News | International / Transnational - Africa - West Africa Deutsche Migrationsgeschichte – Eine Diskussionsveranstaltung im Auswandererland Senegal.

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Armin Osmanovic,

Auf Einladung des Regionalbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung Westafrika diskutierte der bekannte deutsche Historiker Ulrich Herbert von der Universität Freiburg am Goethe-Institut in Dakar am 22. November 2016 die deutsche Migrationsgeschichte.

Herbert gab in seinem Vortrag einen Überblick über die Geschichte der Migration nach Deutschland seit 1945, um die jüngste Entwicklung, den Zustrom von über 1,5 Millionen Flüchtenden in den Jahren 2015 und 2016, historisch einordnen zu können.

Der Zuzug der vor allem vor dem Krieg in Syrien Flüchtenden hatte in Deutschland eine von nationalistischen und rassistischen Tönen geprägte Debatte ausgelöst. Als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sich im Herbst 2015 entschloss, die in Ungarn und Österreich gestrandeten Menschen aufzunehmen, um sie dann auf alle EU-Länder zu verteilen, was viele EU-Partner ablehnten, haben viele Deutsche die Flüchtlinge an Bahnhöfen und Grenzübergängen freundlich und hilfsbereit empfangen und versorgt.

Nach einer Welle der Hilfsbereitschaft, die in Teilen der deutschen Gesellschaft weiter anhält, wurden jedoch jene Stimmen immer lauter, welche vor einer wirtschaftlichen „Überforderdung“ oder gar einer „Überfremdung“ der deutschen Gesellschaft durch die Flüchtenden und die in den vergangenen Jahren bereits eingewanderten Ausländer warnten.

Die rechtskonservative Partei Alternative für Deutschland (AfD), die in der Vergangenheit vor allem gegen die europäische Gemeinschaftswährung Euro Politik gemacht hatte, griff das Thema auf und verlangte von der Bundesregierung, die Grenzen zu schließen und Flüchtende schnell wieder abzuschieben. Die AfD verzeichnete in dieser aufgeheizten Stimmung in den vergangenen Monaten bei vielen Landtagswahlen beträchtliche Stimmenzuwächse. In Angela Merkels Heimatregion Mecklenburg-Vorpommern entschieden sich über 20 Prozent der WählerInnen für diese Partei und verdrängten die Partei der Kanzlerin auf den dritten Platz. In den meisten Landtagen angekommen, plant die AfD 2017 den Einzug in den Bundestag.

Die Befürchtungen in Deutschland, dass die hohe Zahl der Zuwanderer das Land wirtschaftlich überfordern könne, zerstreute Herr Herbert mit dem Verweis auf die gelungene Integration der „Vertriebenen“ nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg flohen bis 1960 etwa 13,2 Millionen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten, die nun zu Polen, Russland, Tschechien und Ungarn gehören, und aus der ehemaligen DDR nach Westdeutschland. Fast jeder vierte Deutsche war damals in Westdeutschland zugewandert. Die Integration der Vertriebenen gelang, trotz aller zeitgenössischen Warnungen bezüglich der sozialen und politischen Sprengkraft, die man mit diesen Zuwanderern verband.

Aber auch die Zuwanderung von Gastarbeitern in den 1960er und 1970er Jahren gelang. 1973 arbeiteten etwa vier Millionen Menschen vornehmlich aus Südeuropa und der Türkei in Westdeutschland, bevor die Bundesregierung  wegen der Wirtschaftskrise einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer erließ.

Die Integration dieser Arbeiter lief anders ab, als der Integrationsprozess der „Vertriebenen“, die ihre Heimat verloren hatten. Vor allem deshalb, weil sowohl die deutschen Unternehmer als auch die neuen Arbeitnehmer lange der Idee nachhingen, dass die ausländischen Arbeitskräfte nur auf Zeit im Land bleiben und wieder nach Hause gehen würden. Viele der Gastarbeiter taten dies auch, doch eine große Zahl von Menschen schlug in Westdeutschland Wurzeln.

Nach dem Anwerbestopp kamen zudem immer mehr Menschen nach Deutschland, die sich auf das im Grundgesetz verankerte politische Asyl, das 1948 auch auf Druck der Amerikaner als eine Art Referenz an die nach 1933 vor den Nazis flüchtenden jüdischen und nichtjüdischen Deutschen aufgenommen wurde, beriefen. Allein 1986 kamen mehr als 100.000 Menschen ins Land. 1990 nach Öffnung der Grenzen in Osteuropa kamen 190.000 Menschen und 1992 438.000 nach Deutschland.

Zu den Asylsuchenden kamen in den 1980er und 1990er Jahren immer mehr Aussiedler aus Polen, Rumänien und der ehemaligen Sowjetunion. Insgesamt kamen so zwischen 1986 und 2006 3,1 Millionen Aussiedler und 2,9 Millionen Asylbewerber nach Deutschland, bis die Änderung des Asylartikels im Jahr 1993 die Zahl der Asylsuchenden für viele Jahre drastisch sinken ließ.

Heute leben in Deutschland etwa 16 Millionen Migranten, viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger geworden (8,7 Millionen). Die größte Migrantengruppe kommt aus der Türkei mit drei Millionen Menschen. Aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion kamen 2,8 Millionen, aus Polen und aus den Staaten des Nahen Ostens jeweils 1,6 Millionen. In vielen deutschen Industriestädten liegt der Anteil der Migranten bei 30 bis 40 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Die jüngere Migrationsgeschichte zeigt: Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft und das seit vielen Jahren. Doch erst in den vergangenen Jahren begann die deutsche Politik diesen Umstand anzuerkennen und über ein Einwanderungsgesetz ernsthaft nachzudenken. Seit Jahren läuft auch eine intensive Debatte über die „Integration“ von Ausländern und Flüchtenden. Eine Integration soll soziale, kulturelle und ethnische Konflikte vermeiden helfen. Die Kriterien der Integration, so Herbert, sind aber unklar. „Meistens ist dabei gemeint, dass sich die Zugewanderten in Bezug auf Erwerbstätigkeit, Sprachfähigkeit, Bildungsgang, den Bezug von Sozialleistungen, die kulturelle Orientierung, Kriminalität oder das Heiratsverhalten von den Einheimischen bzw. den Menschen ohne Migrationshintergrund möglichst wenig unterscheiden sollten.“

Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit spielt bei der Aufnahme der Zugewanderten eine besondere Rolle, da Integration nur über Arbeit und Bildung gelingt. Die Pogrome gegen Ausländer und Asylbewerber Anfang der 1990er Jahre haben den Prozess der Integration in Deutschland, nach Meinung von Herbert, grundlegend gestört. Gelang es vorher immer mehr Ausländern sozial aufzusteigen, änderte sich dies vor allem in der türkischstämmigen Bevölkerung. Angesichts der Übergriffe wuchs in dieser Bevölkerungsgruppe die Überzeugung, in Deutschland nicht erwünscht zu sein. In Folge gingen die Schulleistungen, etwa der Besuch höherer Schulen türkischstämmiger SchülerInnen, zurück. Damit verschlechterten sich auch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

In der Diskussion mit dem senegalesischen Publikum wurden auch die Erfolge der Partei Alternative für Deutschland diskutiert. Herbert zeigte sich sehr besorgt, auch wegen der Entwicklung in den USA nach dem Wahlsieg Trumps, ob es Deutschland gelingen wird, die „Integration“ der Zuwanderer und Flüchtenden zu schaffen.