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Interview mit Dagmar Enkelmann zur Tansania-Reise und der Arbeit der Stiftung in Ostafrika

Kürzlich haben Sie als Vorsitzende des Vorstands Tansania bereist und dort nicht nur die offizielle Übergabe der Leitung im Regionalbüro begleitet, sondern auch ein von der Stiftung unterstütztes Projekt in der zentraltansanischen Bahi-Region besucht. Dort kämpfen Einwohner zusammen mit internationalen Unterstützern gegen die Zerstörung ihres Lebensumfeldes – wie war Ihr Eindruck?

Richtig, in unserem Büro Ostafrika mit Sitz in Dar es Salaam wechselte die Leitung von Siegfried Schröder zu Dorothee Braun, die sehr viel internationale Erfahrung mitbringt und selbst lange Jahre in Afrika gelebt und gearbeitet hat.

In dieser Region hat die Stiftung mehrere Projektpartner, mit denen wir eng zusammenarbeiten. So wird in der Bahi-Region seit einigen Jahren ein Uranabbauprojekt verfolgt. Geplant ist ebenso der Bau des so genannten Farkwa-Staudamms, um die Wasserversorgung der Hauptstadt Dodoma zu gewährleisten. Ein Zusammenhang zwischen beiden Vorhaben ist möglich. Sicher ist jedoch, dass ein Staudamm dieses einmalige Ökosystem unwiderruflich zerstört. Damit geht  nicht nur das Lebensumfeld der dort ansässigen Menschen verloren. Landwirtschaft im Bahi-Sumpf trägt erheblich zur Ernährungssicherung der Region und darüber hinaus bei.

Für den Uranabbau hat die Regierung zwar schon eine Erkundungslizenz erteilt, den eigentlichen Abbau aber noch nicht genehmigt. Diese Hürde ist rechtlich aber als niedrig einzuschätzen. Derzeit stehen der Rechtsrahmen sowie mangelnde Transparenz privatrechtlicher Verträge zwischen Regierung und Investoren auf dem Prüfstand der öffentlichen Diskussion. Allerdings geht von den Investoren derzeit wenig Druck aus, da der Preis für Uranerz auf dem Weltmarkt im Keller ist und das Projekt nicht lohnend erscheinen lässt. Es ist aber damit zu rechnen, dass die Konzession irgendwann gezogen und es dann ernst wird.

Wie ernst?

Die Bahi-Region in Zentraltansania stellt eigentlich ein sich weithin erstreckendes Sumpfgebiet dar, das unter anderem durch den Fluss Bubu gespeist wird. Der geplante  Riesen-Staudamm würde die gesamte Sumpfregion trocken legen. Das träfe sowohl die dort lebenden Landwirte, Reisbauern als auch die Fischer.

Nach Aussage unserer Partnerorganisation hatten die Welternährungsorganisation FAO und die staatliche US-amerikanische Entwicklungsorganisation USAID schon 1982 mit der Einführung verbesserter Techniken für den Reisanbau begonnen. Auf mehr als 9.000 Hektar Fläche wird Reis angebaut, zudem tragen Mais, Hirse, Hülsenfrüchte und andere Agrarprodukte sowie der Fischfang in bedeutendem Umfang zu Ernährungssicherung bei. Das ist das Perverse an der Geschichte: Ökonomisch sind die Menschen von den Leistungen des Ökosystems unmittelbar abhängig.

Mit Bergbau und Staudamm würde die Lebensgrundlage für viele Familien zerstört – und das in einer Region, in der es ansonsten wenig Alternativen gibt. Das wäre tatsächlich existenzbedrohend für viele Menschen.

Und die Fischer hätten nichts von einem Staudamm und dem dann vermutlich entstehenden See?

Nein, die Fischer wollen Flussfischer bleiben. Sie fangen im Fluss, der durch das Sumpfgebiet verläuft, salzen und trocknen den Fisch, verkaufen diesen oder nutzen ihn zum eigenen Verbrauch. Zudem entsteht bei ausreichendem Regen ein See mit einem Durchmesser von rund 30 Kilometern, der in der Vergangenheit bis zu 5 Jahre Bestand hatte.

Mehr noch: Mit dem See würden auch vier Dörfer verschwinden. In der ganzen Region, die direkt vom Bergbauprojekt betroffen wäre, leben über 250.000 Menschen. Alle diese Menschen müssten nach und nach aus der Gegend wegziehen. Ob sie eine angemessene Entschädigung erhalten, ist fragwürdig.

