Publication International / Transnational - Nordafrika «Redet mit der Hamas!»

Führende Vertreter der palästinensichen Zivilgesellschaft sprechen sich für einen internationalen Dialog aus. Newsletter des RLS-Büros Ramallah - »standpunkte international« 15-09 von Peter Schäfer

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Standpunkte international

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Peter Schäfer,

Published

July 2009

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Gaza, Juni 2009: Führende Vertreter der demokratisch-säkularen Zivilgesellschaft im Gazastreifen sprechen sich für den internationalen Dialog mit den islamistischen Machthabern aus.

von Peter Schäfer, Leiter des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Palästina.
 
Der Tunnel ist etwa 1,5 Kilometer lang, hat über zwei Meter Durchmesser und ist mit 27 Metern einer der tiefsten in Rafah, der südlichsten Stadt im Gazastreifen an der Grenze zu Ägypten. Er ist vollständig mit Holz verkleidet und mit Seilwinde, Licht und Gegensprechanlage ausgestattet. Eine dicke schwarze Leitung kommt aus der Tiefe. „Die ist für Benzin“, so der Tunnelbetreiber. „Wir importieren alles, Möbel, Kühlschränke, Kühe und Schafe, sogar Autos. Die müssen wir allerdings zerlegen.“ Nebenan werden Spanplatten und Besenstiele verladen. Ein leerer Tanklaster kommt an. Lebensmittel ägyptischer Herkunft sind in den Supermärkten Gazas zu finden.

Die Lage der Tunnel ist kein Geheimnis. Direkt an der ägyptischen Grenze ist eine Stadt aus Zelten und Verschlägen, in jedem ein oder zwei Tunnel. Alle 200 Meter ist ein Bombenkrater: „Hier haben sie Waffen geschmuggelt“, so ein Arbeiter nebenan. Die Röhren sind hinter- und übereinander. Etwa 1.500 gibt es, schätzen die Arbeiter, über 30.000 Menschen finden hier Beschäftigung. Sie verdienen bis zu 100 Dollar am Tag, je nach Gefährlichkeit ihrer Aufgabe: Zwei bis drei sterben täglich. Aber im heutigen Gazastreifen, unter vollständiger Blockade und bei hoher Arbeitslosigkeit, ist dieser Job sehr begehrt. Und notwendig. „Die Tunnels halten uns am Leben“, sagen die Menschen in Gaza-Stadt, im Norden des kleinen Gebiets.

Im Juni 2007 übernahm die Hamas in einem blutigen Konflikt alle Schlüsselpositionen hier. Sie hatte im Januar 2006 die Parlamentswahlen gewonnen. Bereits kurz nach der Regierungsbildung Ende März 2006 beschlossen Israel, die EU und die USA jedoch die Isolierung der Hamas, obwohl sie zuvor auf deren Beteiligung an den Wahlen drängten. Und im Juni des Folgejahres wurde über das sowieso bereits vollständig abgeriegelte Gebiet zusätzlich noch eine Wirtschaftsblockade verhängt. Seither leben die 1,5 Millionen Bewohner kollektiv mit Stromausfällen, ungenügender medizinischer Versorgung und von den Wohlfahrtsleistungen des Auslands. Die Armutsrate steigt, die Wirtschaft ist am Boden, Mangelernährung auf dem Vormarsch. Die von Israel eingelassenen Lebensmittellieferungen reichen vorne und hinten nicht, resümiert das Rote Kreuz.1 Die Palästinenser im Gazastreifen würden „eher wie Tiere, denn als Menschen behandelt“, so der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter.

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