Publication Inequality / Social Struggles - Labour / Unions Partizipative Arbeitskämpfe, neue Streikformen, höhere Streikfähigkeit?

Eine Untersuchung der Gewerkschaftsarbeit des ver.di-Bezirks Stuttgart am Beispiel von Arbeitskämpfen im öffentlichen Dienst. Von Catharina Schmalstieg. Reihe «Analysen».

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Analysis

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Catharina Schmalstieg,

Published

February 2013

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In den letzten Jahren werden Arbeitskämpfe in Deutschland zunehmend «spektakulär» und öffentlichkeitswirksam geführt, und auch die Formen des Streiks haben sich gewandelt. Ein sogenannter Tapezierstreik, bei dem die Beschäftigten einfach zu Hause bleiben, wenn gestreikt wird, reicht heutzutage nicht mehr aus. Stattdessen werden Arbeitsniederlegungen immer mehr zu Events mit Erlebnischarakter. Die Bandbreite der Arbeitsniederlegungen reicht von den Lokführerstreiks (2008) über die Streiks der Gebäudereinigerinnen und -reiniger (2009) sowie der Erzieherinnen und Erzieher (2009) bis hin zu den Streiks der Flugbegleiterinnen und -begleiter (2012) und der Flughafensicherung (2012). Die Tarifauseinandersetzungen sowohl der DGB-Gewerkschaften als auch der Berufsgewerkschaften (Cockpit, UFO, GDL, Marburger Bund) wurden in den vergangenen Jahren härter geführt, und die Arbeitskämpfe dauerten länger. Ein Beispiel dafür ist der neunwöchige Streik der in ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) organisierten Erzieherinnen und Erzieher im Jahr 2009. Diese Entwicklung hängt damit zusammen, dass immer häufiger die Androhung einer Arbeitsniederlegung nicht mehr ausreicht, um die Arbeitgeberseite zum Einlenken zu bewegen. Vielmehr müssen die Beschäftigten tatsächlich streiken, um ihren Tarifforderungen Nachdruck zu verleihen. Immer häufiger muss also die Organisationsmacht der Beschäftigten unter Beweis gestellt werden, was den Druck auf die kollektiven Interessenvertretungen erhöht. Denn nicht immer ist im konkreten Fall die Bereitschaft und Fähigkeit vorhanden, einen erfolgreichen Arbeitskampf zu führen. 

Die Frage, wie Organisationsmacht entsteht, wird meist mit einem Verweis auf Organisationsgrade und die Mitgliedergewinnung beantwortet. Hierzu gibt es unter dem Schlagwort organizing mittlerweile eine Fülle von Literatur (z.B. Dribbusch 2007; Hälker 2008; Raffo 2011) und Debatten in den deutschen Gewerkschaften. Hinzu kommen einige wenige Untersuchungen über neue atypische Arbeitskampfformen (z.B. Rehder u. a. 2012; Renneberg 2005) und über «neue» Arbeitskämpfe von in Berufsgewerkschaften organisierten Beschäftigten (Schroeder u. a. 2011), die darauf verweisen, dass Streikzeiten gute Zeiten für die Mitgliedergewinnung sind (Dribbusch 2011). Wie Organisationsmacht in Arbeitskämpfen mobilisiert und ausgeübt oder aber auch blockiert wird, ist in Deutschland indes noch kaum untersucht. 

Die vorliegende Studie leistet zu dieser Fragestellung einen ersten Beitrag, indem sie den Zusammenhang von Beteiligungsmöglichkeiten und Arbeitskampffähigkeit thematisiert am Beispiel des ver.di-Bezirks Stuttgart, der in den vergangenen Jahren vermehrt – und in verschiedenen Branchen (Handel, Nahverkehr und öffentlicher Dienst, insbesondere Kindertagesstätten) – mit mehrwöchigen Arbeitskämpfen und innovativen Mobilisierungsansätzen in Erscheinung getreten ist. Die im Bezirk verfolgten Strategien werden als Versuche verstanden, die gewerkschaftliche Durchsetzungsfähigkeit in Arbeitskämpfen zu verbessern. In einem ersten Schritt wird der Frage nachgegangen, inwiefern einzelne Strategien und Umgangsweisen einen Beitrag zur Stärkung und Erweiterung der gewerkschaftlichen Organisationsmacht darstellen (Streikstrategien). In einem zweiten Schritt werden Partizipationsmöglichkeiten in Arbeitskämpfen identifiziert und analysiert (Elemente der Streikkultur). Folgende Fragen sollen dabei beantwortet werden: In welcher Form können Beschäftigte an der Vorbereitung und Durchführung von Tarifrunden teilnehmen? Können Gewerkschaftsmitglieder die Arbeitskampfstrategien mitbestimmen? Oder sind sie «nur» Ausführende? Inwiefern tragen die Beteiligungsmöglichkeiten dazu bei, die Handlungsfähigkeit von Gewerkschaften zu stärken?

Inhalt:

Einleitung: Zum Zusammenhang von Arbeitskampffähigkeit und Partizipation 

Streikstrategien

  • «Alle Gemeinsam» – Vereint streiken, Solidarität erleben
  • Flexibel streiken – Neue Formen, Organisationsmacht auszuüben
  • «Rein-Raus» oder die «Arbeiten-Streiken-Arbeiten-Streiken-Strategie»
  • Intervallstreiks 

Elemente der Streikkultur: Partizipationsmöglichkeiten und Streikstrukturen

  • Streikstrukturen
  • Tarifarbeit als Kampagne – Aktivierung von Organisationsmacht
  • Bezirkliche Streikleitung – Die Schaltstelle des Streiks
  • Streikversammlung – Das Herzstück der Streikkultur: 
  • Kommunikation
  • Streikfundamente
  • Tarifabschluss. Mitgliederbefragung und Organisationsmacht
  • Die Rolle der Funktionärinnen und Funktionäre

Fazit: Arbeitskampffähigkeit und demokratische Kultur 

Literatur