Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Geschlechterverhältnisse - International / Transnational - Amerika - Mexiko / Mittelamerika / Kuba - Feminismus Unsere Körper sind unsere Territorien

Gewalt gegen Frauen im Privaten und in der Öffentlichkeit dürfen nicht als zwei unterschiedliche Phänomene betrachtet werden.

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Artikel

Autorin

Emanuela Borzacchiello,

Erschienen

März 2019

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#NiUnaMas: «Keine Frau weniger, kein Mord mehr»
«Ni una menos» ist die derzeit wohl bekannteste feministische Bewegung aus Lateinamerika, die auch hier in Europa ihre Ableger findet. Was jedoch nur Wenige wissen: Die Forderung «Keine Frau weniger, kein Mord mehr» (#NiUnaMas, #KeineMehr) ist zurückzuführen auf die Poetin und Aktivistin Susana Chávez aus der Stadt Ciudad Juaréz an der mexikanischen Nordgrenze. CC BY-NC-ND 2.0, Colectivo La Luz, via Flickr

Wenn von «Geographien der Gewalt» die Rede ist, muss ebenso über «Körper» und «Territorien» gesprochen werden. Auch der Blick nach Wirkung und Zweck der ausgeübten Gewalt steht dabei im Vordergrund. In unserem ersten Blogtext geht Emanuela Borzacchiello genau diesen Verknüpfungen auf den Punkt. Sie geht der Frage nach, warum und wie Gewalt gegenüber Frauen zur Beherrschung des Territoriums dient.
  

In den Jahren zwischen 1970 und 1980 «nach dem Massaker an Student*innen in Tlatelolco am 2. Oktober 1968, hatte alle Welt Angst, auf der Straße zu demonstrieren.» Marta Acevedo[1] erinnert sich gut an das Gefühl, das ein Massaker hinterlässt: Die Angst macht es unmöglich, sich in öffentlichen Räumen zu bewegen. Marta erinnert sich auch daran, dass «in den siebziger Jahren die feministischen Gruppen die ersten waren, die öffentliche Räume sich kollektiv wieder zu eigen machten.»[2]

Um den Gegner zu verblüffen und die eigenen Ängste zu überkommen, entschieden sich die Frauen, die Strategie der traditionellen Demonstrationszüge mit ihrem militärischen Format aufzulösen: Es war nicht mehr das Ziel, gegen das Zentrum formeller Macht zu marschieren. Sie liefen nicht mehr vom Unabhängigkeitsdenkmal bis zum Platz vor dem Regierungspalast. Sie protestierten nicht mehr auf den Stufen des Abgeordnetenhauses oder des Senats. Die feministische Künstlerin Mónica Mayer erzählt, dass die Frauen entschieden, sich zu verkleiden und auf Plätzen, Straßen und in verschiedenen Vierteln

Performances zu organisieren: «Die Performances thematisierten sexuelle Gewalt. Ein Stück, das wir entwickelten, hieß ‹Der Respekt vor dem anderen Körper ist Frieden, oder: Der böse Blick den Vergewaltigern[‹dar mal de ojo›], und wir organisierten ein Ritual, bei dem wir Vergewaltiger mit dem bösen Blick verfluchten. Wir nutzten Humor, um uns Gehör zu verschaffen.»[3]  Ihre politische Performance prangerte den Schrecken einer alltäglichen Hölle an. Sie nahmen eine politische Position ein, die nicht einfach Protest, sondern vielmehr Ereignis war.

Der Kongress «Geographien der Gewalt. Macht und Gegenmacht in Lateinamerika» bietet einen Raum für einen kritischen Dialog über die gegenwärtigen Tendenzen und Strategien der Abgrenzung, Ausbeutung und Herrschaft und neue, kreative Formen des Widerstands. Die Veranstalter interessieren insbesondere die weltweiten Zusammenhänge der Gewalt, wie auch ihre räumliche Differenzierung.
Der Kongress findet vom 13. bis 15. Juni 2019 in Frankfurt am Main statt. Eine Anmeldung ist ab dem 1. April auf Konferenzseite geographien-der-gewalt.com möglich.

Die Autorin dieses Textes Emanuela Borzacchiello nimmt als Referentin bei dem Kongress teil.

