Publication Arbeit / Gewerkschaften - Digitaler Wandel - Sozialökologischer Umbau - Spurwechsel «Und was ist jetzt mit meinem Job?»

Eine gerechte Mobilitätswende und alternative Produktion

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Buch/ Broschur

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Mario Candeias,

Published

September 2021

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Foto: Lenny Kuhne / unsplash

Paul und Ercan arbeiten als Facharbeiter am Band in einer Autofabrik. Sie machen sich Sorgen über die Zukunft. Der Konzern, für den sie arbeiten, will wieder einmal Rationalisierungen durchführen: die Arbeit soll noch weiter intensiviert, Leute sollen entlassen werden, um gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt «mithalten» zu können. So etwas kommt alle paar Jahre. Die Belegschaft kämpft, Betrieb für Betrieb, versucht Schlimmeres zu verhindern. Für die Kernbelegschaften kommen dabei immer noch ganz gute Arbeitsbedingungen heraus, denkt Paul.

Nun soll alles «elektrisch» werden. Da gehen wieder ganz viele Jobs verloren, weil der arbeitsintensive Verbrennungsmotor wegfällt, der neue Antriebsstrang viel weniger Teile benötigt. Unterschiedliche Studien gehen vom Verlust von rund 150.000 Arbeitsplätzen durch Reduzierung von Überkapazitäten und Rationalisierung sowie von 100.000 Arbeitsplätzen im Zuge der Umstellung auf E-Mobilität aus. Das macht Angst.

Ercan findet schon richtig, dass endlich was unternommen wird, um das Auto ökologischer zu machen. Schließlich ist der Verkehr für ein Fünftel des Co2-Ausstoßes  Deutschlands verantwortlich. Und während in allen anderen Bereichen die Emissionen zumindest zurückgehen, ist der Co2-Ausstoß im Verkehr seit 1990 sogar um 170 Mio. Tonnen gestiegen. Da muss man was machen, denkt auch Paul, schon für die Kinder.

Aber die 1,5 t Elektro-SUVs, die sie nun bauen sollen, das hält er auch nicht wirklich für eine ökologische Lösung. Seine Kolleg*innen sind auch sehr skeptisch gegenüber der «Transformationsstrategie» der Konzerne - das hat auch eine Befragung der RLS unter Beschäftigten der Autoindustrie ergeben. Das E-Auto wird zwar als Lösung präsentiert. Aber es sichert weder ausreichend Beschäftigung noch ist es besonders ökologisch: der Ressourcenverbrauch, v.a. bei seltenen Erden, ist enorm, von einer Abkehr vom Individualverkehr kann keine Rede sein, meint Ercan.

Pauls Tochter ist bei Fridays for Future. Mit ihr diskutiert er oft, und denkt sich, die jungen Leute haben schon recht, dass müsste alles viel schneller und radikaler umgebaut werden. «SystemChange not climate change» und so, sagt Julia immer. Aber Pauls Job ist gut bezahlt, die Belegschaft gut organisiert. Was soll er denn sonst machen? Busfahrer*innen oder Pfleger*innen brauchen wir, das hat auch die Pandemie nochmal deutlich gemacht. Die sind systemrelevant. Autos nicht. Wäre jetzt aber persönlich für ihn und seine Kolleg*innen keine so gute Alternative, nicht unter gegeben Bedingungen. Ercan meint solche Berufe sollten aufgewertet und viel besser bezahlt werden, bessere Arbeitsbedingungen, besser angesehen - dann könnte man drüber reden. Man hat ja auch seinen Produzentenstolz. Aber was tun?

Julia kämpft für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Fridays for Future haben da mit verdi über ein Jahr gemeinsame Diskussionen und Aktionen für die erste bundesweite Tarifrunde im Nahverkehr organisiert. Ökologische Klassenpolitik nennen die das. Bessere Bezahlung, mehr Personal und Ausbau des ÖPNV. Klingt gut, findet Paul. So soll der Umweltverbund (aus Bus, Bahn, Verkehr, Rad und Mobilität zu Fuß) bis 2030 auf 80 Prozent des  Gesamtverkehrsaufkommen kommen. Dafür sollen die umweltschädlichen staatlichen Subventionen für den Auto- und Flugverkehr - immerhin jedes Jahr auf 29 Milliarden Euro - umgelenkt werden. Denn 20 Milliarden braucht es schon. 

