Publikation Arabischer Naher Osten / Türkei - Parteien- / Bewegungsgeschichte - Geschichte - International / Transnational - 1968 - Türkei Rein ins Offene

In den 1960er Jahren erlebte die Türkei eine Blüte politischer Bewegungen, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes trat auch die Arbeiterklasse in Erscheinung.

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Nelli Tügel,

Erschienen

April 2018

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«Devrim» übersetzt «Revolution», steht seit 1968 horizontal auf den Stufen des Stadions der Technischen Universität des Nahen Ostens. ODTÜ Devrim Stadyumu, CC BY-SA 4.0, Bilalokms via wikimedia

Im Mai 1968 auf dem Campus der Technischen Universität des Nahen Ostens (ODTÜ): Eine Gruppe Studierender ist im Sportstadion der Uni zugange. Auf die Tribüne pinseln sie in gigantischen Lettern das Wort Devrim (Revolution). Bis heute ist der Schriftzug erhalten geblieben.

Wenige Wochen darauf, im Juni 1968 auf dem Campus der Universität Istanbul: Unruhen. Die Uni wird bis Mitte Juli geschlossen. Studierende erklimmen das Eingangsportal und entrollen ein Transparent: «Weg mit der 6. Flotte – Vedat Demircioğlu ist nicht vergessen».

Beide Szenen stehen beispielhaft für das Jahr 1968 in der Türkei. Da ist der Antiimperialismus, auf den das zitierte Transparent verweist. Die Verhinderung der Positionierung von US-Kriegsschiffen – der 6. US-Flotte – vor Istanbul war bis in die 1970er Jahre hinein ein Kernanliegen des wachsenden linken Protestes. Enthalten in der beschriebenen Szene ist auch, was für die gesamte Generation der 68er in der Türkei ständiger Begleiter und kollektives Trauma werden sollte: der Tod politischer Aktivist*innen. Der 25-jährige Vedat Demircioğlu war im Sommer 1968 bei einer Aktion gegen die US-Flotte ums Leben gekommen. Beim kanlı Pazar, dem sogenannten Blutigen Sonntag im Februar 1969, waren zwei weitere Todesopfer zu beklagen. Später sollten noch viele weitere folgen, allein in den 1970er Jahren starben 5.000 Menschen im Rahmen politischer Konflikte. Die Szenerie im Sportstadion der ODTÜ wiederum steht für den Kampf um die Campusse der Universitäten und für das, was von 68 in der Türkei übriggeblieben ist: vor allem Symbole.

Zum 50. Jahrestag all dessen, was die Chiffre 68 zusammenfasst, wird in deutschen Feuilletons gefragt, ob die Ideale von damals heute die Politik der Bundesrepublik bestimmen. In der Türkei gibt es einen solchen Diskurs nicht. Ganz einfach, weil die Antwort so offensichtlich ist: Nichts von dem, wofür die 68er-Bewegung dort einst stand, ist heute Regierungspolitik.

Doch wer denkt, dies liege allein an der Radikalität des AKP-Regimes, der irrt. Die – auch physische – Vernichtung jener Bewegungen, die um 1968 herum die türkischen Metropolen erfasst hatten, haben andere übernommen, sehr lange bevor die AK-Partei überhaupt gegründet wurde. Ein erster Schlag wurde den 68ern mit dem Militärputsch vom März 1971 versetzt, in dessen Folge linke Gruppen, Parteien und Gewerkschaften verboten, ihre Anführer*innen verhaftet und zum Teil hingerichtet wurden. Nachdem sich im Laufe der 1970er Jahre die Linke dennoch neu aufstellen konnte, erledigte der Putsch vom September 1980 den Rest: Unter der Militärdiktatur in den 1980er Jahren wurden innerhalb von zwei Jahren 180.000 Menschen verhaftet und Dutzende von Todesurteilen vollstreckt.

