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Chinesische Sichtweisen auf die Korea-Problematik

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November 2017

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N. Korean laborers head to work in China economic zone across border
Nordkoreanerinnen auf dem Weg zur Arbeit in die chinesisiche Wirtschaftszone jenseits der nördlichen Grenze in Tumen, Provinz Jilin (Januar 2015), picture alliance/Kyodo

Wer sich ein Bild vom Stand und den Perspektiven der chinesisch-koreanischen Beziehungen machen möchte, muss sich zunächst in die sumpfigen Niederungen der Geschichte begeben. Gut 2000 Jahre gilt es zu durchmessen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, welche Höhen und Tiefen das bilaterale Verhältnis bislang durchlaufen hat.[1]
 

Historisch-politische Hintergründe

An dieser Stelle nur so viel: Der Aufstieg der chinesischen Ming-Dynastie (1368–1644) sowie Koreas interne Instabilitäten ließen koreanische Potentaten zunehmend die Nähe Chinas suchen. Nachdem sich General Yi Seong-gye mithilfe der Ming 1392 an die Macht geputscht hatte, stand dem Siegeszug der chinesischen «Leitkultur» auf der koreanischen Halbinsel nichts mehr im Wege: Die Lehrsätze des Konfuzius breiteten sich in Windeseile aus, prägten Koreas Aristokratie, Bildungssystem und Verwaltungsstrukturen bis ins frühe 20. Jahrhundert.

China erwies sich dabei als «milder großer Bruder»: Koreas Machthaber ließ man gewähren, forderte «Bündnistreue» nur dann, wenn externen Mächte ihr Augenmerk auf die Halbinsel richteten. So geschehen 1593, als China Truppen entsandte, um eine japanische Invasion unter Toyotomi Hideyoshi zu verhindern. Koreas Machthaber revanchierten sich knapp 20 Jahre später, als sie den Ming auf Anfrage 10.000 Soldaten zur Niederschlagung eines Aufstandes der Mandschu[2] zur Verfügung stellten. Zwar wurden die Ming letztlich von den Mandschu gestürzt – auf das koreanisch-chinesische Verhältnis hatte dies jedoch keinerlei größere Auswirkungen. Koreas Machthaber blieben sich selbst überlassen, durften lediglich keine selbstständige Außenpolitik betreiben.

Für diese Art «Sonderbeziehung» fand sich schnell ein passender Begriff: sadae (chinesisch: shida) – «Mit dem Großen umgehen» oder «dem Großen dienen».

Für Korea, so Koreanistin Alina Koshewnikowa, sei dieses Arrangement durchaus von Vorteil gewesen: «Zum einen ging vom chinesischen Imperium keine unmittelbare Gefahr mehr aus. Zum anderen war China im Falle einer Invasion auf der koreanischen Halbinsel einfach gezwungen, Korea als seinem Vorposten an der Nordostgrenze beizustehen. Im Ergebnis konnte der koreanische Staat auf umfangreiche Streitkräfte verzichten (von einer recht starken Flotte für den Kampf gegen japanische Piraten einmal abgesehen). Außerdem gehörte China zu den kulturell und technologisch am weitesten fortgeschrittenen Staaten, sodass eine Zusammenarbeit der Entwicklung Koreas durchaus förderlich war. Für ein kleines und ziemlich schwaches Land, umgeben von aggressiven Nachbarn, eine durchaus weitsichtige Taktik. Indem es zwischen großen Mächten lavierte und dabei seine eigenen nationalen Interessen nicht aus den Augen verlor, konnte Korea seine Staatlichkeit erhalten, was durchaus für die Güte der gewählten Strategie und Diplomatie spricht.»[3]

Aber auch China konnte allem Anschein nach mit diesem Arrangement leben: Bis weit ins 19. Jahrhundert blieb sadae/shida das bestimmende Prinzip koreanisch-chinesischen Miteinanders. Die Situation änderte sich erst, als vor der koreanischen Küste erneut japanische Kriegsschiffe auftauchten und Korea im Vertrag von Kanghwa (1876) gezwungen wurde, als «souveräner Staat» exklusive Beziehungen mit Japan einzugehen. China, selbst bedrängt durch ausländische Mächte, hatte dem wenig entgegenzusetzen. Nach seiner Niederlage im Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg musste es im Vertrag von Shimonoseki (1895) mehrere Gebiete (u.a. Taiwan) an Japan abtreten und Koreas «Unabhängigkeit» anerkennen.

