Publication Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Rosa Luxemburg - Deutsche / Europäische Geschichte - Kultur / Medien - Kunst / Performance Kultur neu denken

Luc Jochimsen: Zehn Jahre szenische Lesungen über das «kurze 20. Jahrhundert»

Information

Series

Buch/ Broschur

Publishers

Luc Jochimsen,

Published

November 2019

Ordering advice

Only available online

Related Files

Von Weimar nach Europa, von Allende zu Heym

«Epochal» wird als Begriff etwas inflationär verwendet. Auf Eric Hobsbawms «Zeitalter der Extreme», 1994 zuerst veröffentlicht, kann diese Beschreibung jedoch bedenkenlos angewendet werden. Hobsbawm beschreibt hierin die Epoche zwischen 1914 / 17 und 1989 / 91, die er, in Anknüpfung an den ungarischen Historiker Iván T. Berend, als «kurzes 20. Jahrhundert» bezeichnet.

Luc Jochimsen wurde 1936 in Nürnberg geboren und wuchs in Frankfurt am Main auf. Sie studierte Soziologie, Politik und Philosophie; 1961 promovierte sie bei Helmut Schelsky mit einer Arbeit über «Zigeuner – eine Minderheit in der Bundesrepublik». 1975 wurde sie beim NDR Redakteurin des ARD-Magazins «Panorama». Für die ARD ging Luc Jochimsen von 1985 bis 1988 als Korrespondentin erstmals nach London, von Oktober 1991 bis Dezember 1993 leitete sie das dortige ARD-Studio, nachdem sie zwischenzeitlich für die Abteilung Feature / Auslandsdokumentation des NDR verantwortlich gewesen war. Von 1994 bis 2001 war sie Fernsehchefredakteurin des Hessischen Rundfunks. Von 2005 bis 2013 war sie Bundestagsabgeordnete der LINKEN.

In ebendiesem kurzen 20. Jahrhundert sind die meisten der Ereignisse und Personen beheimatet, die Luc Jochimsen, zumeist im eleganten Zusammenspiel mit Franz Sodann, in sieben szenischen Lesungen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und oftmals auch der Fraktion der LINKEN im Deutschen Bundestag initiiert, konzipiert und durchgeführt hat. Der zeitliche Bogen spannt sich von 1914 und der Debatte über die Bewilligung der Kriegskredite im Deutschen Reichstag bis hin zum Leben des Schriftstellers Stefan Heym, der, 1913 in Chemnitz als Helmut Flieg geboren, in seinen 88 Lebensjahren diese geschichtliche Spanne geradezu exemplarisch verkörperte. Eröffnet wurde der Reigen im Februar 2009 an historischer Stelle in Weimar mit einer Lesung aus Anlass der Konstituierung der Nationalversammlung 1919, die die Weimarer Verfassung erarbeitete. Den vorläufigen Abschluss bildeten im Dezember 2017 eine Lesung aus Anlass von 60 Jahren Römische Verträge, die eine zentrale (wenn auch nicht die einzige) Grundlage für das legten, was heute die Europäische Union ist, und eine Lesung im Dezember 2018 in Erinnerung an die Gründung der KPD 100 Jahre zuvor. Lesungen in den Jahren 2010 bis 2015 widmeten sich dem sozialistischen chilenischen Präsidenten Salvador Allende sowie dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und dem von ihm initiierten Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main.

Ich hatte die  Möglichkeit, an fast allen szenischen Lesungen entweder selbst mitzuwirken oder zu ihrer Ermöglichung ein wenig beizutragen. Das übervolle Deutsche Nationaltheater in Weimar 2009 ist mir natürlich in Erinnerung geblieben, aber auch eine Lesung zur Bewilligung der Kriegskredite im prunkvollen großen Saal des Hamburger Rathauses vor dem Hintergrund eines riesigen Hafengemäldes. Ganz besonders gerne erinnere ich mich aber an die Lesung zu Stefan Heym, die sich in einen größeren Erinnerungsrahmen aus Anlass seines 100. Geburtstages 2013 einreihte. Auch zu diesem Gedenkjahr ging die Initiative maßgeblich von Luc Jochimsen aus. Und so möchte ich Luc sehr herzlich für die Ideen, Impulse, Skripte und Lesungen und nicht zuletzt für die große Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit danken, mit der sie prominente Lesende aus Politik, Publizistik und Kultur zur Teilnahme gewann. Weder deren Mitwirken noch die Lesungen selbst sind ohne Luc Jochimsen denkbar; genau dieser Mix an Mitwirkenden hat aber für das Überraschungsmoment gesorgt, was den Lesungen eine solch große Aufmerksamkeit einbrachte. Dank der Mitgestaltung von Franz Sodann, die Luc Jochimsen zu Recht als kongenial beschreibt, ist eine ganz besondere Dramaturgie entstanden, die zur Nachnutzung einlädt.

Mein Dank an Luc und Franz hat dabei speziell zwei Aspekte: Es hat erstens Spaß gemacht, mitzuwirken, zu hören, zu sehen und zu lesen! Das ist nicht die schlechteste Grundlage für politische Bildung. Und zweitens laden wir gemeinsam ein, mit den Texten der Lesungen zu arbeiten – wir freuen uns, wenn sie wieder aufgegriffen und wieder aufgeführt werden! Warum nicht etwa 2020, wenn sich die Wahl Salvador Allendes zum fünfzigsten Male jährt?

Florian Weis

This could also interest you

Video | 15.02.2013«Einer, der nie schwieg» -- Szen­is­che Le­sung zu Stefan Heym

Video | 09.09.20141914 - Die Reich­stags­de­bat­ten zu den Kriegskred­iten

Am 4. August 1914 bewilligte der Reichstag 5 Milliarden für den Krieg. Welche Rolle spielte das…