Kasino-Kapitalismus

Der Ausdruck K geht auf John Maynard Keynes zurück, der beobachtete, dass Investitionsentscheidungen in kapitalistischen Ökonomien mit hoch entwickelten Finanzmärkten nach einem Muster getroffen werden, das dem Kasinospiel gleicht: „Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblase auf einem steten Strom der Unternehmungslust. Aber die Lage wird ernsthaft, wenn die Unternehmungslust die Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird“ (1936, 134), die „Liquiditätspräferenz“ der Kapitaleigentümer sich verstärkt (132). Dies gilt, so Marx, für Perioden, in denen sich die „Plethora des Kapitals“ als direkter Ausdruck der Überakkumulation von Kapital, insbesondere von Geldkapital, aufbläht (25/493), dass angesichts mangelnder Verwertungsmöglichkeit „auf die Bahn der Abenteurer gedrängt“ wird, zu „Spekulation, Kreditschwindel, Aktienschwindel, Krisen“ (261). Dann wird „Gewinnen und Verlieren durch Preisschwankungen von Eigentumstiteln sowie deren Zentralisation [...] mehr und mehr Resultat des Spiels, das an der Stelle der Arbeit als die ursprüngliche Erwerbsart von Kapitaleigentum erscheint“ (25/495). Derartige Aktivitäten erzeugen keinen Reichtum, „stattdessen beruht ihre Renumeration auf ihrer Fähigkeit sich einen Teil des anderenorts erzeugten Reichtums zu sichern“ (Dunford 1995, 133). Susan Strange (1986) verwendet das Bild des K, um die Funktionsweise internationaler Währungsmärkte und die neue Qualität der Spekulation im Kontext liberalisierter Wechselkurse und unbeständiger Zinssätze nach dem Ende des Bretton Woods Systems zu charakterisieren. Der K ist dabei jedoch nur eine Quelle enormer Instabilität – aus marxscher Sicht ist er zugleich Medium der krisenhaften Erneuerung und Ausdehnung immanenter Beschränkungen: „Die dem Kreditsystem immanenten doppelseitigen Charaktere: einerseits die Triebfeder der kapitalistischen Produktion, Bereicherung durch Ausbeutung fremder Arbeit, zum reinsten und kolossalsten Spiel- und Schwindelsystem zu entwickeln und die Zahl der den gesellschaftlichen Reichtum ausbeutenden Wenigen immer mehr zu beschränken; andrerseits aber die Übergangsform zu einer neuen Produktionsweise zu bilden“ (25/457). Gegenüber verkürzten Vorstellungen von Reform auf Ebene der Zirkulation des Geldes warnt Marx, es sei „unmöglich“, die „Verwicklungen und Widersprüche, die aus der Existenz des Geldes“ hervorgehen, aufzuheben, „solange der Tauschwert die gesellschaftliche  Form der Produkte bleibt. Es ist nötig, dies klar einzusehen, um sich keine unmöglichen Aufgaben zu stellen und die Grenzen zu kennen, innerhalb deren Geldreformen und Zirkulationsumwandlungen die Produktionsverhältnisse und die auf ihnen ruhenden gesellschaftlichen Verhältnisse neugestalten zu können“ (42/80). 1. Direkte Folge des Übergangs zu einem flexiblen Regime der Wechselkurse zu Beginn der 1970er Jahre waren beträchtliche alltägliche Schwankungen der Wechselkurse.  In Casino Capitalism (1986) verfolgt Strange, wie dies neue Möglichkeiten für Spekulationsgeschäfte eröffnete, aber auch die Wechselkursrisiken für Unternehmen im internationalen Handel erhöhte. Dies war die Geburtsstunde der Derivate in Form der Wechselkurssicherungsgeschäfte, die freilich schnell über diesen Rahmen hinaus wuchsen und zu einer enormen Steigerung des Transaktionsvolumens an den internationalen Devisenbörsen führten (Strange 1986, 11). Immer neue Finanzinnovation eröffneten Möglichkeiten zur Spekulation. Strange zufolge werden Menschen unter Bedingungen des K entweder zu „weitgehend unfreiwilligen Spielern“ oder zu Opfern des Spiels anderer (ebd.). Aufgrund zunehmender Verwertungsschwierigkeiten