Publikation Geschlechterverhältnisse - Asien - Westasien - Naher Osten «Layla!»

Zwischen Träumen und Trauma - Das Leben von Jesid*innen in Sharya. Teil 3 der Reportage von Barbara Caveng.

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Autorin

Barbara Caveng,

Erschienen

März 2019

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Überlebende des Genozids: Mayan, 62 und Layla, 22 aus Sharya, Nordirak
Mayan und Layla – Die Befreiung der Frau von der gesellschaftlichen Unterdrückung ist Mutter und Tochter gemeinsames Anliegen. Foto: Barbara Caveng

In Europa esst ihr so schön. Langsam. Wir essen ganz schnell …. 
… Wir essen so schnell, damit wir fertig sind, wenn der nächste Genozid kommt

Ilchan, 62, Sharya Camp, Nordirak

«Layla!» Mit Schwung landet der kobaltblaue Anzug des Bruders auf der Schulter der Schwester. Die Dienstkleidung des Polizeioffiziers muss gebügelt werden: «Layla!».

LaylaLaylaLayla! Unentwegt schallt der Ruf nach ihr durchs Haus. Layla legt den Anzug über eine Stuhllehne, wendet sich dem Spülbecken und den Töpfen zu. Eine Küche, in einem Haus, in einem Ort, namens Sharya. In der nahegelegenen Stadt Dohuk, im Norden Kurdistans, sagen sie, kommen inzwischen auf einen Einwohner zwei Menschen, die fliehen mussten. Fremde sind willkommen, Touristen, Ausländer, Gäste – aber keine weiteren Menschen,  die vertrieben wurden, die losgerannt sind, damals  2014, als der «Islamische Staat» die Jesid*innen in Shingal massakrierte. Auch Mayan spürt die Abwehr, wenn sie in Dohuk einkaufen geht. Seit ihrem elften Lebensjahr trägt die heute 62-jährige die traditionelle Kleidung: ein hellblaues Gewand, darüber die weiße Schürze, ein locker gebundenes Kopftuch. Man erkennt sie als Jesidin. «Die Blicke», sagt sie, «sind abschätzig.» Layla ist ihre jüngste Tochter.

Knappe zwanzig Kilometer sind es von Dohuk bis nach Sharya. Den Besucher des Ortes Sharya  empfängt die provisorische Architektur weißer, von ockerfarbenem Staub verfärbter Zelte des Sharya Camp. Am Ortseingang wehen vier kurdische Flaggen. Sie wehen über dem Tor zum Lager, in dem 20.000 Menschen seit 2014 überleben. Sie alle sind Jesid*innen. Das Gelände ist eingezäunt, Polizisten bewachen die Zufahrt. Vom Sharya Camp bis zur Küche, in der Layla an den Töpfen steht, sind es zwei Kilometer. Sie führen über unbefestigte Straßen und Brachen durch eine chaotische Ansammlung von Häusern in allen nur denkbaren Zuständen und Phasen des Bauens durch den Ort. Dazwischen Zelte, Verschläge, provisorische Hütten aus Planen, Dixi-Klos. Menschen suchen innerhalb roher Mauern Schutz vor Wind und Kälte. Sie nennen es Dorf.

Sharya liegt zwischen weichen Hügeln, die Landschaft ist schön, ihre Flächen sind unbewirtschaftet. Die Wiesen werden von Tag zu Tag grüner, der Müll blüht schon. An kleinen Feuern, von denen schwarzer Plastikrauch aufsteigt, wärmen sich Kinder die Hände und spielen. Ihre älteren Geschwister sieht man entlang der Hausmauern auf und ab gehen, auf und ab. Sie lernen fürs Examen. Kalt ist es drinnen wie draußen, aber im Freien ist es ruhiger als in den beengten Innenräumen.

«Sharya koscha?», fragen die Leute. Koscha bedeutet süß, gut, schön.

Tiere weiden. Schafe, Ziegen, Gänse, Hühner.