Mein Körper ist ein Schlachtfeld

Heute wandeln sich die Formen der Gewalt. Wer ein Territorium beherrschen will, muss es markieren, muss seine Grenzen ziehen. Um das zu erreichen, werden Körper benutzt. Vor allem die Körper von Frauen oder zumindest verweiblichte Körper.[4] In unseren Leben liegt ein politisches Potential, das Territorien transformieren kann. Wer unseren gefolterten, verlassenen und am Straßenrand entsorgten Körpern folgt, kann verstehen, wie sich die Gewalt in Mexiko-Stadt, sowie im gesamten Land, quantitativ und qualitativ verändert. Heute will der Täter nicht mehr die Spuren seines Mordes verwischen. Und so wissen alle, wer die Macht in den Händen hält, wer die Angst verwaltet, wer die Entscheidungen treffen kann.[5]

Im Bezirk Miguel Hidalgo in Mexiko-Stadt treffe ich Rosa. Ich gehe ein Stück mit ihr und versuche herauszufinden, wie sich ihr Viertel in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. Sie begleitet mich zu der Straße, in der ihre Schwester gefunden wurde. Fast nackt, mit geöffneten Beinen und einer Kugel in der Brust.

Es hilft, die Form des Mordes zu analysieren, um die Szenerie zu entschlüsseln. Um die soziale Kontrolle über einen Körper zu gewinnen, muss er sich selbst entrissen werden. Er wird gedemütigt und einem andauernden Prozess der Plünderung durch Enteignung unterworfen. Ein gewalttätiges System bringt Formen der Erniedrigung hervor, die unsere Fähigkeit zum Widerstand brechen. Während des Zweiten Weltkrieges schlugen sich in den Konzentrationslagern Rituale zur moralischen Plünderung auf die Körper nieder: «Ins Gesicht schlagen, die Haare abrasieren, in Lumpen kleiden».[6] Es ist eine chirurgische Methode der Plünderung, weil sie sich auf Details konzentriert und bei den Subjektivitäten, auf die sie abzielt, verschiedene Effekte hervorbringt.

Rosa sagt mir, dass der Mörder ihrer Schwester deren Ehemann sei. Er bringt sie im Haus um, lässt sie aber nicht dort. Heutzutage will der Täter nicht mehr die Spuren seines Feminizids verwischen. Er stellt den Körper der Frau im öffentlichen Raum zur Schau, nahe des Marktes, an einer Ecke, die für die Dynamik der Kontrolle des Viertels eine wichtige Rolle spielt. Rosa erklärt mir, dass von dieser Ecke aus das Territorium mitsamt der illegalen Ökonomie, die sich vom Markt bis zur Hauptstraße erstreckt, kontrolliert wird. Es gibt ein Schlüsselelement für Rosa: ihr Schwager wollte in die wichtigste Gang des Viertels aufgenommen werden, die genau diese Ecke für sich in Anspruch nehmen wollte.

Die Karte zur Kontrolle des Territoriums wird entlang klarer Richtlinien gezeichnet und definiert:

  1. Enteignung des Körpers: Er tötet die Frau im sichersten aller Räume, ihrem Zuhause.
  2. MoralischePlünderung: Er entkleidet und entwürdigt sie, indem er ihren Körper an einem Ort ihres alltäglichen Lebens ausstellt.
  3. Plünderung-Enteignung des Körpers, um sich des Territoriums zu bemächtigen: Er benutzt den Körper der Frau, um seine Macht in der Gemeinschaft zu beweisen, und kann durch die Zerstörung der affektiven Bindung nicht nur seine Macht behaupten, sondern auch seine Fähigkeit unter Beweis stellen, diese auch auszuüben.

Unsere Körper, unsere Territorien

Heute ist es dringend notwendig, die Verbindung zwischen öffentlichen und privaten Räumen zu artikulieren. Die Gewalt im Privaten sollte nicht als ein von öffentlichen Räumen getrenntes Phänomen betrachtet werden. Es gilt zu zeigen, dass die im öffentlichen Raum erfolgte Gewalt immer stärker jene Merkmale aufweist, wie sie auch im Privaten zu sehen sind (und umgekehrt).

Es ist notwendig zu betonen – unter Rückgriff auf die Arbeiten der Anthropologin Lia Zanotta Machado – dass sich die Gewalt der privaten und der öffentlichen Welt gleichermaßen in Genderstereotypen und Diskriminierung gegenüber Frauen einschreibt und sich durch diese Einschreibung auch definiert. In ihrem Artikel Wären ohne Gewalt gegen Frauen Städte für alle sicher? schreibt Zanotta Machado: «Heute bestehen nicht nur die traditionellen Formen der Gewalt weiter fort, es kommen auch neue Formen von Ultragewalt auf, die sich in der urbanen Szenerie ausweiten.»[7]

Das Territorium und unsere Körperterritorien sind wie eine Matrjoschka, gebildet aus Mikro- und Makrogeographien der sozialen Ordnung, die einander gegenseitig umfassen. Die  innersten Räume, die wir bewohnen – unsere Körper und unsere Zuhause – fungieren als Diaphragma zwischen dem Innen und dem Außen. Die Betrachtung des Innen, die Dechiffrierung, wie dieser intimste der Räume gezeichnet wird, half mir zu verstehen, was im Außen passierte. Die Analyse der Formen von Gewalt gegen Frauen macht verständlich, wie ihre Körper heute als Laboratorien dienen, in denen Foltermechanismen entwickelt und später ausgeweitet und generalisiert werden, um immer komplexere Mechanismen sozialer Kontrolle zu verfeinern.