Im 20. Jahrhundert erlebten die chinesisch-koreanischen Beziehungen eine erhebliche Personalisierung. Anfang der 1930er Jahre vereinigten sich koreanische und chinesische Partisanen und Partisaninnen unter dem Dach der chinesisch dominierten Vereinigten Antijapanischen Nordostarmee (dongbei kangri lianyun). Einer ihrer bedeutendsten Führer war Kim Il-sung, der spätere erste Regierungschef Nordkoreas (1947) und Großvater des heutigen nordkoreanischen Führers Kim Jong-un. Fließend in Mandarin und ein frühes Mitglied der koreanischen kommunistischen Bewegung, knüpfte er behände Kontakte zu den späteren Führern der 1949 gegründeten Volksrepublik China.

Gleichzeitig blieb er zeit seines Lebens China gegenüber misstrauisch. Deutlich zeigte sich dies während des Korea-Kriegs (1950–1953), als Kim sich weigerte, das Kommando über die Freiwilligenarmee des Chinesischen Volkes (zhongguo renmin zhiyuan jun) Peking zu überlassen. Bemerkenswert auch seine Versuche, durch gezielte Sprachreformen den Einfluss des Chinesischen auf der koreanischen Halbinsel zurückzudrängen. Oder die Entschlossenheit, mit der er ebenfalls in den 1950ern die Zerschlagung der sogenannten Yanan-Gruppe, einer einflussreichen prochinesischen Strömung innerhalb des nordkoreanischen Machtblocks, betrieb. 

Derartiges Misstrauen war durchaus berechtigt: Nicht nur, dass 1956 mit Pekings (und Moskaus) Rückendeckung versucht wurde, Kim zu stürzen. Auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und den USA Anfang der 1970er Jahre sowie zwischen China und Südkorea Anfang der 1990er löste bei Nordkoreas Führer erhebliche Irritationen aus. Da half auch keine großzügige Wirtschaftshilfe seitens des «großen chinesischen Bruders.» Zu sehr unterschieden sich ihre prinzipiellen Herangehensweisen an die Korea-Problematik: Während für Kim die «Wiedervereinigung» absolute Priorität hatte, standen für Mao Zedong und Deng Xiaoping die Stabilität auf der Halbinsel im Vordergrund.

Der Tod Kim Il-sungs 1994 markierte den endgültigen Übergang von personalisierten Partei- zu entpersonalisierten Staatsbeziehungen zwischen Peking und Pjöngjang. Kims Sohn und Nachfolger Kim Jong-il bekam dies mit aller Deutlichkeit Ende der 1990er Jahre zu spüren, als der damalige chinesische Vizeaußenminister Tang Jiaxuan sinngemäß verkündete, es sei illusionär zu glauben, China werde aufgrund des 1961 zwischen beiden Ländern geschlossen Freundschafts- und Beistandsvertrages automatisch auf der koreanischen Halbinsel militärisch intervenieren. Dass Peking an einer Neufassung des 1961er Vertrages stark interessiert war, zeigte sich spätestens 2010, als Dai Bingguo, damals Verantwortlicher Sekretär der Führungsgruppe für Auswärtige Angelegenheiten des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (ZK der KPCh), der Führung in Pjöngjang unmissverständlich klarmachte, dass Nordkorea, sollte es Südkorea angreifen und damit einen größeren militärischen Konflikt provozieren, nicht auf Pekings Unterstützung hoffen könne.

Am deutlichsten trat der chinesische Sinneswandel hinsichtlich der nuklearen Ambitionen Nordkoreas zutage: Hatte Peking Anfang der 1990er Jahre noch davor gewarnt, Pjöngjang unter Druck zu setzen, und darauf bestanden, dass alle das Atomprogramm betreffenden Fragen in direkten Gesprächen zwischen Nordkorea und der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), zwischen Nordkorea und den USA sowie zwischen Nordkorea und Südkorea zu klären seien, ließ die chinesische Führung im Mai 2009 halboffiziell verlauten, China könne nicht länger die «extrem abenteuerliche Politik» Pjöngjangs gutheißen: Chinas «grundlegendes Interesse» sei regionale Stabilität, was die «Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel» einschließe. Wolle China eine «Weltmacht» sein, müsse es seine «Verpflichtungen» gegenüber der Weltgemeinschaft über die Pjöngjangs stellen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen kann es nicht wirklich verwundern, dass auch Nordkoreas derzeitiges Staatsoberhaupt Kim Jong-un (2011 nach dem Ableben seines Vaters an die Macht gekommen) China gegenüber misstrauisch bleibt. Die Hinrichtung seines Onkels Jang Song-thaek (2013) sowie das tödliche Attentat auf seinen Halbbruder Kim Jong-nam (2017) sollten in diesem Lichte gesehen werden: Beide waren enge Vertraute Pekings; beiden wurde unterstellt, gegen Kim den Jüngeren zu konspirieren. Ganz offensichtlich hat Kim jong-un 1956 nicht vergessen …