drängen Großunternehmen und Banken zur weiteren Liberalisierung und Deregulierung der Geld- und Kapitalmärkte – Kapitalverkehrskontrollen werden (auch als vorübergehende Maßnahmen) nicht länger akzeptiert. Strange verfolgt die Entscheidungen und „Nicht-Entscheidungen“ der us-amerikanischen und britischen Regierungen, die zur Demontage des Bretton-Wood-System führten und die Macht der Finanzmärkte stärkten (1986, 31-58). Frühzeitig wurden Weichen in diese Richtung gestellt, bspw. durch die Abschaffung des angesichts der großen Depression 1933 erlassenen sog. Glass-Steagall Banking Act zum Schutze der Kleinanleger durch staatliche Kontrolle und Trennung von Privatkunden- und Investmentgeschäft oder die Entscheidung des damaligen Vorsitzenden der britischen Labour Party, Harold Wilson, der 1951 die Wiedereröffnung des Londoner Markts für internationalen Handel von Devisen genehmigte. Diese und andere Entscheidungen legten das Fundament für den Eurodollar-Markt, dem ersten internationalen Finanzmarkt, der eine autonome Finanzakkumulation durch Banken und andere spezialisierte Institutionen ermöglichte: Mit den Eurodollar-Märkten wurde „eine wahrhaft staatenlose und private Form des Giralgeldes eingeführt, dessen Emission und Zirkulation innerhalb eines global integrierten Netzwerkes von Banken den nationalen Bereich umging, der von den Zentralbanken kontrolliert wurde“ (Guttmann 1996, 172). In der Folge wurden die Möglichkeiten der nationalen Zentralbanken, zunächst der USA, dann auch anderer Länder, zur Geldmengensteuerung eingeschränkt, nach und nach Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben, was zu einer Vervielfachung der Finanztransaktionen führte. Weitere Entscheidungen wie das 1974 erlassene „Gesetz zur Einkommenssicherheit für Arbeit und Ruhestand“, ermöglichte US-Pensionsfonds, Bonds, Anleihen und Aktien in ihr Portfolio aufzunehmen, womit sie als institutionelle Anleger zu Schlüsselakteuren der Finanzmärkte aufstiegen. Wesentlich waren auch die Entscheidungen der US-Zentralbank (Fed) 1979, den Zugang zum US-Schatzbriefmarkt zu deregulieren, die langfristigen Zinsen stark anzuheben und den Dollarkurs auf das höchste Niveau seit 1945 steigen zu lassen. Dieser ›Zinsschock‹ trug wesentlich zur Schuldenkrise der 1980er Jahre bei. Die durch den Schuldendienst „umgekehrten Kapitalflüsse“ von der kapitalistischen Peripherie in die Zentren sind Folge dieser Entscheidungen zurück, und werden auch als „Coup“ zur Etablierung einer „Diktatur der Gläubiger“  bezeichnet (Orléans 1999, 194). Initiativen zur Re-Regulierung der Finanzströme im Rahmen von UN, IWF oder OECD wurden durch zahlreiche Nicht-Entscheidungen verhindert. In Mad Money (1998a) zeigt Strange, wie im Ergebnis nur noch ein kleiner Teil davon zur Finanzierung des Welthandels bzw. zur Bedienung von Auslandsverbindlichkeiten dient, also für die Abwicklung ›realer‹ Transaktionen; der Rest entfällt auf internationale Spekulationsgeschäfte. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, resümiert: „Der internationale Kapitalverkehr hat sich längst aus dem engen Zusammenhang zwischen Handels- und Finanzströmen gelöst.