Publikation Demokratischer Sozialismus - Sozialismus Scheinbare Radikalität

Rechte Kräfte setzen die Agenda und mobilisieren Massen. «Wo aber bleibt die sozialistische Antwort?», fragen sich Judith Dellheim und Michael Brie.

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Artikel

Autor/innen

Judith Dellheim, Michael Brie,

Erschienen

September 2018

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Wenn überhaupt der Tiefe der jetzigen Vielfach- und komplexen Reproduktionskrise unserer Zivilisation scheinbar radikal entsprochen wird, geschieht dies nur von rechts. «Scheinbar radikal» deswegen, weil die wirklichen Krisenursachen nicht angegriffen und bekämpft werden. Zunehmend erweisen sich die rechten Kräfte jedoch als die treibende Kraft, setzen die Agenda, bestimmen die Sprache, mobilisieren Massen. Fast nur sie nutzen die Möglichkeiten, die die Krisen zur Stärkung ihrer Machtposition hervorbringen, verwandeln sie in gesellschaftliche Tatsachen wie repressive Gesetze, Privatisierungen, Investitionen zur Überwachung und Erhöhung «militärischer Handlungsfähigkeit». In den Krisen sind die antiliberalen und antidemokratischen Kräfte stärker geworden, neue sind entstanden.

Auf den Ich-Kult der modernen Neoliberalen antwortet die neue Rechte mit dem Kult des eigenen Landes, der eigenen Nation, der eigenen Kultur. Die Forderung, zur Unternehmerin oder zum Unternehmer der eigenen Arbeitskraft und Daseinsvorsorge zu werden, hat sich für viele Bürger*innen als soziale Bedrohung erwiesen. Sie hat sie der Anerkennung beraubt. Sie erzeugte Angst um die eigenen Kinder in einer solchen Raubtiergesellschaft und die Furcht, im Alter verarmt allein zu bleiben. Sicherheit rückte ins Zentrum. Und wenn der Planet Erde schon zum Teufel geht, dann doch bitte bei «uns» etwas später. «Was kann schließlich ich dafür, dass es so ist? Auch ich lebe nur einmal.» Als das Wort Opfer auf Schulhöfen zum Schimpfwort wurde, war Menschenfeindlichkeit alltäglich geworden. Und nun organisiert sie sich kollektiv. Die Schwachen und Bedrohten finden Führer, die ihnen Schutz versprechen – durch Kampf um den Wirtschaftsstandort, Mauern, Polizei, Kontrolle, durch Ausgrenzung und Abwertung der «Anderen». Spätestens seit Beginn der «Euro-Krise» und dem frühen tragischen Ende des «Arabischen Frühlings» beseitigt die herrschende neoliberale Politik die Bedingungen für die Einhaltung ihrer zwar immer schon zweifelhaften, aber dennoch gepriesenen Ziele des «inneren Friedens», «einer offenen Gesellschaft» und «einer EU gleicher demokratischer und Partner». Dabei sucht sie zunehmend den Konsens mit den weiter rechts Stehenden. Bisherige «gesellschaftliche Normalität» wird verschoben und mutiert ganz öffentlich zum Raubtierkapitalismus mit Leitwolf und Rudel. Sie trägt Züge eines Neofaschismus.

Wo aber zum Teufel bleibt die sozialistische Antwort? Und was ist sie überhaupt? Es gab den Aufbruch in Lateinamerika, der bis zur Losung vom Sozialismus des 21. Jahrhunderts fortschritt, dann abbrach und Gewalt heraufbeschwor bzw. mehrte. Es gab die Kampagne von Bernie Sanders, der mit einem «demokratischen Sozialismus» fast Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei der USA geworden wäre. Und es gibt Jeremy Corbyn, der die Labour Party in Großbritannien wieder nach links gewendet hat. Auch in Frankreich, Spanien und in einer Reihe anderer Länder gibt es Tendenzen einer öffentlichen Besinnung auf links. Damit aber ein großer gemeinsamer emanzipativer Aufbruch zustande kommt, sind zumindest fünf Faktoren notwendig.

