News | GK Ländlicher Raum Dorf und Region – Verbindungen von lokaler und regionaler Entwicklung

Bericht über die Tagung des Gesprächskreises «Ländlicher Raum» am 24. März 2011

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Kurt Krambach,

Zur Diskussion standen zwei Vorträge, die thematisch zur Vorbereitung der Internationalen Dorfkonferenz gehören und dort vor allem in der Arbeitsgruppe B eine wichtige Rolle spielen werden.

Mirko Klich sprach zum Thema: Unterstützung von Dörfern und dörflichen Gemeinschaften? - Interkommunale Zusammenarbeit am Beispiel der Regionalentwicklung, der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) und der LEADER-Umsetzung in Thüringen, insbesondere der Wartburgregion.

„Interkommunale Kooperation ist die Zusammenarbeit von Kommunalverwaltungen, die entweder in einem vertraglich geregelten bloßen koordinierten Vorgehen oder in der Schaffung eines neuen Rechtsträgers zur Verfolgung der gemeinsamen Interessen bestehen kann.“ (Wikipedia)

Bestimmte kommunale Investitionen lohnen sich von ihrer technisch erforderlichen Mindestgröße erst, wenn sie durch mehrere Nachbarkommunen mitgetragen und mitgenutzt werden, z.B. Kläranlagen, Abfallbeseitigung. Interkommunale Zusammenarbeit wird daher zwischen den Kommunen in Deutschland schon seit Jahrzehnten praktiziert. Interkommunale Zusammenarbeit ist auch in Thüringen im Bereich der technischen Infrastrukturen, z.B. bei der Wasser- und Abwasserversorgung bzw. –entsorgung, verbreitet, wird bei der zukünftigen Sicherung der Daseinsvorsorge angesichts des demografischen Wandels im ländlichen Raum eine immer wichtigere Rolle spielen.

Ein weiterer verbreiteter Bereich der interkommunalen Zusammenarbeit ist nicht nur in Thüringen die Erarbeitung von Regionalen Entwicklungskonzepten (REKs oder auch ILEKs: Integrierte ländliche Entwicklungskonzepte) sowie ihre Umsetzung durch entsprechende Regionalmanagements. Gründe für die Verbreitung der Konzeptentwicklung sind z.B. vorhandene Förderinstrumente; die gute Praxis, dass die Bewilligung von Fördermitteln an das Vorhandensein  eines regionalen Entwicklungskonzeptes geknüpft ist oder dass der regionale Handlungsbedarf und die regionalen Handlungszusammenhänge (identifikatorisch, funktional-sachlich) nicht mit den gegebenen administrativen Institutionen übereinstimmen.

Nicht immer erfuhren bzw. erfahren die Entwicklungskonzepte eine Umsetzung, nämlich dann, wenn es nicht gelingt, gleichzeitig entsprechende regionale Handlungskapazitäten und –strukturen aufzubauen. Dort, wo ein gemeinsames - oft über einen längeren Zeitraum gewachsenes - regionales Grundverständnis als Region existiert, sind in der Regel auch solche Handlungskapazitäten und –strukturen anzutreffen. Ein Problem in Thüringen ist, dass einige regionale Entwicklungszusammenhänge, wenn sie von oben vorgegeben wurden - wie z.B. im Rahmen des Leaderprogramms (!?) - eher an den administrativ organisierten Räumen und nicht an den regionalen Identifikationsräumen orientiert sind, so dass es hier Spannungsfelder zwischen eigensinnigen, „von unten“ entstandenen und „von oben“ durch Förderprogramme initiierte regionale Handlungszusammenhänge gibt.

Dies sind kritische Punkte, die am Beispiel der Wartburgregion sehr gut illustriert werden können, im Rahmen des Vortrages aber nur angerissen werden konnten.

Im Mittelpunkt des Vortrages stand die Frage: Wie ordnet sich heute und zukünftig die Förderung und Unterstützung von Dörfern und dörflichen Gemeinschaften in die interkommunale Zusammenarbeit bei der integrativen Regionalentwicklung ein?

Die (Förder-)Instrumente der Dorfentwicklung im Rahmen der ILE-Förderung (Integrierten Ländlichen Entwicklung) aber neuerdings auch im Zusammenhang mit der Sicherung der Daseinsvorsorge angesichts des demografischen Wandels im ländlichen Raum, stellen an die Anträge bzw. Projekte Anforderungen wie Raumwirksamkeit bzw. regionale Bedeutsamkeit, interkommunale Zusammenarbeit und die Forderung nach einem innovativen Gehalt. Damit sollen nicht mehr nur lokale, z.B. - zugespitzt formuliert - jedem Dorf sein Dorfgemeinschafts- oder Vereinshaus, sondern vielmehr zentrale Angebote und Infrastrukturen, die sich den Herausforderungen des demografischen und sonstigen strukturellen Wandel im ländlichen Raum stellen, gefördert werden.