“ (1998, 21) Einem Glücksspiel gleicht die Bewegung der Finanzmärkte, Strange zufolge, weil die Akteure nicht in erster Linie auf Veränderungen der sog. Volkswirtschaftlichen Indikatoren reagierten, als vielmehr auf „der Wahrnehmung der Wahrnehmung anderer“, also den Erwartungen über Erwartungen von Marktbewegungen (1998b, 10f). Die Folge: „Die Theorie des Marktes pries die Entdeckung von Derivaten und anderen Finanzinstrumenten zur Behandlung von Risiken“, tatsächlich aber hat das spekulative Spiel mit Derivaten „unvorhergesehene systemische Risiken hervorgerufen“ (24). Die Unsicherheit wiederum erhöht die Volatilität, hemmt produktive Investitionen und befördert kurzfristige Anlagen, was systemische Risiken weiter verschärft. Wann es zum Crash kommt und wen er treffen wird, ist auf diese Weise tatsächlich eine Frage des Glücks – nur eines ist sicher: „die Bank gewinnt immer“ (ebd.). Und nach jeder Finanzkrise heißt es: ›neues Spiel, neues Glück‹ – bis zum Platzen der nächsten Finanzblase, die nicht nur Vernichtung fiktiven Kapitals, sondern auch von produktivem Kapital, von Arbeitsplätzen und Pensionsansprüchen bedeutet sowie weitere Zentralisierung des Kapitals durch das Aufkaufen billiger, in ihrem Wert reduzierter Unternehmensanteile von Seiten der verbliebenen Anleger und massive Umverteilung zu Lasten von Staat und Lohnabhängigen. Strange zielt ab auf einen Perspektivenwechsel in der Internationalen Politischen Ökonomie und kritisiert die Machtblindheit in Bezug auf die besondere Stellung privater Konzerne und Banken im Verhältnis zu den Nationalstaaten. Erstere verfügen über eine „strukturelle Macht“, die „zur Beeinflussung und Bestimmung jener Strukturen der globalen politischen Ökonomie“ dienen, in denen „Staaten, ihre politischen Institutionen“ agieren müssen (1986, 24f). Seit der Liberalisierung der Finanzmärkte kommt es zur Transnationalisierung dieser strukturellen Macht (26ff) und damit zur Verschiebung innerhalb des Macht-Autorität-Nexus, da sich private (Markt-)Akteure wachsende Handlungs- und Kontrollpotenziale zu Lasten (zentral-)staatlicher Akteure erschließen (1996, 110ff). Strange betont dabei, dass „es Regierungen waren – speziell der USA – die Entscheidungen zugunsten von Deregulierung und Globalisierung trafen; manchmal getrieben von den Kräften des Marktes, hatten sie doch gewisse Entscheidungsmöglichkeiten“, die sie nicht wahrnahmen und mittelfristig die Spielräume verengten, so dass nun z.B. die Bankenregulierung in erster Linie privaten Institutionen obliegt (1998b, 18). Dagegen plädiert Strange für eine Re-Regulierung des internationalen Finanzsystems und schlägt die Schaffung eines internationalen lender of last resort – einer Art internationaler Zentralbank als ›Kreditgeber in letzter Instanz‹ – vor, sowie nationale Gesetzgebungen und internationale Abkommen zur Kontrolle von Kapitalbewegungen, um „die Vorherrschaft der Spekulation über die Unternehmungslust“ abzuschwächen (Keynes 1936, 135). In vielen linken Kreisen dient der Ausdruck K zur Kritik von Finanzspekulation und unkontrollierter neoliberaler Globalisierung. Seine Popularität hat zwei Gründe: erstens, seine reformerische Anziehungskraft, die auf der Behauptung beruht, der neue Kapitalismus gleiche einer Herrschaft der Finanzmärkte. Im Zentrum steht dabei die Spekulation und ihre destabilisierenden Auswirkungen auf die sog. least developed countries sowie auf die kleinen Anleger privater Pensionsfonds in den Metropolen, die um ihre Rentenzahlungen gebracht werden. Der Begriff des K impliziert, dass die Auswüchse der Finanzmärkte durch Re-Regulierung gezügelt, wenn nicht überwunden werden könnten. Aus marxistischer Sicht entspricht dies einer verkürzten Kritik, die nur die Abweichungen von einem regulierten (fordistischen) Kapitalismus kritisiert, nicht die kapitalistische Produktionsweise als solche. Die „Verrücktheit“ des Geldes wird erst verständlich, wenn zur Analyse des „Schwindels“ auch die grundlegende Analyse des zinstragenden Kapitals hinzu tritt. Der zweite Grund für den außergewöhnlichen Erfolg des Ausdrucks liegt in der Abwesenheit eines differenzierteren Begriffs. