70 Jahre «La Deutsche Vita»

Ein Blick auf verdrängte Auseinandersetzungen mit italienischer Migration

Italienisch-türkisches Kino in Köln, 1982: Aufnahmen im Eigelstein und der Weidengasse, für die Reportage «Kebap, Kölsch und Kneipenstrich» Köln 1973, Foto: DOMiD, Köln, E 1053,0373

Sie waren nie wirklich neu – und doch galten sie lange als Gäste: Italienische Migrant*innen gehörten zu den frühesten Arbeitskräften in der Bundesrepublik Deutschland, mit ihnen begann vor 70 Jahren die Ära der sogenannten Gastarbeit. Die Präsenz italienischer Männer und Frauen prägte den Alltag vieler Städte, ihre Arbeit war unverzichtbar, ihre Familien Teil des sozialen Gefüges. Trotz ihrer historischen Bedeutung scheint ihre Geschichte heute in der kollektiven Erinnerung weitgehend ausgelöscht.

Dieses Dossier widmet sich dieser Leerstelle. Es geht dabei der Frage nach, warum italienische Migrant*innen in den dominanten Erzählungen zur Einwanderungsgeschichte kaum noch vorkommen. Dabei geht es nicht darum, italienische Migration als exemplarisch zu deuten, sondern ihre spezifischen Prägungen und Ambivalenzen sichtbar zu machen: als Gefüge aus politischen Steuerungsversuchen, rassifizierenden Zuschreibungen und biografischen Aushandlungsprozessen.

Die «Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland» regelte die praktische Durchführung der Arbeitsvermittlung in Italien von der Anforderung der deutschen Betriebe über die Auswahl der Bewerber*innen in Italien bis hin zu Anreise, Lohnfragen und Familiennachzug. 

Das bilaterale Abkommen vom 20. Dezember 1955 war das erste seiner Art zwischen der Bundesrepublik und einem anderen Land. (Wikipedia)

Denn die Geschichte der italienischen Migration beginnt nicht erst mit dem Anwerbeabkommen vom 20. Dezember 1955. Vielmehr war sie bereits zuvor gelebte Realität – im Kontext saisonaler Arbeitsmigration, kriegsbedingter Zwangsarbeit oder informeller Anwerbung. Das bilaterale Abkommen zwischen der Bundesrepublik und Italien markierte somit nicht den Beginn, sondern die institutionelle Rahmung eines längst bestehenden transnationalen Alltags – und damit auch seine disziplinierende Neuordnung.

Migration bedeutet dabei nie nur die Verlagerung von Arbeitskraft. Sie mobilisiert auch Vorstellungen, Affekte und Abwehrhaltungen. So prägte das Bild des italienischen «Gastarbeiters» – männlich, süditalienisch, bäuerlich, fremd und gefährlich – das öffentliche Nachkriegsnarrativ und überlagerte zuvor dominierende, noch von Goethes Reiseberichten inspirierte und romantisierte bildungsbürgerliche Italienbilder des 19. Jahrhundert bis hin zum politischen Vorbild für die nationalsozialistische Bewegung in Deutschland im frühen 20. Jahrhundert. Italien war plötzlich nicht mehr das ferne Reiseziel kunstbegeisterter Eliten, ebenso nicht mehr Verbündeter für den faschistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg, sondern Teil einer neuen sozialen Wirklichkeit – sichtbar in den Wohnheimbaracken, auf dem Werksgelände, im Klassenzimmer, aber auch im öffentlichen Raum, in den Sportvereinen, Kneipen und Nachtclubs und schließlich als Sehnsuchtsort des einsetzenden Massentourismus im sogenannten deutschen Wirtschaftswunder, für das Millionen von Gastarbeiter*innen schuften mussten. Mit dieser neuen Nähe wuchs auch die Distanz: über Klischees, Ressentiments und strukturelle Ausschlüsse.

In Gesprächen mit Zeitzeug*innen, Wissenschaftler*innen sowie Angehörigen der zweiten und dritten Generation folgen wir den Spuren dieser Geschichten. Dabei stehen Themen im Fokus, die in offiziellen Erzählungen häufig marginalisiert bleiben und dabei die italienische Migration prägten: Arbeitsverhältnisse und Wohnbedingungen, institutionelle Regulierungen und kulturelle Verführungen, Generationenkonflikte, (versperrte) Bildungswege, Kämpfe der Frauen sowie Praktiken des Erinnerns und Vergessens. Die Auswahl dieser Perspektiven sollen bewusst den Blick auf verdrängte historiografische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit italienischer Migration lenken. 

Die Geschichte der italienischen Migration von Fremdarbeit und Zwangsarbeit über Gastarbeit bis zu den heutigen sogenannten Euromovern, von Einwanderung, Rückkehr und postmigrantischer Realität ist eine Geschichte der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, von Nähe und Abwehr, von Zugehörigkeit, struktureller Zurückweisung und Widerstand. Sie wirft Fragen auf, die auch heute von Bedeutung sind: Welche Narrative über Migration setzen sich durch und welche werden überhört? Wer wird erinnert und wer übersehen?

Gerade in Zeiten der Konjunktur migrationsfeindlicher Diskurse lohnt sich ein Blick zurück, um Spuren möglicher Kontinuitäten und Brüche sichtbar und um Raum für widerständige, erinnerte Geschichte zu machen.

Autor*innen:

  • Cristina Raffaele ist Doktorandin an der Universität Bielefeld und promoviert zu Erfahrungen mit Sprache(n) und Sprechen in Integrationskursen unter Bedingungen der Teilnahmeverpflichtung. Sie arbeitet rassismuskritisch und migrationspädagogisch zu migrationsgesellschaftlicher Mehrsprachigkeit, (Erwachsenen-)Bildung und (staatlich-)institutionellen Machtverhältnissen. Seit 2021 ist sie Teil der Redaktion des Postmigrantischen Radios und publiziert u. a. in Texte nach Hanau und im narratif magazin.
    Kontakt: cristina.raffaele@uni-bielefeld.de
  • Massimo Perinelli ist Historiker und engagiert sich seit 25 Jahren zu (post-)migrantischer Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur. Seit 2016 arbeitet er als Referent für Migration in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo er u. a. den Gesprächspodcast ManyPod betreibt.
    Kontakt: massimo.perinelli@rosalux.org

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