Von blassen Hoffnung zurück ins Leben treten

Das Erste, was eine sozialistische Antwort ausmacht, ist zweifelsohne die Besinnung auf simple, schlichte Menschlichkeit: Freiheit in der Gleichheit, Gerechtigkeit, Menschenliebe und -würde, Frieden und solidarisches Miteinander hier vor Ort, in Europa und global, Erhalt und Verbesserung der natürlichen Lebensbedingungen, Toleranz und Aufgeschlossenheit gegenüber Anderen und Neuem, Bereitschaft zur Selbstveränderung, Glaubwürdigkeit etc. Es ist schwer, in dieser Welt solche Werte zu leben. Aber linke Politik muss zuerst einmal die Sehnsucht danach wieder stark machen und zeigen, dass sie es ernst meint. Das Wort Sozialismus selbst kommt genau daher – es geht davon aus, dass Menschen soziale, mitmenschliche Wesen sein können und nicht ein Wolf dem anderen sein müssen. Die neoliberale Praxis hat vor allem in den Seelen der Menschen Verwüstungen angerichtet und treibt ihnen mit der Peitsche verschärfter Konkurrenz und dem Zuckerbrot privilegierter Güter und billiger Waren die Güte aus dem Leibe. Sie ist sogar auf die Veränderung der Menschen als natürliche Wesen gerichtet. Die vielgeschmähte Bewegung derer, die sich um Geflüchtete sorgen, hier in Deutschland oder auch in Griechenland, Italien oder Spanien, aber zeigte: Mitmenschlichkeit ist gut und tut gut. Höhnisch werden sie als «Gutmenschen» abgewertet. Linke Politik sollte alles daran setzen, um vor Ort, im Kiez, im Alltag der Gesellschaft und in den Unternehmen, auf der Straße, in den Kindergärten, Schulen, in den Alten- und Pflegeheimen sowie in den Einrichtungen der Geflüchteten die Bedingungen dafür zu verbessern, dass Menschen diese ganz schlichte Erfahrung machen können: Wie schön es ist, wenn auch bestimmt nicht einfach, füreinander da zu sein.

Das Zweite, was Sozialismus heute braucht, ist die Herstellung des Bewusstseins, dass eine Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer kapitalistischen Produktionsweise wünschenswert und möglich ist; dass es eine Frage von Anstand und Würde ist, sich nicht mit den herrschenden Zuständen abzugeben, sich «einzurichten». Und genau dieses Bewusstsein ist weitgehend verloren gegangen. 1922, als der Kapitalismus in der Defensive zu sein schien, entwickelte Ludwig von Mises mit seinem Werk «Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus» intellektuelle Ansätze einer neoliberalen Gegenoffensive. Er wollte vom Sozialismus lernen, um dem Liberalismus neues Leben einzuhauchen. Er schrieb: «Auf dem ganzen Erdenrund schlagen die Herzen dem Bolschewismus entgegen. Bei den Schwachen und Lauen findet er jene mit Grauen und Bewunderung gemischte Sympathie, die der mutige Bekenner beim ängstlichen Opportunisten erweckt. Die Kühneren und Folgerichtigeren aber begrüßen in ihm ohne Scheu die Morgenröte einer neuen Zeit.» (Mises 1932: 4) Mises wollte nachweisen, dass der liberale Kapitalismus sittlich höher als der Sozialismus stehe; dass er nicht nur effizienter, sondern auch rationaler sei als jede Planwirtschaft, trotz der Verfügungsmacht der Kapitaleigner über die Produktionsmittel; dass er demokratischer sei, da in ihm die Verbraucher stets neu an der Kasse abstimmen. Er wollte für die Rückkehr zum wirklichen liberalen Kapitalismus begeistern. Zu denken sollte den Linken auch der folgende Gedanke geben: «Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, der Sozialismus könnte durch die bösen Erfahrungen, die man mit ihm gemacht hat, überwunden werden. Tatsachen an sich können nichts beweisen oder widerlegen; alles kommt auf die Deutung an, die man ihnen gibt. […] Ideen können nur durch Ideen überwunden werden. Den Sozialismus können nur die Ideen des Kapitalismus und Liberalismus überwinden.» (Ebd.: 471)