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, z.B. Ernest Mandels Analyse der Krise von 1974/75 (1987), haben marxistische Theoretiker lange gebraucht, das Wiedererscheinen des „Finanziellen“ bzw. den „Triumph des Finanzkapital“ (Sweezy 1994) in der Form hochkonzentrierter, zinstragendes Kapital transformierender „institutioneller Investoren“ zu identifizieren, als ökonomisches und politisches Problem zu erkennen und schließlich deren Einfluss auf die Kapitalakkumulation und die Klassenverhältnisse zu einem wichtigen Forschungsfeld zu machen. 2. Die Metapher des Spiels in einem Kasino, in dem der eine gewinnt, was der andere verliert, ist schief, da es die Rolle des Geldes als Kapital und seine Renumeration unbegriffen lässt. „Geld als Kapital“ (25/353) in konzentriertester Form ist die treibende Kraft der Globalisierung mittels Liberalisierung von internationalen Kapitalflüssen und der Deregulierung von Finanzmärkten. Entwickelte Finanzmärkte dienen der Aufhebung der Grenzen, die dem Kapital durch die langsame Akkumulation einzelner produktiver Kapitale gezogen werden; sie stellen, so Marx, „den industriellen und kommerziellen Kapitalisten alles disponible und selbst potentielle, nicht bereits aktiv engagierte Kapital“ (620), „alle Geldersparnisse aller Klassen der Gesellschaft“ zur Verfügung (374). Vermittelt durch Banken und Börsen, kommt es damit zur „fortschreitenden Konzentration dieser Ersparnisse zu den Massen, worin sie als Geldkapital wirken können“ (ebd.). Erst moderne Finanzmärkte bringen in kürzester Zeit die enormen Kapitalsummen zusammen, die eine Produktion auf Weltmarktniveau benötigt, sind sind daher „ebenso revolutionär wie die Dampfmaschine“ (35/428). Dies führt dazu, „dass mit Entwicklung der großen Industrie das Geldkapital mehr und mehr, soweit es auf dem Markt erscheint, nicht vom einzelnen Kapitalisten vertreten wird [...], sondern als konzentrierte, organisierte Masse auftritt, die ganz anders als die reelle Produktion unter die Kontrolle der das gesellschaftliche Kapital vertretenden Bankiers gestellt ist“ (25/381).  Der Preis des Geldes ist der Zins. Der Zins jedoch „ist ursprünglich und bleibt in Wirklichkeit nichts als ein Teil des Profits, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist, Industrieller oder Kaufmann, soweit er nicht eignes, sondern geliehenes Kapital anwendet, wegzahlen muss an den Eigentümer oder Verleiher dieses Kapitals“ (383). Marx geht daher davon aus, „dass Geldkapitalist und produktiver Kapitalist sich wirklich gegenüberstehn, nicht nur als juristische verschiedne Personen, sondern als Personen, die ganz verschiedne Rollen im Reproduktionsprozess spielen“ bzw. „in deren Hand dasselbe Kapital wirklich eine doppelte und gänzliche verschiedne Bewegung durchmacht“ (385). In der Tat, „diese qualitative Scheidung ist keinesfalls bloß subjektive Auffassung des Geldkapitalisten hier und des industriellen Kapitalisten dort. Sie beruht auf objektiver Tatsache, denn der Zins fließt dem Geldkapitalisten, dem Leiher zu, der bloßer Eigentümer des Kapitals ist, also das bloße Kapitaleigentum vertritt vor dem Produktionsprozess und außerhalb des Produktionsprozesses; und der Unternehmergewinn fließt dem bloß fungierenden Kapitalisten zu, der Nichteigentümer des Kapitals ist“ (387f). Unter der Bedingung hoch konzentrierten Geldkapitals, wie es seit den 1980er Jahren der Fall ist, hat diese Unterscheidung weitreichende Konsequenzen für die Entwicklung der Profitrate und den Grad der Ausbeutung sowie die Einkommensteilung zwischen Kapital und Arbeit – daher, so David Harvey, die widersprüchliche „Einheit und der Antagonismus zwischen finanziellen und mehrwertproduzierenden