Gleichwohl dürfte auch ihm klar sein, dass er auf Chinas Beistand gerade jetzt nicht verzichten kann: Nicht nur, dass Peking nach wie vor gebraucht wird, um Pjöngjangs internationale Interessen diplomatisch abzusichern, auch die Fortsetzung der bereits unter seinem Vater begonnenen Wirtschaftsreformen können nur so lange als «innere Angelegenheit» vorangetrieben werden, wie Peking seine schützende Hand über den «kleinen Bruder» hält (nichts fürchten Nordkoreas Machthaber mehr als ein «ostdeutsches Szenario»).
 

Analytisches Wirrwarr

Wie aber stellt sich die Situation aus chinesischer Sicht dar? Im Frühjahr 2017 versuchte sich Zhou Xiaojia von der renommierten Schanghaier Fudan-Universität an einer Zusammenfassung der laufenden Debatte.[4] Sein Fazit: Chinas Korea-Expertinnen und Experten sind sich in ihren Einschätzungen alles andere als einig.

So seien für die einen die gegensätzlichen Interessenlagen Chinas und der USA hauptverantwortlich für die entstandene Situation: Während Peking in erster Linie an regionaler Stabilität gelegen sei, was Nordkoreas Recht auf die friedliche Nutzung der Kernenergie nicht grundsätzlich ausschließe, insistierten die USA auf der bedingungslosen Denuklearisierung Nordkoreas (Fan Jishe, Yang Xiyu). Hinzu komme fehlendes Vertrauen (Li Kaisheng).

Andere sehen allein die USA als Hauptschuldigen: Mit seiner harten, unflexiblen Haltung habe Washington Pjöngjang in die Ecke gedrängt; Kims Griff nach der Bombe sei pure Selbstverteidigung (Xu Ning).

Wieder andere konzentrieren sich in ihrer Kritik auf China und Russland: Pjöngjangs Nuklearprogramm sei vor allem der widersprüchlichen Politik Pekings auf der koreanischen Halbinsel geschuldet (Liang Yunxiang). Man habe Nordkorea nach dem Kaltem Krieg sicherheitspolitisch im Regen stehen lassen (Zhu Feng): Sowohl China als auch Russland hätten es versäumt, über Nordkorea einen nuklearen Sicherheitsschirm aufzuspannen (Wang Xiaobo).

Und noch andere schieben Nordkorea den Schwarzen Peter zu: Vor allem mit seiner 2009 beschlossenen «Militär-zuerst»-Politik (songun), die der Verteidigungsbereitschaft Vorrang vor allem anderen einräume, habe Pjöngjang wesentlich zur Destabilisierung der sicherheitspolitischen Situation auf der koreanischen Halbinsel beigetragen (Wang Sheng).

So widersprüchlich wie die Analysen fallen denn auch die Politikempfehlungen aus.

Die einen merken vorsichtig an, Peking dürfe Pjöngjang nicht weiter gegen sich aufbringen. Gleichzeitig müsse verhindert werden, dass Nordkorea im Chaos versinke. Beides erfordere einen flexiblen Politikansatz (Shi Yinhong, Pang Zhongying), eine Vertiefung der wirtschaftlichen und politischen, jedoch nicht unbedingt der militärischen Zusammenarbeit (Hu Bo).

Anderen geht dies nicht weit genug: Peking habe die Wahl: ein nukleares Nordkorea, das sich China gegenüber feindlich verhalte – oder ein nukleares Nordkorea, das sich China gegenüber nicht feindlich verhalte; Peking sei kaum in der Lage, Nordkorea vom nuklearen Pfad abzubringen. Sanktionen schadeten mehr als sie nützten. Die einzige Chance seien nukleare Sicherheitsgarantien seitens Chinas und Russlands (Yan Xuetong, Dai Xu). 