«Deutschland hat es geschafft, die 68er-Bewegung zu integrieren. Unsere führenden Leute sind umgebracht worden», so fasste der Menschenrechtler Ragip Zarakolu vor zehn Jahren zum 40. Jahrestag von 68 den Umgang mit der Bewegung in der Türkei gegenüber dem Berliner Tagesspiegel zusammen.

Die türkische 68er-Bewegung war heterogen, chaotisch, dynamisch und zahlenmäßig stark. Sie hatte ihre Hochburgen in den urbanen Zentren des Landes – vor allem in Ankara und Istanbul –, an den Universitäten des Landes und in den seit den 1950er Jahren rasant gewachsenen industriellen Ballungsräumen.

Parteigründungen, der «türkische SDS» und Massenstreiks

Ein Blick auf «das Jahr, das die Welt veränderte» in der Türkei offenbart, was für 68 überhaupt gilt: Es war ein globales Phänomen, kein auf Europa und Nordamerika beschränktes. Und: 1968 war nur Kristallisationspunkt einer Rebellion, die bereits in den Jahren zuvor ins Rollen gekommen war und bis in die 1970er Jahre hinein anwuchs.

Einige der wichtigsten Wegmarken dieser Jahre waren die Gründung der Arbeiterpartei der Türkei (TIP) 1961 und die Wahl von 15 TIP-Abgeordneten ins Parlament vier Jahre später sowie die Herausgabe der Zeitschrift Yön zwischen 1961 und 1963 und die Bildung der mit dieser verbundenen «nationalrevolutionären» Bewegung (MDD) unter Führung des bekannten Kommunisten Mihri Belli.

Die Proteste gegen die Erhöhung der Studiengebühren und für eine Bildungsreform 1964 und 1965 waren erste Anzeichen einer Jugendbewegung, die sich in von Bellis Theorien inspirierten Debattierklubs organisierte, aus denen dann 1965 die landesweit vernetzte Föderation der Debattierclubs hervorging. 1969 wurde sie umbenannt in Dev-Genç (Revolutionäre Jugend).

Die Debattierclubs bzw. Dev-Genç waren so etwas wie der SDS der Türkei. Beeinflusst von den Guerillabewegungen in Lateinamerika und dem chinesischen Maoismus, war die Organisation für jugendliche 68er ein Dreh- und Angelpunkt. Wie auch aus dem SDS gingen aus ihrer Erbmasse quasi alle in den 1970er Jahren relevanten radikallinken Gruppen hervor – unter anderen Dev-Yol, TKP/ML, Dev-Sol, THKP-C. Versuche des «bewaffneten Kampfes» machten junge Aktivist*innen der 68er-Bewegung – wie Mahir Çayan, Deniz Gezmiş und İbrahim Kaypakkaya – in kurzen Abständen zu linken «Märtyrer*innen».

In den 1970er Jahren gab es in der Türkei mit Zehntausenden Unterstützer*innen wohl die zahlenmäßig stärksten maoistischen und hoxhaistischen Gruppen außerhalb Chinas und Albaniens. Warum? Die etwas abgedroschene Phrase von der Türkei als einem Scharnier zwischen Westen und Osten kann hier als Erklärung hilfreich sein: Auf der einen Seite stand die Urbanisierung und die auch kulturell nach Westen gerichtete Orientierung vieler junger Menschen, auf der anderen das seit dem Befreiungskrieg Anfang der 1920er Jahre (und bis heute) so wirkmächtige, von der 68er-Bewegung aufgegriffene Narrativ einer fremdbeherrschten Türkei. In diesem Spannungsfeld fielen Ideen, wie jene, dass die Türkei halbkolonial sei und zuvorderst vom Imperialismus befreit werden müsse, auf fruchtbaren Boden – während gleichzeitig die Verbundenheit mit den 68er-Bewegungen in Westeuropa und den USA stark war.