Die jüngste Krise hatte zunächst die Vorherrschaft der neoklassischen Economics als «wissenschaftliche Weltanschauung» des neoliberalen Kapitalismus geschwächt, aber keinesfalls überwunden. Man feiert Veränderungen der Finanzarchitektur als Beweis von Lern- und Anpassungsfähigkeit. Aber eine Herausforderung an den liberalen Kapitalismus, wie es Mises‘ Buch für den Sozialismus darstellte, steht aus. Die überzeugenden wissenschaftlichen Begründungen einer Ökonomie, nicht auf der Basis des Kapitals und seiner Akkumulation, sondern auf der Grundlage tatsächlich vergesellschafteter Arbeit, der Gemeingüter, des Commoning und der freien Entwicklung der Individuen in solidarischen Assoziationsformen und durch bewahrten und entwickelten natürlichen und kulturellen Reichtum stehen aus. Ohne eine Vision, die auch sachlich argumentativ überzeugen kann, für die es konkrete Beispiele als Einstiegsprojekte gibt, die politisch konkret umgesetzt werden kann und sich dabei selbst weiterentwickelt, hat Sozialismus keine Chance. Gerade jüngst ist das Buch von Massimo De Angelis «Omnia Sunt Communia. On the Commons and the Transformation to Postcapitalism» (2017) erschienen. Eine der Überschriften im Buch lautet: «Von Elinor Ostrom zu Karl Marx». Es ist Zeit für einen theoretischen Aufbruch mit strategischer Zielrichtung – ganz im Sinne von Ludwig von Mises: Lerne (auch) von Deinen Gegnern. Allerdings bleibt all das mehr oder weniger attraktive Spinnerei, wenn man nicht aufzeigt, was heute notwendig und möglich ist, um überhaupt die Möglichkeiten solcher Entwicklungen zu bewahren.

Das Dritte, was eine neue oder neosozialistische Antwort heute ausmachen würde, ist Klarheit darüber, wer überhaupt sich aktiv mit linker Orientierung gegen den neoliberalen Kapitalismus einsetzen könnte. Dazu muss zunächst einmal mit dem Mythos gebrochen werden, dass es «die Guten» gibt, die sich höchstens ihrer «guten Interessen» noch nicht bewusst sind. So sehr Marx auf die Arbeiterklasse gesetzt hat, so sehr war er sich bewusst, dass die Konkurrenzverhältnisse die Lohnabhängigen spalten – nach Geschlecht, sozialer und ethnischer Herkunft, Qualifikation, kultureller Zugehörigkeit und Weltanschauung, politischer Orientierung, nach geistiger und psychischer Verfasstheit, auch Alter. Dies ist nicht neu und hat Sozialist*innen schon vor 200 Jahren umgetrieben. «Dass die Bourgeois sich […] überall, wo es ihr Interesse erheischte [...], jedesmal ‹verständigten› [...], zeigen die Aktiengesellschaften, die mit dem Aufkommen des Seehandels und der Manufaktur begannen und alle ihnen zugänglichen Zweige der Industrie und des Handels an sich rissen.» (Marx/Engels 1974: 355) Was hingegen «die Proletarier betrifft, so sind diese [...] in ihrer modernen Gestalt, erst aus der Konkurrenz entstanden». Sie haben «wegen ihrer durch die Teilung der Arbeit selbst vielfach entgegengesetzten Interessen» keine andere Möglichkeit als eine «politische, gegen den ganzen jetzigen Zustand gerichtete ‹Verständigung›»(ebd.). Im «Kapital» heißt es denn auch: « […] der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter.» (Marx 1890: 765) Dem kann nur durch die «sprechende Freiheit» des eigenen sozialen und politischen Handelns entgegengewirkt werden. Dem «divide et impera» muss das «Vereinigt und emanzipiert Euch!» gegenübergestellt werden.

Die Bedingungen dafür aber entstehen nicht spontan, wie Edward P. Thompson in seiner klassischen Arbeit «The Making of the English Working Class» (1963) nachwies. Die letzten 70 Jahre sahen nun das «Unmaking» der Arbeiterklasse – zumindest in den alten Zentren des Kapitalismus. Mario Candeias setzte deshalb 2009 das «Re-making of the working class» auf die Tagesordnung, ein Re-Making das eine neuartige Verschränkung der Klassenfrage mit Fragen der Geschlechterverhältnisse, Staatsbürgerschaft und Ethnie, Ökologie, Frieden und Demokratie verlangt. Schließlich gibt es sehr verschiedene Gründe, warum sich Menschen mit gesellschaftlichen und globalen Problemen auseinandersetzen, aber soziale Gleichheit verlangt nun einmal die Überwindung zunächst der antagonistischen Klassen; und ohne Frieden und funktionierende natürliche Lebensbedingungen wird es auch keine soziale Gleichheit geben. Wie Klaus Dörre (2018: 115) in seinem Konzept des Neosozialismus schrieb: «Zu den wichtigsten Klassenfraktionen zählen heute beispielsweise die überwiegend weiblichen Beschäftigten in den Sozial- und Erziehungsdiensten, die 2015 in einem sechswöchigen Streik einen exemplarischen Kampf für die Aufwertung professionell ausgeübter Reproduktionsarbeit führten. In diesem Fall konstituierte Sorgearbeit, die auf Zuwendung, Emotionalität und Engagement beruht, ein neues Fachkräftebewusstsein, das zur wichtigsten Ressource einer konfliktfähigen sozialen Bewegung wurde. […] Die größten Erfolge haben Bewegungen gegen sexistische, rassistische Diskriminierung und für ein gutes Leben immer dann erzielt, wenn auch der demokratische Klassenkampf zugunsten der Lohnabhängigen einigermaßen erfolgreich war.»

