News | International / Transnational - Europe - Gender Relations «Ich habe herausgefunden, dass ich Feministin bin»

In Apatity und Murmansk im Nordwesten Russlands fand vom 25. Juli bis 2. August die internationale Sommerakademie «Vostok Forum» statt. Organisiert wurde sie von der Humanistischen Jugendbewegung Murmansk und der AG Russland des Jugendbildungsnetzwerks bei der RLS, langjährigen Partnerinnen der Rosa Luxemburg Stiftung.

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Tiina Fahrni,

Geschlecht und Gender, Identität, Normativität, Sexualität – diese Themen sind gerade in linken Diskursen immer «irgendwie» präsent, stehen aber viel zu selten im Mittelpunkt. Man denke bloß an den berühmt-berüchtigten Nebenwiderspruch. Auf dem «Vostok Forum» in Apatity und Murmansk ging es genau um diese Dinge. Acht Tage hatten die Teilnehmenden, die meisten zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, Zeit, sich in weitgehend selbstbestimmten Arbeitsprozessen an Fragen abzuarbeiten, die mitunter zu Knackgeräuschen unter der Schädeldecke führten: Machen wir wirklich einen Unterschied zwischen Geschlecht und Gender? Worauf beruht Identität? Wie hängen Kapitalismus und Patriarchat zusammen? Braucht ein Mensch wirklich Kategorien und Stereotype, um sich in der Welt zurechtzufinden? Können wir Chaos denken? Aber auch die Mühen und Anstrengungen möglichst hierarchiefreier Aushandlungsprozesse an der Grenze des Selbstbestimmungswillens und immer mal wieder das Aufblitzen der Erwartung, Ansagen und Regeln zu erhalten, trugen zu einem Klima bei, in dem eine/n letztlich weder das Wie noch das Was kalt lassen konnte.

Aus Russland, Deutschland, der Ukraine, Belarus, Polen und Estland kamen die zweiunddreißig TeilnehmerInnen, die nach einem Einführungstag die Arbeitsgruppen «Feminismus und Kapitalismus», «Sexualität und Körperbilder» sowie «Dekonstruktion» bildeten. Die Gruppen verstanden sich nicht als feste Gebilde – angelehnt an die Methode des ‹open space› mit ihren Schmetterlingen und Hummeln, die freies Flattern zwischen den Gruppen, beziehungsweise beständiges Brummen in ein und derselben verbildlichen sollen. Dass Kommunikation das A und O prozessorientierten Arbeitens ist, konnte in der Abgeschlossenheit der Touristenherberge inmitten von Nichts, am Imandra-See, im nachtlosen Polarsommer positiv erfahren werden. Aushänge im Versammlungsraum wiesen auf Referate und Diskussionen hin, die die Teilnehmenden eigenständig anboten oder die im Plenum beschlossen wurden. Vorträge gab es zu linken Bewegungen und feministischen Gruppierungen in Russland, zu Kapitalismus und Patriarchat und zum Aufstieg und Fall der «Black Panther Party»; eine teilnehmende Foto- und Videokünstlerin zeigte und kommentierte ihre sozialkritischen Arbeiten. Das neue restriktive Gesetz über Nichtregierungsorganisationen in Russland, die Gelder von ausländischen Organisationen erhalten (ausführlicher zum «Ausländische Agenten»-Gesetz hier), die Gesetze in St. Petersburg und drei weiteren Regionen, die offenes Thematisieren von Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen als «Propaganda» verbieten sowie die Situation von Aktivist_innen in Belarus wurden im Plenum mit Besorgnis diskutiert. Daraufhin bildete sich eine Gruppe zum Ersinnen von Solidaritätsaktionen, die teilweise noch während der Projektwoche umgesetzt wurden. In Murmansk bildete die Eröffnung der Ausstellung «Ungewöhnliche Unterhosen – Frauenwäsche durch Frauenaugen» in der Galerie Svetoten einen Höhepunkt, mit Exponaten von einer Vostok-Teilnehmerin aus St. Petersburg, aufs vorzüglichste kombiniert mit einer Hängung des feministischen Pin-Up-Kalenders Rainer Maria, mit-gemacht von einer Teilnehmerin aus Leipzig.

Kommentare der Teilnehmenden zur Sommerakademie zeigten bereits erste Wirkungen. «Ich habe herausgefunden, dass ich Feministin bin», meinte eine Teilnehmerin aus Kaliningrad beiläufig am Mittagstisch. Es habe eine Stimmung der Freiheit und des gegenseitigen Respekts geherrscht, wie sie die Teilnehmerin, die dies äußerte, noch nie so erlebt habe. In der Auswertungsrunde wurde staunend angemerkt, dass Prozessorientierung und Resultate kein Widerspruch seien, sondern der Prozess Resultate nachhaltig hervorbringen könne. An dieser Stelle soll nicht verschleiert werden, dass die teils langwierigen Aushandlungsprozesse, spontanen Entscheidungen und die ständig verlangte Reflexionsleistung durchaus auch Kritik hervorriefen. Doch in Anbetracht der durchweg positiven Reaktionen auf die Themen und die offene Art ihrer Bearbeitung (für zahlreiche Teilnehmende eine neue Erfahrung), gemessen an der Möglichkeit, über Landes- Sprach- und Sozialisationsgrenzen hinweg mit Menschen ins Gespräch zu kommen und Kontakte zu knüpfen, und letztlich dank des Willens, diese Kritik konstruktiv in die Planung des «Vostok Forums» 2013 einzubeziehen, schmälert sie die nachglühende Begeisterung keineswegs. Nachzulesen ist diese zum Beispiel bei einem Teilnehmer aus Moskau auf Facebook: «Für mich ist ein sehr wichtiger Eindruck vom Vostok Forum die sprachliche Sphäre. Dass mein Englisch nicht immer verständlich ist und dass ich anderes Englisch nicht immer verstehe, und dass eine Wissenschaftlerin aus Polen und ein Aktivist aus der Ukraine, die kein Englisch können, eine gemeinsame Sprache finden. […] Ich habe kein formales Resultat erhalten. Nach mehr als einer Woche hinter dem Polarkreis kann ich nichts in die Kaderabteilung bringen oder in meinen CV schreiben. Aber im Prozess habe ich Kontakte mit Menschen geknüpft, die ich sonst wahrscheinlich nicht einmal kennengelernt hätte. Es wurde nichts produziert, was man vorzeigen könnte. Aber die hergestellten Kontakte und die Entwicklung der Beziehungen im Laufe des Prozesses blühen schon als Vergissmeinnichte und Stiefmütterchen. Und ich glaube, Zinnien und Gladiolen sind schon im Anmarsch. […] Das «Vostok Forum» war für mich die erste Erfahrung einer wirklichen Alltags-Gender-Vielfalt. Zum ersten Mal im Leben war es mir wirklich völlig egal, welchen Geschlechts oder welcher Orientierung die Menschen sind, mit denen ich mich unterhalte. Das ist eine sehr idealistische Erfahrung. Als ich wieder in Moskau war, gingen die Sensoren zwar wieder an, aber dafür weiß ich jetzt, dass es auch auf der Alltags-Ebene anders sein kann.»