Weil die zweite einflussreiche Strömung der türkischen Linken – repräsentiert durch die moskautreuen Parteien TKP und TIP – vielen politisierten Jugendlichen zugleich als wenig radikal und «staatsnah» erschien, konnten maoistische Ideen eine derartig starke Anziehungskraft ausüben. Antiautoritäre oder hedonistische Konzepte hatten – auch wegen der staatlichen Repression und der raschen Illegalisierung, die sich in zum Teil extrem autoritären Strukturen innerhalb der Linken widerspiegelten – kaum eine Chance.

Ebenso wichtig wie die Entstehung der studentisch geprägten Jugendbewegung war die Gründung des radikallinken Gewerkschaftsdachverbandes DISK im Jahr 1967, der als Abspaltung aus dem gemäßigten Gewerkschaftsdachverband Türk-Iş hervorgegangen war. Die Gründung von DISK war Folge einer Reihe konfrontativer Streiks, wie der in der Kabelfabrik Kavel oder der Glasfabrik Paşabahçe in Istanbul.

Auch dies gehörte zu 68: die Herausbildung einer Arbeiterbewegung in der Türkei. Und ganz anders als in Frankreich oder der Bundesrepublik war es hier das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass Arbeiter*innen als eigenständige politische Akteure in Erscheinung traten. Zwar hatte schon in den 1920er Jahren die Russische Oktoberrevolution auf intellektuelle Zirkel des Osmanischen Reiches starke Anziehungskraft ausgeübt, die Kommunistische Partei der Türkei (TKP) war bereits 1920 gegründet worden. Doch zum einen gab es zu dieser Zeit noch kaum so etwas wie eine Arbeiterklasse und zum anderen verbündete sich während des Türkischen Befreiungskrieges 1919 bis 1923 die von Atatürk geführte Nationalbewegung mit Sowjetrussland.1 Gleichzeitig verfolgten die Kemalisten die aufkeimende Kommunistische Bewegung, die Führung der TKP wurde 1921 bei einem Anschlag bei Trabzon komplett ausgelöscht. Nach Gründung der Republik 1923 ging der Kemalismus zu offenem Antikommunismus als Teil seiner Staatsräson über, radikalisiert durch die Niederschlagung des kurdischen Aufstandes im Jahr 1925. So blieb es bis in die 1960er Jahre für Linke faktisch unmöglich, Fuß zu fassen.

Erst die Verfassung von 1961 sah dann demokratische Rechte und unter anderem ein großzügiges Streikrecht vor. Dies fiel mit einem Industrialisierungsschub zusammen, der Millionen verarmter Landbewohner*innen in die Städte trieb. 1970 waren bereits zwei Millionen Arbeiter*innen gewerkschaftlich organisiert – und sie waren äußerst kampfeslustig. Um diesen Trend zu stoppen, versuchte die Regierung, ein neues Gewerkschaftsgesetz einzuführen. Daraufhin kam es am 15. und 16. Juni 1970 zu Massenstreiks von Arbeiter*innen in Istanbul, Hunderttausende besetzten Fabriken und Plätze – in der Stadt wurde der Ausnahmezustand ausgerufen.

Die 1960er Jahre: Putsch und Aufbruch

Eingerahmt wurde die türkische 68er-Bewegung von drei Militärputschen in den Jahren 1960, 1971 sowie 1980. Die Folgen dieser Putsche hätten unterschiedlicher kaum sein können. Während der zweite und dritte ein Schlag gegen die Linke und eine fordernd auftretende Arbeiterbewegung war, war es der «progressive» Putsch von 1960, der den Aufbruch der folgenden Jahre überhaupt erst ermöglichte.

Der Putsch von 1960 beendete die Regierungszeit Adnan Menderes von der konservativ-liberalen Demokratischen Partei (DP), der wiederum als Sieger aus den ersten freien Wahlen im Jahr 1950 hervorgegangen war und die CHP, also die Partei von Staatsgründer Atatürk, ablöste, die bis dahin das Land allein beherrscht hatte.