Was kann die Stiftung vor Ort konkret wirklich verändern?

Unser Partner CESOPE, den wir in der Region unterstützen, klärt die dort ansässige Bevölkerung vor allem über die Folgen des Bergbau- und Staudammprojekts auf. Politische Aufklärungsarbeit zu leisten, ist ja eine der Aufgaben der Rosa-Luxemburg-Stiftung. CESOPE informiert aber nicht nur, sondern strebt auch an, die Betroffenen im Sinne eine Selbstorganisation und Selbsthilfe zusammenzubringen.

So wurde eine Massenpetition an die Regierung auf den Weg gebracht, um den Staudammbau zu verhindern. Regelmäßig finden Regionaltreffen statt, bei denen mit Bauern und Fischern gesprochen wird. Zwar wird schon seit Jahren über das Abbauprojekt und den Staudamm diskutiert, dennoch gibt es einen enormen Aufklärungsbedarf. Es ist dabei wichtig, dass wir Partner vor Ort haben, die die Menschen ansprechen können, die Lebenssituation vor Ort kennen und die nötige Sensibilität aufbringen.

Auch mein Eindruck bei meinem Vor-Ort-Besuch war: Viele Einwohner haben schon von dem Projekt gehört, sich aber noch nicht so richtig Gedanken darum gemacht, was das für ihr Leben bedeutet. Nicht wenige hegen die große Hoffnung, dass die Regierung das Projekt noch irgendwie aufhält – aber, wie gesagt: Die Lizenz ist bereits erteilt.

Wir haben auch gespürt: Die Arbeit, die dort mit unserer Hilfe vor Ort geleistet wird, ist der Regierung Tansanias schon ein Dorn im Auge. Die Regierung merkt deutlich, dass die Aufklärung auf fruchtbaren Boden fällt.

Was haben wir in Deutschland mit dem Uran-Projekt zu tun?

Als Stiftung wenden wir uns an den zuständigen Entwicklungsminister Gerd Müller, um auf ein generelles Problem aufmerksam zu machen: In unserer Auslandsarbeit stellen wir auch in anderen Regionen fest, dass Projekte der Entwicklungszusammenarbeit von industriellen Vorhaben konterkariert werden.

Als Stiftung können wir auch die Erkenntnisse über die langfristigen Folgen des Uranbergbaus nutzen, wie er im Osten Deutschlands bei der Wismut betrieben wurde. Oder die Frage beantworten, welchen Sinn neue Staudämme haben. Deren Folgen sind mitunter verheerend, wie wir aus der Stiftungsarbeit in China, Vietnam oder Lateinamerika wissen.

Wenn nun Bergbau und Staudamm verhindert werden – was könnte stattdessen wirklich helfen?

Wir sind natürlich keine Organisation, die Projekte der Entwicklungszusammenarbeit umsetzt. Unser Vorschlag wäre aber, darüber nachzudenken, ob die Bahi-Region zu einer Art Biosphärenreservat entwickelt werden könnte mit einem entsprechendem Schutzstatus, aber die Naturressourcen könnten weiter auf traditionelle Weise genutzt werden.

Den Fischern würden konkret Regenauffangbecken helfen. Die Kanäle würden dann das Sumpfgebiet länger mit Wasser versorgen können. Die Zeiten, in denen die Fischer auf Fang gehen können, würden sich verlängern. Das wäre ein sinnvolles Projekt der Entwicklungszusammenarbeit. So ein Riesenstaudamm hilft überhaupt nicht.

In der Bahi-Region kommt die Regenzeit übrigens noch halbwegs regelmäßig. In anderen, südlicheren Gegenden Afrikas kennen die Menschen regelmäßige Regenzeiten gar nicht mehr. Deshalb wären gerade dort solche Rückhaltesysteme enorm wichtig.

Ein anderer unserer Partner, FAHAMU, baut übrigens gerade zusammen mit den vier Afrika-Büros der RLS ein Internetprojekt auf, mit dem die verstreuten Informationen über Afrika zusammengetragen werden sollen. Was läuft eigentlich und wo wäre Hilfe angebracht? (http://www.pambazuka.org)

Uns interessiert aber auch die Frage, wie sich das Klima auf dem afrikanischen Kontinent ändert. Das stärkt wiederum in der europäischen Debatte die Argumente, warum zum Beispiel der Klimavertrag von Paris so schnell wie möglich umgesetzt werden sollte.