Operationen“ (1982, 319). François Chesnais  (1997, 2004, 2006, 69ff) zeigt, dass diese  „qualitative“ Unterscheidung zwischen Geldkapitalisten und industriellem Kapitalisten den Ansatzpunkt liefert, um die seit den 1990er Jahren prioritäre Maximierung von shareholder value – des notierten Börsenwerts der Anteilsscheine eines Unternehmens – und der Verankerung dieses Ziels in der Unternehmenskontrolle und -führung zu analysieren. Ein zentrales Merkmal des zins- und ebenso des dividendetragenden Kapitals (vgl. K III, Kap. 29 u. 30) besteht in dessen „Äußerlichkeit“ zum Produktionprozess: Die Interessen der Anteilseigner an höchsten Renditen stehen im Gegensatz zu den Bedürfnissen von Unternehmen, die ihre jeweils eigene Form der erweiterten Reproduktion durch Re-Investition sichern müssen. Liegen Renditeerwartungen bzw. Zinsraten über der Profitrate muss der Zinsendienst zwangsläufig aus der produktiven Substanz erfolgen, die Investitionsrate sinkt, das Wachstum stagniert (Altvater/Mahnkopf 1996, 169). Die Festlegung von Zins- und Profitrate ist somit immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse zwischen unterschiedlichen Kapitalfraktionen. In Zeiten von Fordismus und Monopolkapitalismus jedoch lag die Macht in den Händen der Unternehmensmanager. Paul Sweezy sah: „Das Bankkapital, das seinen Tag der Glorie gehabt hat, fällt wieder in eine Position zurück, die der des Industriekapitals untergeordnet ist, und stellt so die Beziehung wieder her, die vor der Zusammenschlussbewegung bestand.“ (1942, 315) Die Ideologie des shareholder value dient der Entmachtung der Manager zugunsten der Eigentümer und greift in die Entscheidungen über Investitionen, über Forschung und Entwicklung und den Erhalt qualifizierter Arbeit ein. Zur Bearbeitung des Gegensatzes von Eigentümern und Managern wurden seit den 1990er Jahren spezielle Formen von Kontroll- und Anreizsystemen entwickelt, bspw. die Bezahlung von Managern mit Aktienoptionen, um sicherzustellen, dass das höhere Management den Standpunkt der Anteilseigner einnimmt und vertritt. Im Ergebnis „dürfte sich der Shareholder-Value-Druck auf die produktiven Investitionen negativ Auswirken, da sie höheren Rentabilitätsmaßstäben genügen müssen. Andererseits ermöglichen steigende Aktienkurse auch einen leichteren Zugang zu Krediten und eine leichtere Kapitalbeschaffung am Kapitalmarkt“ (Sablowski/Alnasseri 2001, 135f). Die höheren Renditen werden durch Produktivitätssteigerung, Flexibilisierung und insbesondere höhere Ausbeutungsraten sowie Kürzung der an den Wohlfahrtsstaat gekoppelten sog. Soziallöhne erwirtschaftet, was, so Susanne de Brunhoff, „die kapitalistische Brüderschaft bei der Erzielung von Profit, die trotz Spannungen zwischen Unternehmen und Finanziers zustande kommt“, verdeutlicht (2001, 28). Daher sei die Auffassung, „dem Finanzwesen eine determinierende Rolle in der Wertschöpfung beizumessen“, wie sie mit dem Begriff des K oder des finanzmarktgetriebenen Akkumulationsmodells verbunden ist, verfehlt (ebd.). Wie unterschiedlich das Verhältnis der einzelnen Kapitalformen zur Mehrwertproduktion sein mag – wie Marx verdeutlichte handelt es sich um „gemeinsames Kapital der Klasse“ (25/381), getrennt als erbitterte Gegner um die Verteilung des Mehrwerts, vereint in der maximalen Auspressung des Mehrwerts. Dieser Prozess beruht auch auf der aktiven staatlichen Beteiligung als Organisator riesiger Transfers von Mehrprodukt und Mehrwert zu Finanzinvestoren: Seit den 1970er Jahren waren Staatsschulden und staatliche Zinszahlungen ein zentraler Kanal für Kapitalflüsse, die auf der Aneignung unbezahlter Arbeit beruhen –– zunächst in den kapitalistischen