Der Ort hat die Menschen aufgenommen, die dem Genozid entkamen. Sharyas Grundmauern verweisen auf die jüngste Geschichte. Die zwischen ihnen leben, wurden in den achtziger Jahren unter Saddam Hussein zwangsumgesiedelt. Sharya wurde als Modelldorf für Jesid*innen angelegt. Ihr angestammtes Land hatte ihnen das Regime genommen. Die Zahl derer, die seit 2014 in Sharya leben – im Camp und im Ort – ist insgesamt um 30.000 Menschen angestiegen.

«Für uns Jesiden gibt es keinen Sinn des Lebens im Irak.» Das sagt Mayan und so sagen sie alle im Ort: «Der Irak ist die Hölle für uns.» Anderswo wünschen sich die Menschen Gesundheit. «Mach's gut» ist der lapidare Abschiedsgruß, mit dem man den Gast entlässt. Hier wünscht man sich Sicherheit: «Be safe», sagt man – und sei der Weg auch nur einen Kilometer lang. Sicherheit als Utopie.

Wer fühlt sich in diesem Land schon sicher? Wer hat keinen Krieg erlebt? Wer hat nicht mindestens fünf Verwandte in Germany – Hannover, Dortmund, Hamburg, Berlin, Düsseldorf oder Stuttgart? Die sind dann im Handy übrigens genauso mit Germany als Namenszusatz abgespeichert. Ich werde auf meiner Reise niemandem begegnen, der nicht durch Gewalt, Waffen oder Terror Familienangehörige oder Freunde verloren hat.

«Vor 2014» sagt Layla «haben sich die Frauen übers Essen unterhalten. Heute tauschen sie sich über ihre Töchter und Söhne, Schwestern und Brüder in Europa oder den USA aus.» Mayan und ihr Mann Ali haben sich gemeinsam mit ihrer Tochter Layla und ihrem Sohn Khery in einem Haus am Ende des Dorfes im Provisorium eingerichtet. Koffer und Ansammlungen von Haushaltsgegenständen, Kleidern und ausgesondertem Kram hintertreiben die Anmutung von Wohnlichkeit, die die Sofas im Salon behaupten. Der Staubsauger ist kaputt. Die Wäsche trocknet über Polstermöbeln. Als würde sich nicht mal die Investition eines Wäscheständers lohnen. Sie haben sich nicht niedergelassen. Sie warten. Auf den Asylbescheid der USA.

«Layla!» Sie ist da. Für jeden, der hungrig ist, kocht sie eine Mahlzeit. Sie räumt die Teller ab, die die anderen stehen lassen. Sie bügelt den Anzug des Bruders. Layla ist 22 Jahre alt. Sie stand gerade vor dem Abitur, als sie um ihr Leben rennen musste. Jetzt hat sie einen neuen Anlauf genommen und versucht den Abschluss im Selbststudium zu erwerben. Bald muss sie zur staatlichen Prüfung nach Mossul. Ihre Zukunft erkämpft sie sich nachts. Tagsüber erfüllt sie die Bedürfnisse der anderen – die ihrer Eltern, ihrer beiden Nichten und ihres sechzehnjährigen Neffen. Ala, Haeen und Alaa sind die Kinder ihres ältesten Bruders Imaad. Seine Familie lebt in Kurdistan und Deutschland. Layla und Mayan geben den Kindern, soviel sie können. Ala, Haeen und Alaa leben mit ihnen im Haus in Sharya.

Seit vier Jahren schmerzt der Rücken. «Das provisorische Bett, die weichen Auflagen», vermutet Layla. Vielleicht liegt es auch an den kurzstieligen Reisigbesen, mit denen die Frauen Hof und Teppiche kehren. In gebückter Haltung. «Im ganzen Irak sind die Frauen zerstört. Die Männer kontrollieren alles. Heute sind die Männer besser. Meine Söhne Shivan, Imaad und Kheder und Naif sind besser zu ihren Frauen, als es ihr Vater war», sagt Mayan, die Mutter. «Männer kontrollieren alles», sagt auch Layla. Sie will es ändern – mit einem Jurastudium. Layla hat sich vorerst fürs Bleiben entschieden. «Ich wünschte, sie wäre bei ihren Geschwistern in Deutschland und könnte wie sie studieren.» Mayans Tochter Ina führt in Bonn inzwischen ihr Biologiestudium weiter, ihr jüngster Sohn Dachil studiert in Berlin freie Kunst, Alias belegt einen Masterstudienplatz für englische Literatur in Hannover.