Wieder andere wollen davon gar nichts hören: Peking müsse gegenüber Pjöngjang eine harte Haltung einnehmen: Nordkorea habe die Situation auf der Halbinsel bewusst zugespitzt, von Peking gezogene rote Linien überschritten und damit Chinas Interessen geschadet. Die wirtschaftliche Unterstützung müsse reduziert bzw. eingestellt, die Sanktionen verschärft werden. Es sei höchste Zeit, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten, militärische eingeschlossen (Chu Shulong).
 

Geoökonomische Implikationen 

Nicht weniger ambivalent ist Pekings gegenwärtige Politik gegenüber Nordkorea. Stichwort: UN-Sanktionen. Im September 2017 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat Resolution 2375, die achte Resolution nach Pjöngjangs erstem Atomtest im Jahre 2006. Den Druck weiter erhöhend, dreht sie Nordkorea das Gas ab, beschränkt Pjöngjangs Zugriff auf Rohöl und Produkte der Ölindustrie, untersagt den Import von Textilien aus Nordkorea, ermöglicht strengere Inspektionen von Schiffen auf hoher See, verbietet die Beschäftigung nordkoreanischer Arbeitskräfte im Ausland und verlangt die Schließung gemeinsamer Unternehmen.

Offiziell trägt China all dies mit – aber erst, nachdem es sich wie in der Vergangenheit einige Schlupflöcher gesichert hat: Die Sanktionen greifen nicht, falls es sich um Lebensnotwendiges handelt. Darunter kann sehr viel verstanden werden, offenbar auch gemeinsame chinesisch-nordkoreanische Wasserkraftwerksprojekte oder der Transport von Kohle zwischen dem nordkoreanischen Hafen Rajin und dem russischen Chassan, dem faktischen Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn.[5]

Ganz offensichtlich ist Peking nicht an allzu drakonischen Sanktionen gegen Nordkorea interessiert. Die gängige Erklärung dafür lautet, das Reich der Mitte fürchte den Kollaps des wirtschaftlich überaus morschen Pjöngjanger Regimes und damit einhergehende Flüchtlingsströme in Richtung Norden.

Aber steht Nordkoreas Wirtschaft wirklich kurz vor dem Zusammenbruch? 

Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass die unter Kim Jong-il begonnenen Wirtschaftsreformen langsam, aber sicher greifen: Die Landwirtschaft hat auf Familienproduktion umgestellt, grüne Märkte schießen überall wie Pilze aus dem Boden; Industriemanager genießen größere Freiheiten, können zu Marktpreisen produzieren und verkaufen sowie eine «flexible» Personalpolitik betreiben; Privatunternehmer und Schwarzmarkthändler, darunter nicht wenige Dollarmillionäre, werden nicht länger verfolgt, sondern ermutigt, ihr Geld in private und staatliche Projekte zu investieren; das Wirtschaftswachstum liegt nach Expertenmeinung bei gut drei Prozent; Hungersnöte scheinen der Vergangenheit anzugehören: landesweit wächst der materielle Wohlstand: privates Geld befeuert einen nie dagewesenen Bauboom, Restaurants und Cafés werden von Nordkoreas Neureichen belagert, und Pjöngjang erlebt seine ersten Verkehrsstaus.[6]

Nein, nicht der drohende Kollaps Nordkoreas dürfte Peking umtreiben, sondern vielmehr die Frage, wie der vom Kim-Clan eingeschlagene Kurs verstetigt werden kann. Denn dies wäre doch eine wichtige Voraussetzung für die Verwirklichung eigener ambitionierter Pläne nicht nur zur Entwicklung des chinesischen Nordostens, sondern auch und vor allem zur Schaffung einer geoökonomischen Ost-West-Infrastruktur zu Land und zu Wasser, in denen Nordkorea eine wesentliche Rolle zugedacht ist.

