Publikation Geschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Rassismus / Neonazismus - Nordafrika Überleben und Erinnern als Widerstand

100 Jahre nach dem Genozid an den Armenier/innen

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Autor/innen

Kadriye Karcı, Taner Akçam, Leman Bilgic, Handan Kaymak, Toros Sarian, Miro Kaygalak,

Herausgeber/ innen

Kadriye Karcı,

Erschienen

Juni 2015

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Der 24. April 2015 ist der 100. Jahrestag des Völkermords an den Armenierinnen und Armeniern sowie an assyrischen, aramäischen und griechischen Minderheiten im Osmanischen Reich. Das Deutsche Kaiserreich war damals engster Verbündeter des Osmanischen Reiches. Die Führung des Deutschen Kaiserreichs war von Anfang an über die Geschehnisse informiert, von denen die türkische Regierung seit 1915 als «kriegsbedingte Deportationen» sprach. Zum ersten Mal in der Geschichte der Türkischen Republik hat der ehemalige Ministerpräsident und jetzige Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, am 23. April 2014 den armenischen Opfern undihren Hinterbliebenen sein Mitgefühl ausgesprochenund die Vertreibung «unmenschlich» genannt.

Was tun zum 100. Jahrestag eines Genozids, einer menschlichen Tragödie, eines Völkermords, des Մեծ Եղեռն (Medz Yeğern), der Büyük Felaket? Wie lässt sich Widerstand leisten gegen das Vergessen und Verwischen der Geschichte? Wie lässt sich über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor 100 Jahren sprechen? Die Vielzahl der Begriffe und Beschreibungen korrespondiert mit den transnationalen Dimensionen, dem Streiten für eine Anerkennung erlittenen Leids und der Herstellung von Gerechtigkeit. Wie können diese Bemühungen in eine würdevolle demokratische Forderung nach Gerechtigkeit umgewandelt werden? Wie soll dieses Verbrechens gegen die christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich heute für die Zukunft gedacht werden?

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat sich mit diesen Fragen beschäftigt. Wie vielen anderen ist es uns sehr wichtig, die Strukturen dieses Verbrechens aufzudecken, aber auch die Strukturen, die dazu dienten und dienen, es aus den Gedächtnissen zu tilgen. Menschen wurden systematisch vertrieben und ermordet, Bezeichnungen wurden geändert, Geschichte wurde neu geschrieben, Feindschaft wurde vertieft. Die Behandlung des Themas ist nicht zuletzt deshalb schwierig, weil sie in einem Land erfolgt, das eine große Verantwortung trägt, da es die damaligen Geschehnisse einfach hingenommen und dazu geschwiegen hat.

Spätestens seit der Ermordung des armenisch- türkischen Journalisten Hrant Dink im Jahr 2007 ist in der Türkei, in der Bundesrepublik, aber auch weit darüber hinaus eine neue Aufmerksamkeit entstanden, und die politische Haltung zur Anerkennung des Genozids hat sich verändert. Geschichtsforschung und die Offenlegung von historischen Dokumenten leisten einen großen Beitrag zur Entwicklung einer Erinnerungskultur. Durch diese Forschungen ist auch die Verwicklung Deutschlands noch deutlicher geworden. Dadurch ist heute noch unverständlicher, warum die Bundesrepublik zwar alles über das Verbrechen weiß, die Anerkennung des Genozids aber bis heute verweigert.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung arbeitet seit dem Sommer 2014 mit Verbänden, Initiativen, BildnerInnen, AktivistInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen zusammen, die sich auf unterschiedliche Weisen mit der Frage beschäftigen, wie ein Gedenken zum 100. Jahrestag dieses Verbrechens aussehen kann. Der Dialog zwischen ArmenierInnen, Menschen aus der Türkei und aus Deutschland ist einer der besten Wege, einen nun schon 100-jährigen Schmerz anzugehen und sich auf die Suche nach Gerechtigkeit zu machen.

Mit dieser Publikation wollen wir das Thema historisch und bildungspolitisch aufgreifen und damit einen Beitrag zur Suche nach Gerechtigkeit leisten. Die Beiträge von Taner Akçam, Toros Sarian und Kadriye Karcı ordnen die Geschehnisse historisch ein. Sie setzen sich mit der Verantwortung von Akteuren damals und heute auseinander und untersuchen, welche Schritte für die Herstellung von Gerechtigkeit notwendig sind – auch und gerade aus der Perspektive der gesellschaftlichen und politischen Linken, auch wenn diese zu jener Zeit nicht an der Macht war. Leman Bilgiç und Handan Kaymak stellen ihr Praxis-, Forschungs- und Bildungsprojekt vor, das noch einmal deutlich macht, wie wichtig Erinnerung und die Schaffung von Erinnerungsorten im Rahmen von Bildung sind. Miro Kaygalak lässt uns aus seiner Perspektive als Künstler an seinen Überlegungen zu einer Erinnerungskultur teilhaben.

Ich möchte mich ausdrücklich bei Koray Yılmaz-Günay für die inhaltliche Unterstützung und die Übersetzungen bedanken. Das Ziel dieser Textsammlung ist es, erlittenen Schmerz zu teilen und unterschiedlichen Spuren des Streits für Gerechtigkeit zu folgen, nicht zu vergessen und die Verantwortlichen aufzufordern, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

«Und wer hier immer noch für das Vergessen eintritt, der fürchtet nicht nur das Vergangene, der fürchtet auch die Zukunft. Denn nur, was nicht vergessen wird, garantiert unsere Zukunft.»

Die gesamte Publikation zum download im PDF.