Gesellschaftliche Solidarisierung kann erfolgreicher voranschreiten, wenn sie mit geistigen, ideologischen Verallgemeinerungen verbunden ist: Wir sind die, die nicht zulasten anderer Menschen und der Natur leben wollen, die nicht gezwungen sein wollen, gegen andere zu konkurrieren, die nicht hinnehmen, dass für den eigenen Lebensstandard Menschen schuften und vegetieren, die keine Sicherheit auf Kosten toter Kinder akzeptieren […] Wir sind die, die aufstehen und sich wehren, die Solidarischen – dies sind solche Verallgemeinerungen. Erfolg wird möglich, wenn Menschen in Kämpfen und emanzipativ-solidarischen Praxen lernen und sich verändern können, wenn entsprechende Bewegungen und Projekte entstehen, die das verknüpfen, was herrschaftlich auseinanderdividiert wird. Marx hat den Mitgliedern der Internationale die Orientierung auf Arbeitszeitregelungen bzw. -verkürzung und Kooperativprojekte vorgeschlagen. Von Antonio Gramsci (1999: 2195) kann man lernen: «Die subalternen Klassen sind per definitionem keine vereinheitlichten und können sich nicht vereinheitlichen, solange sie nicht ‹Staat› werden können.» Die Dilemmata des kollektiven Handelns der Subalternen werden nur dann solidarisch bearbeitbar, wenn die hohen Kosten der Transformation, die linke Politik auslösen muss, wenn sie sozial, ökologisch, demokratisch und friedensorientiert sein will, auch solidarisch getragen werden und die Privilegierten besonders herangezogen werden. Dazu braucht es auch der Staatsmacht und linker Regierungen.

In diesem Sinne wäre dann die seit 2001 mehrfach thematisierte strategische politische und soziale «Mitte-unten-Option» weiter zu konzipieren – als ein Prinzip, das auf alle gesellschaftlichen Ebenen bezogen werden soll, also auf die Gesellschaft, die EU, Europa, die Welt. Da geht es um gesellschaftspolitische Kräftekonstellationen zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens im umfassenden Sinne, also für alle gesellschaftlichen Bereiche und Politiken. Die Grundprinzipien wären, dabei solidarisch – daher auch ökologisch – und demokratisch zu sein. Diese Mitte-unten-Option wäre kulturelles Projekt und Leitbild, breites Aktionsbündnis verschiedener emanzipativ-solidarischer und ökologischer Akteure und mögliches Bündnis von offiziellen politischen Akteuren – letztendlich als Grundlage von Regierungskoalitionen. Dazu wäre es allerdings notwendig, Konzepte emanzipativ-solidarischer und ökologischer Lebensweisen qualifiziert zusammenzubringen und in einem breiten gesellschaftspolitischen Prozess umzusetzen. Ein Mitte-unten-Bündnis kann alle Formen politischer Initiative und Auseinandersetzung miteinander verbinden, von der Straßenblockade über die parlamentarische Vertretung bis hin zum Bürgermeister oder der Ministerpräsidentin.

