismus ist unmöglich.