«Ich wollte besser sein, als ich bin. Darum bin ich geblieben.» Layla verspürt keine Eifersucht auf das Leben der anderen. Sie verlässt das Haus selten. Der Schritt vor die Tür kann sie nicht über die Gegenwart hinaustragen. In Sharya schweift kein Blick in die Zukunft. Der ewigen Wiederkehr häuslicher Tätigkeiten begegnet sie mit wundersamem Gleichmut. Geduld hat sie wohl von ihrer Mutter gelernt. Mayan und Ali teilen ihr Leben seit 45 Jahren. «Ich musste mich in Geduld üben und ich versuchte ihm Geduld beizubringen.» Mayan lacht schallend. «Ich war sehr erfolgreich!» Ihr Mann hat sich über die Jahrzehnte verändert. Er ist nachsichtiger geworden, nicht mehr so zornig und seine Worte sind nicht mehr nur Befehl.

Layla lacht selten. Während sie den Haushalt bewältigt, sichert ihr Bruder Khery die Existenz der Familie. Der Elektroingenieur ist Professor an der Universität Dohuk und Manager in einer Family Mall, einem Einkaufszentrum in Dohuk. «Gehen oder bleiben, bleiben oder gehen?».  Der 32-jährige wägt ab und sagt in der nächsten Sekunde: «Ich werde gehen.» Seine Brüder Shivan, Kheder und Naif haben ihre Entscheidung bereits getroffen: Shivan, der Älteste, lebt mit seiner Familie in Nebraska, Kheder mit Frau und Kindern in Magdeburg, Naif hat sich mit seiner Familie in Berlin niedergelassen.

Drei der vier Töchter Mayans – Layla, Ghazal und Guly – sind geblieben. Oder besser: Layla, Ghazal und Guly blieben zurück. Oder etwa: Layla, Ghazal und Guly konnten, wollten, kamen nicht weg? Ghazal lebt am anderen Ende von Sharya. Guly, die älteste Tochter, ist nach Snony, in den Distrikt Shingal zurückgekehrt, in die Ungewissheit auf umstrittenem Gebiet unter irakischer Regierung. Shingal ist nicht der Verwaltung des kurdischen Autonomiegebietes unterstellt. Irakische Armee, PKK, YPG, Iranische Milizen, Hashd al Shaabi – Kampftruppen unterschiedlicher politischer Couleur halten den Distrikt Shingal in Schach. Wer nach Shingal zurückkehrt, hat meistens keine Alternative. Es fehlt das Geld, um anderswo ein Leben aufzubauen. Auch Guly's Familie hat es schwer. Es mangelt an allem, besonders an Arbeit, die Einkommen bringt. In Snony steht immer noch das Haus der Familie. Sie haben es gemeinsam vor siebenundzwanzig Jahren erbaut. Es hat das Massaker überdauert. Die islamistischen Terroristen haben es usurpiert und geplündert. Das Haus ist schön, ein imposantes Anwesen auf großem Grund, Mayans Zimmer ist ein prächtiger Salon «In Snony hatten wir einen Wäscheständer, wir haben ihn nicht mitgenommen», sagt Layla.