In der Praxis bleiben die oben genannten Ansprüche noch oft unerfüllt, auch deshalb, weil die Antragstellungen und die Bereitstellung der Eigenmitteln nach wie vor durch eine (!) Kommune erfolgen und hierbei - zwangsläufig - lokale bzw. gemeinde-interne Politiken im Vordergrund stehen.

Bei der praktischen Orientierung auf raumwirksame, regional-bedeutsame Projekte im Rahmen der Regionalentwicklung taucht in den Regionen und Dörfern immer wieder die Frage nach der Unterstützung dörflicher Gemeinschaft und Selbsthilfe, die lokal gebunden ist und bleibt, auf.  Diese Qualität und Ressource muss im Rahmen einer zukünftigen nachhaltigen Politik für den ländlichen Raum verstärkt anerkannt und unterstützt werden. In diesem Spannungsfeld zwischen überörtlicher Zentralisierung von Angeboten und Infrastrukturen einerseits und Unterstützung dörflicher Gemeinschaftlichkeit und Selbsthilfe anderseits müssen sich auch die Institutionen und Instrumente der Regionalentwicklung heute und zukünftig positionieren.

Vor diesem Hintergrund haben die drei Südthüringer Leader-RAGs Wartburgregion, Henneberger Land (Landkreis Schmalkalden-Meiningen) und Hildburghausen-Sonneberg den Wettbewerb „Dörfer in Aktion“ (2010/2011, www.doerfer-in-aktion.de) entwickelt, durch den 40 gemeinschaftliche dörfliche Aktionen, an denen sich jeweils mind. 12 Leuten beteiligen, mit einem Höchstbetrag von 3.000 € (Sachkosten) unterstützt werden können. Die Resonanz bzw. Beteiligung der Dörfer, ca. 90 Wettbewerbsteilnahmen, und die breite öffentliche Berichterstattung über den Wettbewerb sowie die einzelnen Aktionen zeigen den Bedarf an einem solchen Förderinstrument im ländlichen Raum. Auch zeigen diesen Bedarf über den Wettbewerb hinaus gehende Anfragen an die Leadermanagements, ob eine Förderung von Sachkosten möglich ist, wenn die Arbeits- durch Eigenleistungen der Bürger und mit Unterstützung ansässiger Firmen erbracht werden.  Dies ist in der gängigen Förderpraxis nur im begrenzten Maße möglich.

Eine umfassendere Anrechenbarkeit von Eigenleistungen sollte daher ebenso wie eine Regelförderung  nach dem Modell „Dörfer in Aktion“ in der zukünftigen Förderprogrammatik für den ländlichen Raum ihren Platz haben. Die interkommunale Zusammenarbeit darf bei der Orientierung auf Überörtlichkeit und Raumwirksamkeit von Angeboten und Infrastrukturen die dörflichen Gemeinschaften nicht vergessen.

In der anschließenden Diskussion wurden folgende Fragen aufgeworfen:

  • Wie könnte das Engagement der Bürger in den Dörfern durch den Wettbewerb noch weiter verstetigt werden?
  • Wie sind kirchliche Akteure und Gemeinschaften in die Regional- und Dorfentwicklung in Thüringen eingebunden?
  • Gibt es in Thüringen ein Bedarf an Vernetzung der dörflichen Akteure bzw. Gemeinschaften wie sie mit der Dorfaktionsbewegung in Skandinavien und Holland, mit der Internationalen Dorfkonferenz im Mai in Berlin verfolgt wird?

Dipl.-Soz. Mirko Klich, Leadermanagement RAG Wartburgregion / IPU Erfurt

(www.rag-wartburgregion.de, www.ipu-erfurt.de)

 

Im zweiten Vortrag befasste sich Axel Dosch mit Modellen einer multiplen und flexiblen Nahversorgung für den ländlichen Raum:

Die Nahversorgungssituation wird bestimmt durch den allgemeinen sozio-ökonomischen Strukturwandel im ländlichen Raum (Konzentration, Abwanderung, Globalisierung) und durch die Konzentrationstendenzen im Lebensmitteleinzelhandel (Discounter)  Sowohl die traditionellen Dorfläden als auch die Konsum- und HO-Standorte, welche nach der Wende noch überlebt hatten sind mittlerweile weitestgehend verschwunden.