Tatsächlich finden immer mehr jungen Leute ein Auto nicht mehr so wichtig. Aber nicht nur sie. Auch viele Kolleg*innen in der Autoindustrie identifizieren sich immer weniger mit «ihrem» Produkt und können sich vorstellen, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen, wenn die Bedingungen stimmen. Auch das ein Ergebnis der Befragung. Ercan hat auch kein Auto mehr.

Aber was ist denn jetzt mit den Jobs? Eine RLS-Studie sagt: so eine sozial-ökologische Transformation braucht unglaublich viel Arbeitskraft. Für den Umbau sind ja viel mehr S-Bahnen, Straßenbahnen, Regional- und Fernzüge nötig, neue Leitsysteme, Schienen, Werkstätten, ganze E-Bus-Systeme mit Oberleitung, E-Klein- und Rufbussen, spezialisierte E-Nutzfahrzeugen etc., Cargo- und E-Bikes - alles auch für den maßvollen Export. Das muss ja alles hergestellt werden. Das wäre dann eine echte Mobilitätswende statt nur einer einfacher Antriebswende.

Die Studie hat mal ausgerechnet, wieviel zusätzliche Beschäftigung dabei heraus käme. Zwei Szenarien wurden dafür angesetzt: 

  • Szenario 1, Verdopplung der Fahrgastzahlen im ÖPNV und im Bahnverkehr sowie im Fahrradverkehr - Gesamtpotenzial: bis zu 214.000 zusätzliche Arbeitsplätze.
  • Szenario 2, Steigerung des Fahrgastzahlen um den Faktor 2,5 - Gesamtpotenzial: bis  zu 314.000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Das Gesamtpotenzial wäre noch deutlich höher, wenn wir eine «kurze Vollzeit für alle» ansetzen würden, also eine Arbeitszeitreduktion, die um die 30-Stunden-Woche kreist. Damit wären wir bei einem zusätzlichen Gesamtpotenzial von bis zu 323.500 (Szenario 1) bzw.  bis zu 436.500 Arbeitsplätzen (Szenario 2).

Selbst wenn wir von einer Halbierung der Automobilproduktion ausgehen würden, könnte der Verlust von Arbeitsplätzen bereits im Szenario 1 von der Ausweitung alternativer Produktion aufgefangen werden. Szenario 2 führt dann bereits zu einer nennenswerten Ausweitung der Beschäftigung. Rechnen wir die «kurze Vollzeit» als Bestandteil eines «neuen  Normalarbeitsverhältnisses» hinzu, wäre das Ergebnis die Schaffung von hunderttausender zusätzlicher Arbeitsplätze. 

So haben Paul und Errcan das noch nicht betrachtet. 

Wir reden also nicht von ein paar zusätzlichen Stellen, sondern vom Ausbau von industrieller Beschäftigung im Kernbereich der IG Metall. Und dabei geht es nicht einfach um «Ersatzarbeitsplätze» - wenn wir auf einen neuen Produzent*innenstolz setzen, welches das sozio-technische Wissen der Beschäftigten ernst nimmt, geht es um gesellschaftlich unverzichtbare Tätigkeiten im Sinne der Schaffung einer industriellen Basis für die klimagerechte Mobilitätswende!

Die Konzerne werden bei dieser Transformation nicht freiwillig mittun. So ein sozial-ökologischer Systemwechsel muss gegen die Konzerne, aber mit den Beschäftigten durchgesetzt werden. Dafür gilt es die Bedingungen erst einmal zu schaffen. 

Auf dieser Basis, meint Julia klassenkämpferisch, können praktische Allianzen für einen Spurwechsel organisiert werden, die Machtressourcen von Beschäftigten aus unterschiedlichen Branchen und ihren Gewerkschaften, von Umwelt- und Klimabewegungen, linker Politik und kritischer Wissenschaft zusammenbringen.

Am Ende stünde eine gerechte Mobilität für alle, unabhängig vom Geldbeutel, gute Arbeit in Industrie- und Verkehrsunternehmen, lebenswerte und grüne Städte mit Platz für Erholung, Spiel und Begegnung und ein erheblicher Beitrag für die Begrenzung des Klimawandels.

Die Ergebnisse der Studien erscheinen im Oktober bei VSA.