Dokumentation 50 Jahre nach 1968

Was bedeutet Internationalismus heute?

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17.02.2018

Themenbereiche

International / Transnational, Geschichte, Parteien- / Bewegungsgeschichte, 1968

50 Jahre nach 1968

Am 17. Und 18. Februar 1968 fand in Westberlin der Internationale Vietnamkongress statt.

Grund genug für die Rosa-Luxemburg-Stiftung für eine abendliche Podiumsveranstaltung den damaligen Vorsitzenden des Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), Karl Dieter Wollf (kurz KD genannt) als Zeitzeugen gewinnen. Dazu gesellte sich als Internationalismus-Forscher Boris Kanzleiter, Direktor des Zentrums für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit (ZID). 

Dem Kongress in der TU-Berlin war eine große Antikriegs-Demonstration den USA im Herbst 1967 um das Pentagon herum vorausgegangen. Der dort gestartete Aufruf nach weltweiter Solidarität wurde prompt Folge geleistet  – typisch für den damaligen Zeitgeist, noch vor den Zeiten von Facebook und Twitter (KD: „Telefon gabs schon und das haben wir auch benutzt!“).

Bei 40 bis 50 teilnehmenden Jugendorganisationen und insgesamt zirka 5000 Teilnehmer konnten die Westberliner Behörden die Veranstaltung nicht mehr untersagen. „Wir haben so viele Einladungen verschickt, wie wir konnten“, bekannte KD. Bei den trotzkistischen Gruppen, darunter auch aus Japan angereisten, habe man eh nie wissen können, wie viele Untergruppen das eigentlich waren. Die letztendliche Größe des Kongresses habe alle überrascht.

Groß hing damals im Audimax die berühmte Parole „Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen“. Im SDS herrschte die Vorstellung, man könnte die Westberlin zu einer Art unabhängigen UN-Stadt machen, die dann als „Leuchtpol“ die beiden Blöckparteien des Kalten Krieges zum Zusammenbruch bringen könne. Heute glaube man gar nicht, dass Leute die Dutschke sowas diskutierten, stellte KD fest.

Die von Dutschke in seinem Hauptvortrag vertretene Losung „Vom Protest zum Widerstand“ empfand KD bald schon als problematisch, da diese die vorherige Arbeit entwertete. Schon seit 1965 hatte der SDS nämlich systematisch den in Deutschland stationierten US-Soldaten dabei geholfen, sich dem Vietnameinsatz nach Schweden entziehen. „Ach, das das Spaß gemacht“, rief KD in den vollbesetzten Salon.

Weibliche SDS-Mitglieder gingen in die einschlägigen Kneipen Frankfurts und klebten „Don’t go to Vietnam“- Sticker mit einer Kontaktnummer an die Toilettentüren. Per Auto wurden dann die GIs über verschiedene Stationen bis nach Kiel gefahren. Kontrollen innerhalb Deutschland musste man nicht fürchten, da der NATO-Truppenausweis den Soldaten buchstäblich freie Fahrt gewährte. Die Schwedische Behörden gewährten damals nach der Überfahrt per Schiff sogleich Asyl. „Man fragt sich, wo die Schweden von damals jetzt hin sind?“, fügte KD im Hinblick auf den aktuellen Rechtsruck in den nordischen Land an.

Laut Boris Kanzleiter wurde 1968 schon zeitgenössischer Sicht als „Weltrevolution“ eingeschätzt. Im Westen Antikapitalistisch und Antiimperialistisch, im Osten für die Demokratisierung des Sozialismus. In Jugoslawien, so schilderte er seine Forschungsergebnisse, protestierten die Studenten gegen die aus ihrer Sicht zu USA-freundliche der offiziell sich neutral gebende Regierung.

„Die Niederlage des real-existierenden Sozialismus hat uns alle getroffen“, konstatierte Kanzleiter schließlich, selbst wenn man dem DDR-System sehr kritisch gegenüberstand. In verschlug es schließlich in den 1990er Jahren im Rahmen des Studium in den Süden Mexikos nach Chiapas. Mit den Zapatisten hatte sich dort eine neue revolutionäre Bewegung entwickelt hatte. Hier ließ sich ein Paradigmenwechsel beobachten.

Zwar wurden die Sympathisanten weiterhin dazu aufgerufen, die Revolution in die Heimatländer zurückzutragen. Aber anstelle der Machtergreifung wollten (und wollen) die Zapatisten eine Veränderung von Unten durch Demokratisierung („Wir nehmen die Waffen in die Hand, um sie wieder abzulegen“).

50 Jahre nach 1968

Veranstaltung mit Karl Dietrich Wolff, Boris Kanzleiter und Hana Pfennig zum Vietnamkongress 1968 an der TU Berlin.

Ein Strategie, die Kanzleiter in Zeiten von Globalisierungskritik und G-20-Protesten ungebrochen für richtig hält. Heute drängten sich viele Themen wie zum Beispiel der Klimawandel, automatisch als globale Themen mit sozialen Implikationen auf – die entsprechend global-international adressiert werden müssten. Zivilgesellschaftliche Selbstorganisation und internationale Vernetzung von Unten müssten den Gegensatz zum erstarkenden Nationalismus und Rechtspopulismus bilden. Das ZID arbeite genau daran mit seinem weltweiten Netz unterstützend mit.

Während sich viele ehemalige Weggefährten radikalisierten sich oder den Marsch durch die Institutionen an antraten, wechselte KD in die Verlagsbranche. An eine Tätigkeit als Anwalt war mit 38 Strafverfahren wegen illegaler Demonstrationen nicht zu denken, der bald 75-Jährige anfügte. Zusammen Dietrich Eberhard Sattler entwickelte er eine grundlegend neue Ausgabe der Werke von Friedrich Hölderlin (1770-1843), die sich am Originaltext orientierte. Es habe Spaß, gemacht den Dichter „dem bürgerlichen Kulturbetrieb zu entreißen“, bilanzierte KD, „Hölderlin gehört zu linker Kulturtradition, wir haben ihn uns zurückgeholt!“.

Er bestätigte zudem die Geschichte, dass niemand geringeres als Helmuth Kohl („Hölderlin schlägt alles tot“) das Projekt mit einer sechsstelligen Summe mitfinanzierte.

Zum Ende der Veranstaltung folgte die obligatorische Frage, was ein erfahrener „Revoluzzer“ den jungen Leuten heute mitgeben würde und was Internationalismus im Kern bedeute? 

Hier lehnt KD aber auch nach mehrmaligem Nachsetzen der Moderation eine Antwort ab, „Ich bin kein Pädagoge“. Nur übernational zu gucken sei jedenfalls kein Internationalismus, das würde schließlich auch die CSU in Bezug auf die österreichische ÖVP oder nach Orban in Ungarn machen. Kanzleiter fügte hinzu, dass jede Generation ihren eigenen Weg finde müsse.

Maximilian Staude