Peripherien und dann den Metropolen. „Die Verschuldung des Staates“ war, so Marx, von jeher für Vermögensbesitzer „Gegenstand ihrer Spekulation und Hauptquelle ihrer Bereicherung“ – das Staatsdefizit entspricht dem „direkten Interesse der herrschenden Bourgeoisiefraktion“ (7/13f). Dennoch dürfen die staatlichen Schulden nicht zu groß werden, da andernfalls die Geldwertstabilität der jeweiligen Währung gefährdet wäre. Daher sichern – „der Nation aufgedrängt“ (25/532) – eine restriktive, monetaristische Geldpolitik und hohe Zinsen zugleich den Sparzwang für öffentliche Haushalte und enorme Einnahmezuwächse für Geldvermögensbesitzer. Letztere werden durch Steuersysteme aufgebracht, die zu einem großen Teil auf der direkten Besteuerung von Lohnarbeit beruhen sowie auf indirekten Steuern, welche die arbeitende Bevölkerung proportional höher belasten; zugleich wurden die Mittel für soziale Sicherungssysteme und öffentliche Dienstleistungen proportional gesenkt. 3. Entwickelte Finanzmärkte haben also drei Eigenschaften, die  auch und besonders im Zuge neoliberaler Globalisierung deutlich werden: Erstens, sie repräsentieren das „kräftigste Mittel, die kapitalistische Produktion über ihre Schranken hinauszutreiben“ (25/620f), doch nur, „indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (23/530; vgl. Chesnais/Serfati 2004, 275ff). Zweitens sie sammeln die vereinzelten, brachliegenden Kapitale ein, stellen sie den Produzenten bereit und treiben die Akkumulation, Konzentration und Zentralisation des Kapitals sowie die Herstellung des Weltmarktes voran. Die „Verselbständigung“ des letzteren „wächst mit der Entwicklung des Geldverhältnisse und vice versa“, und damit „die allseitige Abhängigkeit in Produktion und Konsumtion“, als auch die „Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit der Konsumierenden und Produzierenden zueinander“ – ein Widerspruch, der „zu Krisen führt“ (42/94). Es kommt zur Intensivierung der Konkurrenz, insbesondere durch den Aufstieg Chinas zur Exportnation, zur Überproduktion von Waren, v.a. aber von Geld und Kapital und damit zur Verselbständigung der Weltfinanzmärkte: Da bei der Bildung des Zinsniveaus von den realen, arbeitsgesellschaftlichen Bedingungen der Produktivitäts- und Profitratenentwicklung aber in der Regel abgesehen wird, kommt es, wie Marx frühzeitig darlegte, zur „Verselbständigung des Zinses gegenüber dem Profit“ (25/370), entkoppelt sich die monetäre relativ von der realen Akkumulation Damit sind nicht rein quantitative Verhältnisse gemeint, sondern in bestimmten Perioden auch die „qualitative Wirkung einer Unterwerfung der realen ökonomischen und sozialen Verhältnisse unter das Finanzsystem“ (Altvater 1996, 250). Mit der „Veräußerlichung“ des Kapitalverhältnisses im zinstragenden Kapital vollzieht sich für Marx die „Kapitalmystifikation in der grellsten Form“ (25/405). Im verkürzten Akkumulationskreislauf G–G' entsteht die Illusion, dass wachsende Geldvermögen und Einkommen aus der Spekulation mit Aktien und Anleihen, Devisen oder Derivaten ›erwirtschaftet‹ oder eben ›gewonnen‹ werden könnten – sie selbst als Quelle von Mehrwert fungierten. „Im zinstragenden ist dieser automatische Fetisch vollendet, der sich selbst verwertende Wert, das geldmachende Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollendet als Verhältnis des Dings (Geld, Ware) zu sich selber“ (TM, 26.3/447). Darin liegt die dritte Eigenschaft entwickelter Finanzmärkte, in der ideologischen und gesellschaftlichen Absicherung der Herrschaft des Kapitals und ihrer Macht zur Aneignung und Umverteilung andernorts produzierten Mehrwerts. Die Macht der Finanzmärkte bzw. einzelner ›institutioneller Anleger‹ zeigt sich nicht zuletzt bei gezielten Attacken auf einzelne Währungen, bspw. auf europäische Währungen in der letzten Phase der Maastricht-Verhandlungen oder vor dem französischen Referendum von 1992 sowie auf Währungen peripherer Staaten. Die Wirkung solcher Strategien wird verstärkt durch ›sich selbst erfüllende Prophezeiungen‹: Wird vor der möglichen Gefahr eines Währungskollaps gewarnt, verkaufen Anleger vorbeugend ihre Bestände der entsprechenden Währung und leiten auf diese Weise gerade den Kursverfall ein. Die relative Selbständigkeit der Finanzmärkte treibt „bis zu einem Punkt, wo der innere Zusammenhang gewaltsam, durch eine Krise, wiederhergestellt wird“ (25/316). Sie ergibt sich, wie zuletzt 2001 und 2007, weniger aus der „Verrücktheit des Geldes“, als aus dem Widerspruch „zwischen dem industriellen und loanable Kapital – zwischen dem Kapital, wie es in den Produktionsprozess direkt involviert ist und wie es als Geld selbständig (relativement) außer demselben erscheint“ (42/316). Die (Über)Akkumuluation zinstragenden und fiktiven Kapitals erhöht die Ansprüche und Forderungen auf Zinszahlungen und Dividenden, die aus produktiven Investitionen erwirtschaftet werden müssen. Selbst angesichts der Anhebung des Ausbeutungsgrades seit Ende der 1970er Jahre und der vollen Eingliederung Chinas in den Weltkapitalismus, übersteigen diese Forderungen massiv das Maß, das von der ›realen Ökonomie‹ abgedeckt werden kann. Die Beschleunigung der Umschlagszeiten zinstragenden Kapitals führt zwar über verbesserte Möglichkeiten der Kapitalmarktfinanzierung von Unternehmen und Druck zur Steigerung von Produktivität und damit Profitabilität auch zu erhöhter Mehrwertproduktion, geht letztlich aber über sie hinaus. Die Steigerungsraten des Surplus sind „energetisch und material und daher auch ökonomisch (die Grenzkosten des Produktivitätsfortschritts steigen überproportional an) und sozial (der Widerstand gegen die ›Gewalt des Geldes‹ wächst) doch begrenzt; daran ändern keine Finanzinnovationen etwas“ (Altvater/Mahnkopf 1996, 168). Auch der sich immer wieder durchsetzende tendenzielle Fall der Profitrate, Überakkumulation und Überproduktion (Brenner) setzten der Steigerung der Mehrwertmasse grenzen. Der Widerspruch von Produktiv- und Geldkapital tritt periodisch immer dann auf, wenn die Kurse fiktiven Kapitals und die Bedienung von Zinsen nicht mehr der Leistungsfähigkeit der realen Produktion und der Profitabilität der Unternehmen entspricht: ein wesentlicher Indikator dafür ist das sog. Kurs/Gewinn-Verhältnis. Wann der Zeitpunkt genau auftritt bleibt unkalkulierbar, so dass die Unsicherheit selbst durch bewusste Kalkulation des Risikos zum Gegenstand des Spekulationsspiels wird. Dann kommt es zu kumulativen Effekten, wenn Verpflichtungen nicht eingelöst werden können, weil unerwartete Zins- und daher Kursbewegungen von den Wertpapieren eintreten, Verträge platzen und das Kartenhaus einzustürzen beginnt, weil, wie Marx verdeutlicht, „an hundert Stellen die Kette der Zahlungsobligationen an bestimmten Terminen“ zu brechen droht“ und das ganze Kreditsystem in Gefahr gerät , was „zu heftigen akuten Krisen, [...] wirklicher Stockung und Störung des Reproduktionsprozesses“ (25/264f) führt. Daher brechen Krisen regelmäßig „zuerst aus auf dem Gebiet der Spekulation“ und greifen dann erst über auf die Produktion – daher erscheint nicht „die Überproduktion, sondern die Überspekulation, die selbst nur ein Symptom der Überproduktion ist, [...] der oberflächlichen Betrachtung als Ursache der Krise“ (7/421). Marx erkennt eine Tendenz zur „Verallgemeinerung der Börsenspekualtion“, die dazu