Da die Landesplanung und –statistik meist nur den großflächigen Einzel- und Fachhandel ab 800 qm erfasst, gibt es keine aussagekräftige Datengrundlage um die Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte und den aktuellen Versorgungsgrad zu beschreiben. Einen guten systematischen Überblick gibt lediglich ein Gutachten für Sachsen (BBE). Auch wissenschaftlich ist das Thema bisher nur punktuell betrachtet worden (Neu 2008, Sächsisches Landesamt 2008). Aktuelle Zahlen belegen eine Unterversorgung von 25-66% (Sachsen/MV) der Gemeinden im ländlichen Raum.

Eine Verschlechterung der Nahversorgungssituation ist zwar in vielen Regionen offensichtlich. Ein Problembewusstsein bildet sich aber nur langsam heraus, da aufgrund zunehmender Mobilität der Konsumenten, dem Trend zu haltbaren, vorgefertigten Lebensmitteln  bzw. mobiler Versorgungsangebote (z.B. Modellprojekt Elbe-Röder-Dreieck) nur einzelne Bevölkerungsgruppen akut unterversorgt sind. Während ein Discounter etwa 1500 Artikel im Sortiment hat, sind des bei rollenden Supermärkten sogar bis zu 2500 Artikel.

Während bisher von Nahversorgung als Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs in 15 Minuten Fussweg definiert war (vgl. Neu 2009) gibt  z.B. der Landesentwicklungsplan Sachen-Anhalt für die Versorgungsfunktion eines Unterzentrums eine Entfernung von 15 Minuten PKW-Fahrtzeit vor.

Auf diese Situation reagieren mittlerweile sowohl Landesregierungen, Bürgerbewegungen und Handelsketten. Neben der am längsten etablierten Landesinitiative „Markt-Treff“ in Schleswig-Holstein nimmt die Zahl von bürgerschaftlich organisierter Dorfläden (Genossenschaften) ebenso zu wie erste Modellprojekte mit Einzelhandesketten (REWE, Tegut).

Obwohl die ländlichen Regionen in den neuen Ländern wesentlich dünner besiedelt und mit Dienstleistungen versorgt sind, finden sich klassische Dorfläden vor allem in Süddeutschland.

Bei neu eröffneten Versorgungsstandorten lässt sich ein Trend zu einer Kombination der Funktionen von Handel, Dienstleistung und Begegnungszentrum/Kultur beobachten, wie es auch die Konzepte Markttreff und das Fünf-Säulen-Modell des DORV e.V. aus NRW vorsehen. In einigen Fällen treten auch Integrationswerkstätten als Betreiber der Dorf- oder Hofläden auf (Markttreff Datterode im Werra-Meißner-Kreis).

Ideen einer multiplen Versorgung in einer neuen Form von Dorfgemeinschaftshaus (Multiple Häuser) oder multifunktionaler mobiler Angebote (z.B. Überlandsparkasse und Bürgerbüro) existieren bisher nur im konzeptionellen Stadium von Modellprojekten (Multiple Häuser in Vorpommern; mobiler Marktreff Nordfriesland, Kombibus Uckermark).

Auch eine Erweiterung der Angebotspalettte von Hofläden oder Landhandel findet sich bisher nur im Einzelfall. Ein aktueller Versuch praktische Erkenntnisse über erfolgreiche  kombinierte Versorgungsangebote im ländlichen Raum zu gewinnen ist das Projekt Neue Dorfmitte MV (in den Dörfern Törpin, Altenpleen, Schmatzin, Brunow).  Thüringen und Brandenburg sind wohl die einzigen Bundesländer welche das Thema noch nicht von Seiten der zuständigen Ministerien aufgegriffen haben. Mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit wurde im April 2011 der Dorfladen im Modelldorf Hirschfelde wiedereröffnet und soll bald durch ein Kulturcafe erweitert werden. Auch in Altreetz, Seelow und Seddiner See sind neue Nahversorgungsangebote 2011 entstanden bzw. geplant.

 

Literaturquellen:

Claudia Neu (2009): Wohnortnahe Grundversorgung und Bürgerpartizipation – ein Praxisbeispiel aus Mecklenburg-Vorpommern

Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (2010): Ländliche Versorgung. Eine Erhebung alltäglicher Versorgung in sechs sächsischen Dörfern. Schriftenreihe, Heft 18/2010

BBE (2007): Nahversorgung im Freistaat Sachsen. Strukturanalyse – Nahversorgungsmodelle – Lösungsansätze. Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Arbeit

Dipl.Ing.agr. Axel Dosch stadt.land.freunde. Berlin. ad@slf-berlin.de