Die Grundlagen dafür wurden in den letzten Jahren im chinesisch-nordkoreanischen Grenzgebiet gelegt, wo sich der bilaterale Handel konzentriert. Sein wichtigster Standort auf chinesischer Seite ist die bezirksfreie Millionenstadt Dandong, direkt am Grenzfluss Jalu gelegen, gegenüber dem 350.000 Einwohner zählenden nordkoreanischen Sinuiju. Hunderte nordkoreanische Handelsvertreter gehen hier relativ unbehelligt von Pjöngjang ihren Geschäften nach. Gehandelt (geschmuggelt) werden Rohstoffe, Meeresprodukte, Kleidung, Küchengeräte, Heimelektronik, Heizkörper, Kleinbusse etc. pp. In Fisch- und Textilbetrieben arbeiten, streng separiert von der übrigen Bevölkerung, rund 20.000 Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner.[7] Wie viele von ihnen aufgrund der jüngsten UN-Sanktionen Dandong inzwischen dauerhaft verlassen haben, lässt sich nicht wirklich feststellen.

Dass es dennoch Probleme gibt, davon zeugt insbesondere die neue Brücke über den Jalu. Von chinesischer Seite bereits 2014 fertiggestellt, endet sie auf nordkoreanischer Seite nach wie vor im Nichts. Offensichtlich, weil man dort der Meinung ist, es handle sich nicht um ein gemeinsames, sondern ein chinesisches Projekt, das dementsprechend von China auch komplett getragen werden solle.

Doch scheint sich Peking von derartigen Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Denn längst denkt es über den bilateralen Tellerrand hinaus, arbeitet im Länderdreieck China-Nordkorea-Russland an der Umsetzung eines geoökonomischen Großprojekts. Dabei soll Hunchun eine Schlüsselrolle zukommen, einer (noch) 280.000 Seelen zählende Kreisstadt im «Autonomen Bezirk Yanbian der Koreaner», gleich gegenüber der nordkoreanischen Millionenstadt Hamgyong-pukto – und nur einen Steinwurf entfernt vom russischen Chassan.

Hunchun liegt in der Provinz Jilin (Hauptstadt: Changchun), neben Heilongjiang (Hauptstadt: Harbin) und Liaoning (Hauptstadt: Shenyang) eine der drei Nordostprovinzen Chinas. Diese «zu öffnen und zu entwickeln» ist seit Langem Ziel chinesischer Strategieplaner. Mit der systematischen Heranführung kritischer Verkehrsinfrastruktur an die nordkoreanische Grenze (Hochgeschwindigkeitsbahntrassen Shenyang-Dandong, Changchun-Hunchun, sowie Bahntrasse Hunchun-Machalino/Chassan) wird deutlich, dass Peking weitergehende Pläne verfolgt: In unmittelbarer Nähe Hunchuns liegt der nordkoreanische Hafen Rajin. Nach Meinung chinesischer Beobachter[8] könne Letzterer nicht nur Nordostchina mit den reicheren Südprovinzen des Landes verbinden, sondern auch zu einem maritimen Verkehrsknotenpunkt ausgebaut werden, der die Länder der Region (China, Russland, Japan sowie Süd- und Nordkorea) miteinander verflechte. Damit wüchse letztlich auch die Bedeutung Jilins für die Realisierung der ambitionierten «Ein Band – Eine Straße» [yidao yilu]-Strategie bzw. «Neue Seidenstraße» [xinzhizhuyilu]-Strategie Pekings.
 

PS: Nordostasien als geschichtsrevisionistisches Konstrukt

Zur ideologischen Absicherung dieses Mammutprojektes griff Peking bereits vor Jahren ganz tief in die geschichtsrevisionistische Trickkiste. 2002 startete das Zentrum für das Studium der Geschichte und Geographie des Grenzlandes der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften ein mehrjähriges «Forschungsprojekts zur Geschichte und dem gegenwärtigen Status der nordöstlichen Grenzregion» (Jilin, Heilongjiang, Liaoning), kurz «Nordostprojekt» (dongbei gongchen) genannt. 

