Publication Reproduktive Gerechtigkeit - Gesundheit und Pflege Aus Sorge kämpfen

Von Krankenhausstreiks, Sicherheit von Patient*innen und guter Geburt

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Julia Dück, Julia Garscha,

Published

March 2022

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Im Sommer und Herbst 2021 hat es die von ver.di initiierte Berliner Krankenhausbewegung geschafft, mit ihren Streiks in den beiden größten landeseigenen Krankenhäusern Charité und Vivantes und bei den Tochterunternehmen von Vivantes für Schlagzeilen zu sorgen. Sie hat damit die Berliner Gesundheitsversorgung in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die Beschäftigten forderten Entlastung in den Krankenhäusern und die Bezahlung nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Diensts (TVöD) für die ausgegliederten Bereiche. Sie prangerten damit auch die Gesundheitsversorgung in den Krankenhäusern an, den Personalmangel in der Pflege, Zeitdruck und Arbeitsverdichtungen sowie die damit einhergehende Gefährdung der Patient*innen.

Bundesweit beklagen Pflegekräfte schon lange, dass sich ihre Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren massiv verschlechtert haben. Kritisiert wird in erster Linie die Umstellung der Krankenhausfinanzierung auf das sogenannte Fallpauschalen- oder DRG-System (Diagnosis Related Groups). Mit diesem Finanzierungsmodell hat eine betriebswirtschaftliche Logik Einzug in die Krankenhausorganisation gehalten, die zu einem enormen Kostendruck, einer Konzentration auf lukrative Behandlungen sowie die Schließung von verlustträchtigen Bereichen, Personalabbau oder zum Outsourcing sogenannter patientenfernen Bereiche geführt hat – mit entsprechenden Konsequenzen für die Arbeit der Beschäftigten und für die Versorgungssituation der Patient*innen.

Gleichzeitig hat mit der Einführung des DRG-Systems eine neue alte Hierarchisierung von Tätigkeiten in der Pflegearbeit und Geburtshilfe selbst stattgefunden: Medizinisch-technische, zeitlich gut erfassbare Tätigkeiten werden stärker gewichtet, emotional-relationale Tätigkeiten, die zeitlich schwerer zu definieren sind, werden abgewertet. Während mittlerweile zunehmend auf die Auswirkungen von Zeitdruck und Arbeitsverdichtung auf die gesundheitliche Versorgung hingewiesen wird, bleiben die Auswirkungen auf die inhaltliche Ausgestaltung der Arbeit dabei mitunter außen vor.

Mit der vorliegenden Broschüre wollen wir den Blick genau darauf lenken, warum es immer zuerst menschliche Bedürfnisse nach emotionalem Beistand, nach Betreuung von der ersten bis zur letzten Wehe oder einem Händedruck in Zeiten der Not sind, für die die Kapazitäten nicht reichen. Wir wollen mit der Broschüre zeigen, dass die Fallpauschalen zu einer umfassenden Ökonomisierung des Krankenhausalltags geführt haben. Das bedeutet: Betriebswirtschaftliche Sparmaßnahmen drücken sich nicht nur in Zahlen, Kosten und Erlösen aus, sondern zeigen sich auch am Wegsparen von Zeit für Gespräche, für die Beruhigung bei Ängsten. Fallpauschalen setzen Gesundheit in Wert – und zwar auf eine spezifische Weise: Sie lenken den Fokus auf Behandlungen und Arbeitsprozesse, die gut vergütet sind, weil sie sich gut planen, eintakten und rationalisieren lassen.

Dass es die fürsorglichen, affektiven, sozialen und kommunikativen Aspekte der Arbeit im Krankenhaus sind, die aktuell abgewertet werden, ist kein Zufall. Diese Entwicklung folgt einer androzentrischen Logik, die Menschen als autonome Wesen imaginiert und dabei die Angewiesenheit auf andere gerade in verletzlichen Situationen nicht erfasst. Diese männlich-rationalistische Funktionslogik der Fallpauschalen gilt es aufzuzeigen. In ihr reartikulieren sich alte Grenzziehungen zwischen männlich und weiblich, rational und emotional, bezahlt und ins Private verdrängt.

Insofern verstehen wir die Broschüre auch als eine Einladung, Kritik und Kämpfe miteinander zu verbinden. In gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen um eine gute Versorgung stecken auch feministische Anliegen; feministische Errungenschaften wiederum werden auch in gewerkschaftlichen Kämpfen erstritten. Das geschieht aber nicht automatisch – es muss aktiv thematisiert und verbunden werden.