Menderes Amtszeit – die gesamten 1950er Jahre – stand zwar nicht für eine grundsätzliche Abkehr von der kemalistischen Staatsdoktrin. Vor allem die Westbindung des Landes, das 1952 der NATO beitrat, wurde unter der DP-Regierung vorangetrieben sowie eine industriell-kapitalistische, eher wirtschaftsliberal eingefärbte Entwicklung. Dennoch beschnitt die DP-Regierung den Einfluss der alten kemalistischen Eliten. Diese fürchteten zunehmend, dauerhaft von der Macht abgeschnitten zu sein und setzten auf das Militär, das im Mai 1960 putschte. Zudem verdeutlichte der Putsch, dass sich das Industriekapital neu organisiert hatte und eher nach einer an den westlichen Wohlfahrtsstaaten orientierten korporatistischen Wirtschaftsorganisation strebte, um gegenüber Krisen besser gewappnet zu sein. Das Menderes-Regime zeigte daran aber kein Interesse.

Ergebnis dieses Putsches – der zunächst auch mit Unterstützung der faschistischen Grauen Wölfe durchgeführt wurde, die bald darauf aber von eher «linken» kemalistischen Militärs verdrängt wurden – war die Verfassung von 1961, die demokratischste Verfassung, die das Land je gesehen hatte. Sie sah neben dem Streikrecht für Arbeiter*innen eine Reihe von erweiterten bürgerlichen Rechten, Pressefreiheit und ein neues Wahlrecht vor. Mit diesen Zugeständnissen sicherten sich die Kemalisten kurzzeitig die Unterstützung der wachsenden Arbeiterbewegung, der Studierenden, die 1960 gegen Menderes protestiert hatten, und der Stadtbevölkerung. Die Verfassung von 1961 war zudem aus Sicht der Vertreter*innen des noch jungen Industriekapitals ein wichtiger Baustein für das angestrebte korporatistische Arrangement. Bis 1965 war die CHP unter Ministerpräsident İsmet İnönü erneut an der Macht, in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurde sie allerdings wiederum von der Nachfolgepartei der DP – der Gerechtigkeitspartei (AP) – abgelöst und der Streit innerhalb der Bourgeoisie um den richtigen Weg in die Zukunft einer kapitalistischen und westlich orientierten Türkei setzte sich fort.

Mit dem Putsch von 1960 ließen sich die kemalistischen Eliten also von links unterstützen, um Menderes und die Demokratische Partei wenigstens vorübergehend loszuwerden. Für die Linke und die Arbeiterbewegung aber öffnete sich so ein Raum, in den sie mit aller Kraft vorstießen. Sie gingen rein ins Offene. Es folgte eine «kurze wunderschöne Emanzipationszeit», wie die deutschtürkische Schriftstellerin und 68erin Emine Sevgi Özdamar einmal schrieb.

Diese Emanzipation wuchs den Kemalisten jedoch schnell über den Kopf, weshalb es 1971 und erneut 1980 zu weiteren Putschen kam, die sich vornehmlich gegen Linke richteten. General Kenan Evren behauptete in seiner Ansprache am 12. September 1980, an seiner Stelle würde ein Kommunist sitzen, wenn das Militär nicht eingegriffen hätte. Dies zeigt: Die um 1968 entstandenen Bewegungen wurden als echte Gefahr für die Republik betrachtet.

Ihre Vernichtung war entsprechend «gründlich» – bis in die Nullerjahre hat sich die türkische Linke von der Militärdiktatur der 1980er Jahre nicht erholt. Eine (auch) selbstkritische Beschäftigung mit der eigenen Geschichte, wie sie viele Protagonist*innen der westdeutschen 68er-Bewegung auf verschiedenste Weise betrieben haben, war so schwer möglich. Erst die Gezi-Park-Bewegung von 2013 ließ – für einen kurzen Augenblick – die Versöhnung des Erbes der türkischen 68er-Generation mit der Gegenwart und damit auch eine plurale Linke möglich erscheinen. Allerdings wurde diese Hoffnung im Tränengas der Polizei erstickt.