Es gibt Tage wie diesen, da schaut sich Mayan auf ihrem Handy die Videos an, die das Massaker und die Flucht der Jesid*innen im Jahr 2014 bezeugen. Und hört wieder den Appell von Nadja Murad, der jesidischen Friedensnobelpreisträgerin, an die Welt. Mayan hat keine Worte für das, was geschah. Sie weint, steht auf und kocht. «Weinen erleichtert mich.» Das Foto, das ihren Bruder in einer Blutlache zeigt, den Kopf abgetrennt, haben ihr Mann und die Söhne von ihrem Handy gelöscht. «Wäre ich im Alter von Layla würde ich das gleiche wollen wie sie: Ich würde Recht studieren, Schwerpunkt Human Rights, die Rechte aller Menschen.» Mayan hat erst als erwachsene Frau schreiben und lesen gelernt. Die Alphabetisierungsmaßnahmen unter Saddam Hussein sind weithin das Einzige, das den Menschen von seiner Herrschaft in positiver Erinnerung geblieben ist.

Die Mutter Mayan sitzt auf dem Bett, in dem in dieser Nacht ihr Sohn Imaad das vorerst letzte Mal schläft. In wenigen Stunden geht sein Flug nach Berlin. Er wird für sechs Monate bei seiner Frau und seiner Tochter Haala in Magdeburg bleiben. Leben zwischen den Welten. Für seine drei Kinder Aala, Haeen und Alaa gilt der Familiennachzug nicht. Haala ist 2015 ohne Eltern nach Deutschland geflohen. Nur Mutter und Vater dürfen nachkommen, nicht die Geschwister. So ist die Gesetzeslage. «Seit diesen Jahren, in denen alle meine Kinder in unterschiedliche Länder gegangen sind, denke ich nicht mehr über mein eigenes Leben als Frau nach. Ich denke nicht über mein eigenes Glück nach.» Mayans Worte begleiten Laylas Tun, die am Boden sitzend Kleidungsstücke ihrer Schwägerin sorgsam faltet und in einen Koffer stapelt. Noch hat Naam, Imaads Frau, keine Kleider in Deutschland gefunden, die ihr gefallen.

Mayans letzter Satz geht nicht mit auf die Reise: «Ich muss immer geduldig sein. Es ist sehr schwer. In meinem Alter die Kinder entschwinden zu sehen. Und jedes Mal wenn eines meiner Kinder geht, verschwinde ich ein kleines Stück.»


Nachtrag: Layla ist drei Tage nach der Abreise ihres Bruders Imaad für die letzten Wochen vor ihrer Prüfung ins Haus ihrer Schwester Ghazal gezogen, um in Ruhe arbeiten zu können. Ihre Mutter Mayan hat sie dorthin geschickt.
«Es geht um meine Zukunft!» Mit diesen Worten war sie erst mal weg. Layla!

 
Barbara Caveng, Sharya

Barbara Caveng
Barbara Caveng ist bildende Künstlerin und lebt in Berlin. Seit 2003 beschäftigt sie sich mit dem Mittleren Osten, insbesondere mit dem Irak. Im Jahr 2015 gründete sie das Projekt KUNSTASYL.

KUNSTASYL ist eine gemeinsame Initiative von Künstler*innen, Kreativen, Ansässigen und Ankommenden. Auch Dachil Sado kam 2015 nach Berlin. Der heute 26-jährige Kunststudent ist Jeside und lebte bis zu dem Massaker des «Islamischen Staates» an jesidischen Bewohner*innen des Shingal mit seiner Familie in Snony, Shingal. Sieben der insgesamt elf Geschwister flohen entweder in die USA oder nach Europa. Seine Eltern warten in dem jesidischen Dorf Sharya, unweit der nordkurdischen Stadt Dohuk, auf eine Ausreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten. Während einer vierwöchigen Reise durch die Autonomieregion Kurdistan in Nordirak versucht Barbara Caveng die komplexe Geschichte des Nordiraks zu erspüren und durch die Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen von ihnen zu lernen. Ein zehntägiger Aufenthalt bei Familie Sado steht im Zentrum ihrer Reise. Barbara Cavengs Erkundungen im Nordirak dienen auch der Vorbereitung eines großen Fotoprojektes, im Rahmen dessen die Familie Sado noch einmal zusammengeführt werden soll. Die hier in loser Reihe veröffentlichten Texte von Barbara Caveng basieren auf Reiseaufzeichnungen aus ihrem Tagebuch.