Im Fokus entsprechender Studien: das protokoreanische Königreich Goguryeo (chinesich: Gaogouli), das von 37 v.u.Z. – 668 existierte.[9]

Zwei zentrale Argumente machten dabei schnell die Runde: 

1. Der Staat Goguryeo sei aus der Präfektur Xuantu der chinesischen Han-Dynastie (206 v.u.Z.–220) erwachsen. Nicht nur Goguryeo, sondern auch Balhae (Bohai) seien vom tungusischen Volk der Mohe gegründet worden und hätten zur Tang-Dynastie (618–907) gehört: «Während der Sui-Dynastie (581-618) und Tang-Dynastie lebten die Mohe entlang der Flüsse Songhua (Sumo Mohe) und Heilong (Heishui Mohe). In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts wurden die Sumo-Mohe stärker. Ende des 7. Jahrhunderts vereinigte Sumo-Führer Da Zuorong alle Stämme und formte eine Regierung. Später wurde er von Tang-Kaiser Xuanzong zum König der Präfektur Bohai erklärt. Infolge bezeichnete sich die Sumo-Mohe-Regierung als Bohai.»[10]

2. Die Gaogouli/Goguryeo seien «eine einflussreiche ethnische Gruppe in Chinas nordöstlicher Grenzregion zwischen der westlichen Han-Dynastie (206 v.u.Z.–24) und der Tang-Dynastie (618–907)» gewesen: «In den sieben Jahrhunderten zwischen den Dynastien der Han und Tang haben aufeinander folgende dynastische Führer auf unterschiedliche Art und Weise regiert, aber sie alle hielten daran fest, dass das Territorium unter dem lokalen Gaogouli-Regime Teil des Alten Chinas war ... Nach dem Niedergang des Gaogouli-Regimes versuchten nicht wenige Gaogoulis, in den Verwaltungsstrukturen der Tang-Dynastie unterzukommen […] Historiker glauben, dass die meisten Gaogoulis von der ethnischen Gruppe der Han assimiliert wurden …».[11]

Wie Andrei Lankow unterstreicht, fiel Pekings jüngste geschichtsrevisionistische Offensive zusammen mit der Zunahme chinesischer Aktivitäten in Nordkorea. Das, was heute die Demokratische Volksrepublik Korea sei, als «historischen» und «integralen» Teil Chinas zu präsentieren, mache daher durchaus Sinn. Dies umso mehr, als radikale südkoreanische nationalistische Historiker seit Jahren die «Mandschurische Frage» stellten, und darauf bestünden, dass die gewaltigen Territorien des chinesischen Nordostens, einst die Gefilde der Goguryeo-Herrscher, dem «rechtmäßigen Besitzer», das heißt dem heutigen koreanischen Staat zurückgegeben werden sollten.[12]

Während die mandschurischen Ansprüche keinerlei offizielle Unterstützung erfahren, sieht es bei den Gando-Forderungen etwa anders aus:

1909 unterzeichneten Japan («in Vertretung» Koreas) und China die sogenannte Gando-Konvention, in der Japan Chinas Anspruch auf Gando (chinesisch: Jiandao) (heute der bereits erwähnte «Autonome Bezirk Yanbian der Koreaner»!) anerkannte und dafür Eisenbahnkonzessionen in Nordostchina (der damaligen Mandschurei) erhielt. 

In den vergangenen Jahren, so Lankow, sei deutlich geworden, dass viele Koreaner (mit durchaus offizieller Rückendeckung) die Revision des Vertrages von 1909 forderten. Da nutze es herzlich wenig, dass die beanspruchten Gebiete zu ungefähr einem Drittel von ethnischen Koreanern bevölkert würden, die sich bislang mehrheitlich loyal gegenüber Peking verhielten. 

Die Koreaner, forderte schon Shin Chae-ho (1880–1936), der Begründer der koreanischen ethnischen nationalistischen Historiographie (minjok) sollten sich nicht länger vor den Chinesen kleinmachen: sadae entwerte die ethnischen Ursprünge des koreanischen Volkes und Staates und presse die koreanische Geschichte in einen konfuzianistischen Interpretationsrahmen; die modernen Koreaner und das mandschurische Volk bildeten eine einheitliche Rasse, die einen angestammten Anspruch sowohl auf Korea als auch auf die Mandschurei hätten.

In Nordkorea seit jeher hoch verehrt, in Südkorea seit den 1960ern durchaus eine wichtige Referenz, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, dass Shins Ideen in die laufende Debatte eingespeist werden.