Ein gewisser Anachronismus war im Übrigen die Entstehung der PKK, sie wurde 1978 – also am Ende des 68er-Zyklus – aus der Taufe gehoben, weil die türkische 68er-Bewegung die kurdische Frage stets stiefmütterlich behandelt, zum Teil auch gänzlich negiert hatte. In den 1980er Jahren wuchs sie im Südosten der Türkei zu einer Massenbewegung heran, während sich über den Rest der türkischen 68er-Bewegung eine Friedhofsruhe ausbreitete.

Eingeklemmt zwischen Mackertum, Maoismus und staatlicher Repression: die Frauenbewegung

Ebenso wie die Diskriminierung und koloniale Unterdrückung von Kurd*innen in der Türkei war auch die Unterdrückung der Frau von der 68er-Bewegung schnell in den Bereich der Nebensächlichkeiten verdrängt worden. Anders als in der Bundesrepublik, in der die zweite Welle der Frauenbewegung auch als Reaktion auf den Umgang der 68er-Männer mit «Frauenfragen» losgetreten worden war, blieb eine solche in der Türkei zunächst aus.

Frauen waren um 68 herum durchaus aktiver Teil sowohl der Studierenden- und Jugendbewegung als auch der aufbegehrenden Arbeiterklasse. Explizit feministische Ansätze bildeten sich jedoch erst ab dem Ende der 1970er Jahre heraus – als Teil der sich autonom organisierenden kurdischen Befreiungsbewegung.

In türkischen Kreisen war es dann ausgerechnet die Zeit nach dem Militärputsch 1980, in der sich erstmals eine nennenswerte unabhängige feministische Bewegung formierte, die sich mit der zweiten Welle der Frauenbewegung in den USA und Europa identifizierte und sexistische Gewalt zu ihrem Schwerpunkt machte. Erst 1983 wurde der erste feministische Verlag Kadın Çevresi Yayınları (dt. Frauenkreis-Texte) gegründet.

Die bereits in die Jahre gekommene und desillusionierte 68er-Linke machte dieser Frauenbewegung zum Teil harsche Vorwurfe. Es herrschte Unverständnis darüber, dass unter den Bedingungen der Militärdiktatur, als linke Gruppen und Gewerkschaften verboten waren, der Feminismus erstarken konnte. Die Frage, weshalb feministische Themen in der türkischen Linken zuvor offenbar keinen Platz gefunden hatten, wurde dabei von den wenigsten gestellt.

Als Teil der 68er-Bewegung waren Frauen zwar aktiv, feministische Anliegen aber eingeklemmt zwischen staatlicher Repression, linkem Mackertum und gesellschaftlich verankerten patriarchal-islamischen Verhaltensregeln. Zwar unterhielten größere linke Gruppen eigene Frauenabteilungen, aber die Thematisierung von «Frauenthemen» war – wie gesagt – nicht Sache der 68er-Bewegung, weil das Patriarchat als nebensächlicher Widerspruch betrachtet wurde.

Begründet lag diese Vernachlässigung in der bereits erwähnten Dominanz maoistischer Einflüsse in der türkischen Linken. Angelehnt an den chinesischen Revolutionsführer und an etappentheoretische Konzepte wurde als Hauptwiderspruch manchmal jener zwischen Kapital und Arbeit, meist aber der zwischen Imperialismus und «nationaler Souveränität» identifiziert. Hinzu kam eine Verherrlichung des bäuerlichen Lebens, die mit der Idee des bewaffneten Kampfes auf dem Land einherging und den tief verwurzelten Sexismus dort nicht offen infrage stellen wollte. Weitere Einflüsse – die des Kemalismus und auch des in der türkischen Linken traditionell stark vertretenen Alevitentums – befürworteten zwar Gleichberechtigung und Emanzipation nach westlichem Vorbild, pflegten aber zugleich das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie und einen tief in linke Strukturen hineinreichenden lustfeindlichen Enthaltsamkeitsfimmel.