Das Vierte, was für eine wirkungsvolle Antwort gebraucht wird, ist eine radikale, strategieorientierte Analyse der Systeme der Reproduktion und Entwicklung der heutigen Gesellschaften, ihrer oligarchischen Macht- und Eigentumsformationen, die sich diese Gesellschaften unterworfen haben bzw. mit denen große Bevölkerungsteile und vielfach sogar Bevölkerungsmehrheiten ihren Frieden gemacht haben. Schließlich prägen diese Formationen unseren Alltag, unsere Lebensweisen und -stile, unsere Konsumstrukturen, die auf konkreten sozial und ökologisch zerstörerischen Produktionsstrukturen basieren (Dellheim 2014). Jede Liberalisierung der Finanzmärkte, jede neue Kommerzialisierung und Privatisierung, jedes Freihandels- und Investitionsschutzabkommen, jedes große Infrastruktur- und Militärprojekt, jede neue Technologie, jede Großfusion und Großinvestition zerstört die Chance für gerechte und solidarische Alternativen, wenn sie die Macht der Herrschenden ausbaut. Nur eine solche Analyse kann nachweisen, wo neben den Blockaden auch die Durchbruchstellen, die «schwächsten Kettenglieder» des Systems (Lenin 1971: 268), sind. Dazu gehört, die eigenen sozialen Privilegien, aber auch die eigene Fremdbestimmung zu begreifen, den Zusammenhang wie die Brüchigkeit dieser Systeme zu verstehen, den Zusammenhalt wie die Differenzen im gegnerischen Lager zu analysieren, zu entdecken, wer die realen und potenziellen Partner sein können und warum es oft so schwierig ist, nachhaltige und politisch wirksame Bündnisse zu organisieren. So umfassende und anhaltende Krisen wie die gegenwärtigen, die auf verschiedensten Ebenen, in verschiedenen Orten und Zeiten ausbrechen, versetzen die herrschenden Eliten in den Modus ständiger Krisenverwaltung. Sie können frühere Bindungen und Loyalitäten der Bürger*innen untergraben, neben Anomie und Passivität auch das latente Bedürfnis erzeugen, endlich etwas zu tun, um aus dieser Situation auszubrechen. Sie sind deshalb auch die Stunde, in der kühnes Handeln viel verändern kann. Die neue Rechte hat dies begriffen, die Linke muss sich zu dieser Erkenntnis erst noch vorarbeiten.

Das verlangt die Bereitschaft und die Fähigkeit zu Selbstkritik. Die gesellschaftspolitischen Zustände, die sozialen, ökologischen und globalen Probleme sind Ausdruck der Schwäche der Linken, vor allem ihres Unvermögens, Solidarität zu entwickeln, kollektiv zu analysieren und gemeinsam nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen, um sie zu nutzen und zu erweitern. Nunmehr ist aber eine Doppelstrategie angesagt: Kämpfe in der Defensive, Auseinandersetzungen, um Schlimmeres zu verhindern; lokale und regionale bzw. thematisch Projekte sind zu verbinden und Arbeit zu leisten, um «Staat» zu werden. Der wäre dann nicht mehr Staat der Herrschenden und insofern auch ein anderer und anders Staat – vor allem Diener der Selbstermächtigung. Gegenwärtig stehen dafür drei Hauptwege zur Verfügung: (1) demokratische, soziale und ökologische Standards verteidigen und verbessern, (2) Verteidigung, Demokratisierung und Vermehrung des Öffentlichen sowie (3) eine solidarische sozial und ökologisch nachhaltige Lokal- und Regionalentwicklung. Und natürlich geht es dabei immer um partizipative Prozesse und Akteursvernetzungen – auf allen Ebenen: der lokalen, der regionalen, der überregionalen, Bundes- und EU-Ebene, der europäischen und globalen Ebene, innerhalb der Spektren und Bereiche sowie spektren- und bereichsübergreifend.