führt, dass massenhaft Nicht-Kapitalisten in die Spekulation hineingerissen werden, in sie ihre Ersparnisse aufs Spiel setzen (12/78), nicht zuletzt durch die schrittweise Privatisierung der Rentenversicherung seit den 1980er Jahren. Auch börsennotierte Unternehmen bleibt nichts anderes übrig als mitzuspekulieren, um sich gegen die Spekulation abzusichern bzw. um sich gegen die Enteignung durch Spekulanten zu schützen. Durch das Kreditwesen erweitert sich der Kreis der ›Mitspieler‹ – immer häufiger treten sog. Hedge oder Private-Equity-Fonds auf, die mit geringen Eigenmitteln und einem Vielfachen an Krediten über rein spekulative Aktivitäten enorme Renditen erwirtschaften (vgl. 25/531ff). Vor diesem Hintergrund mag das Treiben auf den Finanzmärkten oberflächlich einem Kasino gleichen, angesichts der oben genannten Eigenschaften und ihrer Wirkung, insbesondere auf die Aneignung von Mehrwert, verliert der Ausdruck K jedoch an Überzeugungskraft. Die arbeitenden Klassen, noch immer die Mehrheit der Bevölkerung, sind sowohl den machtvollen Mechanismen der Konzentration von Wohlstand, auf internationaler und nationaler Ebene, als auch deren starken politischen Effekten ausgeliefert. Diese Mechanismen wurzeln im kapitalistischen Privateigentum und sind einer Re-Regulierung nicht zugänglich. Der Begriff „unfreiwillige Spieler“ kann in einem gewissen Ausmaß auf Pensionäre in den angelsächsischen Ländern angewendet werden, denen diese Form der Absicherung aufgezwungen wird, deren Rentenbezüge vollständig von der Entwicklung der Aktienmärkte abhängen. In der überwältigenden Mehrheit nimmt die Bevölkerung jedoch nicht direkt Teil am Spiel – vielmehr sind die auf Finanzmärkten gehandelten ›Werte‹ stärker in der Hand Weniger konzentriert als jemals zuvor (de Brunhoff 2001, 30). Lohnabhängige stehen mehr denn je unter dem Druck von Finanzinvestoren und werden einer zunehmenden Ausbeutung unterworfen, noch verstärkt durch die Erhebung von Steuern, die für den Schuldendienst der Regierungen bestimmt sind. Doch „durch Veränderungen in den Verteilungsrelationen“ werden „neue Wege der Kapitalakkumulation möglich“ (Röttger 1997, 140). Die Profitablität der Unternehmen wird gesteigert, das Zur-Ware-Werden weiterer gesellschaftlicher Bereiche befördert. Durch die Spekulation werden enorme Finanzmittel zur Finanzierung neuer Branchen und Produkte bereitgestellt, die Umwälzung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen beschleunigt. Platzt die Spekulationsblase wird fiktives Kapital entwertet und unprofitable Unternehmungen vom Markt verdrängt. Die Kapitalvernichtung schafft zugleich neue Bedingungen für einen weiteren Zyklus der Kapitalakkumulation: jede Krise ist dabei „Ende eines Zyklus und Ausgangspunkt eines neuen“ (23/662, Fn. 1). Die Spekulation ist also entgegen der Nahelegung eines K keine unnötige Übertreibung, sondern fungiert, wie Henryk Grossmann betont, in einer Situation der Überakkumulation als Ausweg, eine Art „innerer Kapitalexport“ (1929, 536f). Genügt dies nicht um Überakkumulation abzubauen, sucht sich das Kapital ander Wege zur profitablen Anlage, durch Kapitalexport in andere Weltgegenden: Spekulation und imperialistische Strategien sind daher „Parallelerscheinungen“ (543). Zu Beginn des 21. Jh. entwickelt sich die erneute Intensivierung der „Akkumulation durch Enteignung“ zu einem „neuen Imperialismus“ (Harvey 2003 u. 2005; Chesnais/Serfati 2004, 280ff). interner Link folgtMario Candeias und François Chesnais, Entwurf eines Stichwortes für das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus, hgg. von W.F.Haug
Bibliographie
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