Dennoch: Für nicht wenige Aktivistinnen bedeutete der linke Aufbruch der 1960er Jahre die Möglichkeit persönlicher Emanzipation. So beschreibt es beispielsweise die Schriftstellerin Leylâ Erbil in dem 1971 erschienenen Roman «Tuhaf Bir Kadın» (Eine seltsame Frau), in dem die Protagonistin in Istanbul auf der Suche nach Freiheit sich linken Gruppen anschließt und schließlich in der Arbeiterpartei TIP fündig wird. Die TIP war – wie weiter oben bereits erwähnt – 1961 gegründet und 1965 mit 15 Abgeordneten auf Anhieb ins Parlament gewählt worden. Gründerin, Abgeordnete und Vorsitzende der Partei war die Soziologin Behice Boran, eine der wenigen weiblichen Führungsfiguren der türkischen Linken dieser Zeit.

Trotz aller ernsthaften Probleme, mit denen sich Frauen innerhalb der türkischen Linken konfrontiert sahen, wäre es also zu kurz gegriffen, die Frauenfrage um 68 auf dieses Defizit zu reduzieren. Denn immerhin hat der linke Aufbruch dieser Zeit Frauen den massenhaften Eintritt ins politische Leben ermöglicht, wenn auch restringiert durch die männlich und autoritär geprägten Organisationsdynamiken.

Fazit

Zwischen 1960 und 1980 erlebte die Türkei – unterbrochen von der Zäsur des Militärputsches 1971 – einen Zyklus, der geprägt war von einer schnell wachsenden Arbeiterklasse und einer kraftvoll auftretenden linken Bewegung. Diese orientierte sich an den 68er-Bewegungen Europas und der USA, den Guerillabewegungen Lateinamerikas und insbesondere am Maoismus.

Ermöglicht wurde dieser Aufbruch durch den Militärputsch von 1960, der eine demokratische Verfassung hervorbrachte und damit einen Raum schuf, in dem sich die in der Entstehung begriffene Arbeiterbewegung unvermittelt entfaltete. Zeitgleich entwickelten sich die Universitäten und Städte zu Laboratorien linker Praxen. Mit den Debattierclubs und Dev-Genç (aus der – ähnlich wie beim SDS – in den 1970er Jahren eine Reihe radikallinker Gruppierungen hervorging) entstanden Organisationen, die zeitweise einen durchaus nennenswerten Einfluss auf eine ganze Generation junger Menschen ausübten.

Anders als in der Bundesrepublik ist das Erbe von 68 in der Türkei aber weder in einen gewissen gesellschaftlichen Wandel integriert, noch sind Protagonist*innen dieser Bewegung in die politische Elite aufgenommen worden. Der 68er-Aktivist und heutige Parlamentsabgeordnete Ertuğrul Kürkçü (HDP), der 1972 als Einzigereine Entführungsaktion der THKP-C überlebte, 15 Jahre im Gefängnis verbrachte und nach seiner Entlassung noch so etwas wie eine politische Karriere machen konnte, stellt eine absolute Ausnahme der 68er-Biografien dar.

Im Grunde knüpft die aktuelle Repressionswelle der AKP-Regierung an eine kollektive Erfahrung an, die die 68er-Generation der Türkei gemacht hat. Weil sie jedoch nicht einfach bekämpft, sondern tatsächlich zerschlagen wurde, konnten aus dieser geteilten Erfahrung weder gemeinsame Schlussfolgerungen gezogen noch Strategien oder auch nur eine kohärente gemeinsame Erzählung entwickelt werden. Das Erbe von und die Erinnerung an 68 ist somit in der Türkei vor allem gebrochen und in viele Fragmente versprengt.


1 Diese Unterstützung war militärisch, Kommunist*innen kämpften an der Seite der Kemalisten im Türkischen Befreiungskrieg. Einer der jungtürkischen Führer und Mitverantwortlicher für den Völkermord an den Armeniern, Enver Pascha, war zudem im September 1920 Gast beim von der 3. Internationale organisierten Kongress der Völker des Ostens in Baku (Aserbaidschan).