Analyse, die sozialer bzw. gesellschaftspolitischer Prozess ist und dieses strategische Ziel hat, ist nicht zu trennen von der Arbeit an kritischen Szenarien. «Kritisch» in Anknüpfung an kritische Gesellschaftsanalyse und in Absage an logische Überlegungen, die sich eben nicht auf die Analyse gesellschaftspolitischer Kräfteverhältnisse stützen. «Kritisch» auch deshalb, weil das Denken in Szenarien auf militärische Erwägungen zurückgeht. Da interessiert vor allem das einsetzbare militärische Potenzial. Ausgehend von den gegenwärtigen Problemen und Kräftekonstellationen gibt es kurz-, mittel- und langfristige Entwicklungsmöglichkeiten. Es wäre also ausgehend von der Problemanalyse und den eigenen Kriterien herauszuarbeiten, was anzustreben wäre und was dafür jetzt getan werden muss und kann. Dabei wären wiederum kritische Zäsuren in Betracht zu ziehen: Welches Ereignis würde warum welche Auswirkungen auf die kurz-, mittel- und langfristige Entwicklungsmöglichkeiten haben? Was bedeutet das für das eigene Handeln? So hat es zum Beispiel zwei kritische Zäsuren gegeben, die von den Linken nicht genutzt werden konnten: das Ende der «staatssozialistischen» Versuche 1989/90 und der Ausbruch der globalen Finanzkrise. 1990 verschwand in den Augen großer Teile der Gesellschaft die Begründung für die Fortexistenz der NATO und von Hochrüstung. 2008 war das finanzmarktgetriebene neoliberale Wirtschaftsmodell blamiert. Die Handlungsfenster zur Veränderung europäischer und globaler Entwicklung konnten von den Linken nicht genutzt werden, was sie noch stärker in die Defensive trieb. Sie waren auf die Ereignisse nicht vorbereitet, weil sie keine ständige kollektive Analyse betrieben. Für solch eine Analyse muss solidarische Kooperation ein Grundprinzip sein. Sie war nicht entsprechend ausgebildet. Seit 2008 gibt es eher weitere Fragmentierung. Da geht es um wissenschaftliche Arbeit, verbunden mit praktischem Tun und zugleich um die wachsende Anzahl der reflektierenden, analysierenden, kooperierenden, an der linken Gesellschaftsstrategie und der eigenen Strategie selbstkritisch Arbeitenden. In diesem Sinne ist es völlig richtig zu sagen: Wir haben genügend Analysen, um zu handeln, und dennoch fehlen uns immer wieder die notwendigen konkreteren, strategisch aufklärenden Analysen! Und wir brauchen sie, um die Kräfte zu organisieren.

Das Fünfte, was Sozialismus heute braucht, was er vor allem braucht, um aus einer blassen Hoffnung ins Leben zu treten, wieder zu einer Macht zu werden, demokratisch und emanzipatorisch, auf Gleichheit, Freiheit und Solidarität gegründet, ist die Herstellung arbeitsfähiger Strukturen und strategischer Handlungsfähigkeit. Dazu wird alles gebraucht – gelebte Humanität, eine überzeugende Vorstellung vom Wohin und eine Erzählung, wie wir hierher geraten sind und wie wir zum gewollten Wohin kommen, die Arbeit an einem «Wir der vielen Wir» und die Analyse des Gegebenen unter dem Aspekt des Möglichen, der Szenarien und Handlungsoptionen. Ohne Mut aber und Ausdauer, ohne Kühnheit und Geduld ist alles dies nichts.
 

Literatur

  • Candeias, Mario (Unmaking and Remaking of Class, 2009)
  • Dellheim, Judith (2014): Kapitaloligarchien und Transformation. Zur Entwicklung der Europäischen Union, in: Brie, Michael (Hrsg.): Futuring. Transformation im Kapitalismus über ihn hinaus, Münster, S. 332–367.
  • Dörre, Klaus (2018): Neo-Sozialismus oder: Acht Thesen zu einer überfälligen Diskussion, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2018, S. 105–115.
  • Gramsci, Antonio (1999): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug und Peter Jehle, Hamburg.
  • Lenin, Wladimir I. (1971): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss [1916], in: ders.: Werke, Bd. 22, Berlin, S. 189–309.
  • Marx, Karl (1890): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, in: MEW, Bd. 23, Berlin.
  • Marx, Karl/Engels, Friedrich (1974): Die deutsche Ideologie [1845/46], in: MEW, Bd. 3, Berlin, S. 9–530.
  • Mises, Ludwig von (1932): Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus. 2. Auflage, Jena.
  • Thompson, Edward P. (1987): Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Frankfurt a.M.

Michael Brie ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Schwerpunkt Theorie und Geschichte des Sozialismus/Kommunismus und Herausgeber der Reihe Beiträge zur Kritischen Transformationsforschung, die im VSA-Verlag Hamburg erscheint.

Judith Dellheim ist Referentin für Solidarische Ökonomie am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die diplomierte und promovierte Politökonomin engagiert sich seit 1989 in sozialen Bewegungen und linken Parteien (PDS und DIE LINKE).

Lektorat: TEXT-ARBEIT, Berlin