Wie Peking damit umgehen wird, bleibt abzuwarten. Auf alle Fälle dürfte der Verweis auf «eherne» Prinzipien wie sadae/shida immer weniger verfangen, die ahistorische Eingliederung protokoreanischer Reiche in Chinas Nationalgeschichte mehr Probleme schaffen als lösen. Wahrscheinlich müsste Peking endlich über seinen Schatten springen und kollektiv nach Wegen suchen, die es allen Beteiligten ermöglichen, von nationalen auf transnationale Geschichtsnarrative umzuschalten. Die Voraussetzungen dafür sind eigentlich gegeben: Jahrhundertelang, so Yonson Ahn, seien die Grenzen zwischen China, der Mandschurei und Korea flüssig und durchlässig gewesen, was zu kultureller und historischer Hybridität multipler Staaten und Völker in den nordostasiatischen Grenzgebieten geführt habe …[13]

Die Frage ist nur: sind die Länder der Region bereit, aus dieser historischen Tatsache die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen?
 

Peter Linke, unabhängiger Analyst, Berlin

 


[1] Für einen prägnanten Überblick siehe Mansourov, Alexandre: Lessons of History and Contemporary Challenges in Korean-Chinese Relations: «Will Flowers Bloom without Fragrance?», in: Harvard Asia Quarterly, Spring 2009, unter: https://web.archive.org/web/20080108074830.

[2] Für eine knappe Einführung in die Mandschurei-Problematik siehe Glushakov, P.I.: Mandshurija – Ekonomiko-geografitscheskoje opisanije [Die Mandschurei – Eine wirtschaftlich-geographische Beschreibung], Moskau 1948.

[3] Koshewnikowa, Alina: Prinzip «sade» w korejsko-kitajskich otnoschenij: istorija i sowremennost [Das Sadae-Prinzip in den koreanisch-chinesischen Beziehungen: Geschichte und Gegenwart], in: Meshdunarodnyj studentscheskij nautschnyj westnik [Internationaler studentischer Wissenschaftsbote] 6/2015, unter: www.eduherald.ru/ru/article/view?id=13401.

[4] Zhou Xiaojia: Chaoxian he wenti yu zhongguo xuezhi de guan dian [Die nordkoreanische Nuklearfrage aus der Sicht chinesischer Forscher], in: Heping yu fazhan [Frieden und Entwicklung] 3/2017, unter: www.cqvip.com/qk/82051x/201703/672517942.html.

[5] United Nations: Security Council Imposes Fresh Sanctions on Democratic People’s Republic of Korea, Including Bans on Natural Gas Sales, Work Authorization for Its Nationals: Resolution 2375 (2017) Also Takes Humanitarian Situation into Account as Members Urge Resumed Talks on Denuclearizing Korean Peninsula, 11.9.2017, unter: www.un.org/press/en/2017/sc12983.doc.htm.

[6] Lankov, Andrei: Kim Jong Un is a survivor, not a madman, in: Foreign Policy, 26.4.2017, unter: http://foreignpolicy.com/2017/04/26/kim-jong-un-is-a-survivor-not-a-madman/.

[7] Lankow, Andrej: Rynotschnaja ekonomika Sewernoj Korei: kak ustroena wneschnjaja torgowlja KNDR [Die Marktwirtschaft Nordkoreas: Wie funktioniert der Außenhandel der KDVR], in: Meduza, 11.10.2016, unter: https://meduza.io/feature/2016/10/11/.

[8] Xu Neiming: Hunchun jilin lan hai meng de wie yi xi wang [Hunchun, die einzige Hoffnung für Jilins Hochseeträume], in: National Geographic (Chinesische Ausgabe), April 2017, unter: www.dili360.com/cng/article/p5912873e4631987.htm.

[9] Siehe Ahn, Yonson: Competing Nationalisms: The mobilisation of history and archaeology in the Korea-China wars over Koguryo/Gaogouli, in: The Asia-Pacific Journal, 16.2.2006.

[10] Siehe Renmin jiaoyu chubanshe lishixi [Abteilung für Geschichte der Volksbildungspresse]: in: Zhongguo lishi [Geschichte Chinas] II, Peking 2004, S. 16, zit. nach: Ahn: Competing Nationalisms.

[11] Ma Dazheng: Gaogouli Role in Chinese History Traced, in: China Daily, 24.6.2003, unter: www.china.org.cn/english/2003/Jun/67908.htm.

[12] Lankov, Andrei: The legacy of long-gone states, in: Asia Times, 16.9.2006, unter: www.atimes.com/atimes/Korea/HI16Dg01.html.

[13] Siehe Ahn: Competing Nationalisms, S. 13.