Was ist vor diesem Hintergrund das neue politische Vokabular, das wir Frauen entwickeln, um das Gedächtnis der von uns erlebten Gewalt zu vermitteln und zugleich eine neue Debatte über Gewalt anzustoßen?

Von den neunziger Jahren bis heute gelangten wir von der Losung «ni una más» [«Nicht eine mehr»] über «ni una menos» [«Nicht eine weniger»] zu «nos queremos vivas» [«Wir wollen uns lebendig»]. Dieser Wandel der Losungen stellt eindrücklich die semantische Verschiebung in der Weise dar, wie wir denken und gegen Gewalt angehen: nicht mehr passiv («nicht eine mehr, denn mein Körper ist ein Schlachtfeld»), sondern in reaktiver Art («nicht eine weniger, denn wir wollen uns lebendig, und wir werden unsere Körperterritorien als Schlachtfelder nutzen»). 

Wir erstellen eine neue Karte, die den urbanen Raum anhand sehr diverser Märsche tausender Gruppen und Personen mit verschiedenen Ideen und Vorschlägen neu erfindet. Wir erstellen eine neue Karte, um zu unterstreichen, dass unsere Körperterritorien nicht die Laboratorien bleiben dürfen, in denen die Mechanismen der Gewalt entwickelt werden, die sich später auf die Körper aller Personen ausweiten. Wir erstellen eine neue Karte, um zu unterstreichen, dass wir Frauen durch die Rückgewinnung unserer Körper und ihres politischen Potentials soziale Praktiken schaffen, um die Territorien, in denen wir leben, zu verteidigen und zu verändern.
 

Emanuela Borzacchiello arbeitetet als Wissenschaftlerin zu feministischer Theorie und Praxis. Dabei untersucht sie insbesondere das Verhältnis von gegenwärtigen Praktiken sozialer Kontrolle, Kommunikationsmanipulation und der Gewalt in Form von Feminiziden. Borzacchiello ist weiter Teil des Journalist*innenkollektivs Periodistas de a Pie, das sich im Kontext grassierender Gewalt und Diffamation gegen Medienschaffende in Mexiko gegründet hat und kritischen Journalismus mit politischem Aktivismus verbindet. Außerdem kuratierte sie verschiedener Ausstellungen im Universitären Kulturzentrum Tlatelolco (Mexiko). Die Arbeiten Borzacchiellos bewegen sich somit zumeist an der Schnittstelle von Wissenschat, Kultur und Aktivismus.
 

Übersetzung: Sven Kirschlager

Originaltext in: Revista de la Universidad de México, Nummer 840, Daños Colaterales, September 2018, S. 128-130


[1]Marta Acevedo, feministische Herausgeberin und Journalistin, ist die Autorin des berühmten Artikels «Nuestro sueño está en escarpando luga»“ [«Unser Traum ist an einem steilen Ort»], La Cultura en México, Beilage der Zeitschrift Siempre!, Nr. 901, 30 vom September 1970. Dieser Artikel gilt als einer der Ausgangspunkte für die zweite Welle des Feminismus in Mexiko.

[2]Marta Acevedo im Interview mit Emanuela Borzacchiello im May 2018 als Teil des Projektes «M68: Ciudadanías en movimiento» des Centro Cultural Universitario Tlatelolco.

[3]Ebd.

[4]Rita Laura Segato, Las estructuras elementares de la violencia. Ensayos sobre género entre la antropología, el psicoanálisis y los derechos humanos, Universidad Nacional de Quilmes, Bernal 2003 und La escritura en el cuerpo de las mujeres asesinadas en Ciudad Juárez, Tinta Limón, Buenos Aires, 2013.

[5]Dieser theoretische Ansatz entwickelte sich aus der Feldforschung zu meiner Doktorarbeit «Violencias cruzadas: prácticas feministas que crean nuevas políticas» und, dank der Koordinierung von Daniela Rea, aus dem kollektiven Projekt «Mujeres ante la guerra» von Periodistas de a Pie.

[6]Primo Levi, I sommersi e i salvati, Einaudi, Turin, 1986.

[7]Lia Zanotta Machado. «Sin violencia hacia las mujeres, ¿serían seguras las ciudades para todos y todas?», Vivienda y Ciudad, Dezember 2014.