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Interview zum Erdbeben in Mexiko, Korruption und Solidarität

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Torge Löding,

Nach dem Erdbeben vom September 2017 arbeiten Retter und Freiwillige bei einem zusammengestürzten Gebäude in Colonia Roma, Mexiko City. CC BY-SA 4.0, ProtoplasmaKid / Wikimedia Commons

Am 19. September wurde Mexiko-Stadt von einem Erdbeben der Stärke 7,2 erschüttert. Der Künstler, Journalist und Aktivist Mardonio Carballo gehört zu den zahllosen Helfenden, die dort eingreifen, wo der Staat versagt.

Die Bilder der Zerstörung von Mexiko-Stadt durch das Erdbeben am 19. September sind verstörend. Aber trotzdem wurden bisher weniger als 300 Tote gezählt. Haben die Verantwortlichen aus den Erfahrungen des großen Bebens von 1985 gelernt, als zehntausende Menschen starben?

Mardonio Carballo: Nein, haben sie nicht. Es sind immer noch die gleichen korrupten Politiker, die in verdeckten Absprachen mit Geschäftsmännern und Architekten große Gewinne einstreichen und Gebäude hinsetzen, die töten. Das Erdbeben vor 33 Jahren war 10 bis 15 Mal so stark wie das in der vergangenen Woche, deshalb gab es auch weniger Tote. Aber die Häuser in den besonders betroffenen Stadtteilen Condesa und Roma brachen wie Pappe zusammen. Dort gilt eine Begrenzung auf vier Stockwerke, illegal wurden viele höhere Gebäude gebaut, die jetzt unbewohnbar sind. Und die Baulöwen schämen sich nicht einmal die Bauarbeiten an solchen hohen Gebäuden jetzt einfach fortzuführen, als sei nichts geschehen.

Ihr «Café de Raiz» im Stadtteil Roma wurde umfunktioniert zur Verteilstelle für Hilfsgüter und Suppenküche für Bedürftige und Helfende. Welche Rolle spielen private Initiativen bei Rettung und Wiederaufbau?

Mardonio Carballo: Der Staat kommt seiner Verantwortung nicht nach und wir als Zivilgesellschaft machen den Fehler, ihn zu wenig darauf hinzuweisen. Die Solidarität von unten ist enorm, überall haben sich freiwillige Rettungskommandos gegründet, die nach Überlebenden suchen, unglaublich viele junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren beteiligen sich daran und haben jetzt nächtelang nicht geschlafen. Menschen lassen Nachbarn und Unbekannte, die ihre Wohnungen verloren haben, bei sich unterkommen. Andere kaufen die Supermärkte leer, um Nahrung und Medikamente für Bedürftige kostenlos zur Verfügung zu stellen, an vielen Ecken gibt es selbstorganisierte Verteilungsstellen. Ohne diese Selbsthilfe wären zahllose Überlebende nicht gerettet worden und die menschliche Katastrophe auf den Straßen wäre ungleich größer.

Der große Schrecken nach dem Beben 1985 wandelte sich bald in Wut auf die korrupte Regierung, eine neue politische Bewegung entstand und forderte die PRI-Diktatur heraus. Sind ähnliche Entwicklungen heute denkbar?

Mardonio Carballo: In der Tat sehe ich Parallelen, nicht nur in der Tatsache, dass das Beben am gleichen Tag wie vor 32 Jahren geschah. Es bilden sich heute neue soziale Netzwerke von unten, aus den Trümmern von heute erwachsen die politischen Anführer von morgen. In dieser neuen Bewegung spielen Indigene eine stärkere Rolle als früher. Ich als Náhuatl in der Großstadt kann sagen, dass wir Indios ein neues Selbstbewusstsein gefunden haben. Ein Ausdruck davon ist der «Nationale Indigenen Kongress» (CNI) mit seiner Präsidentschaftskandidatin María de Jesús Patricio, die ich unterstütze. Wir wirken alle gemeinsam gegen einen Staat, der wie ein Elefant herumtrampelt und nur in einer Hinsicht effizient ist: In seiner Repression gegen indigene und soziale Bewegungen und alle Andersdenkenden.

Wie können wir in Europa effektiv internationale Solidarität leisten?

Mardonio Carballo: Wir dürfen nicht vergessen, dass es bereits in der Nacht auf den 8. September ein schweres Beben gab, welches vor allem den Istmo de Tehuantepec im Bundesstaat Oaxaca schwer getroffen hat. Hier waren es zuerst indigene Künstler wie Francisco Toledo, die Hilfe organisierten. Die Sängerin Lila Dawns organisierte spontan ein Solidaritätskonzert mit 12.000 Fans für den Wiederaufbau. In Oaxaca laufen die Arbeiten noch und es macht viel Sinn für die Initiative von Francisco Toledo zu spenden, ein Mann höchster moralischer Integrität. Auf nationaler Ebene hat der «Nationale Indigene Kongress» (CNI) ein Spendenkonto eingerichtet, das einzig für die Erdbebenhilfe genutzt wird. Die materielle Hilfe ist also höchst willkommen. Und wir dürfen uns nicht täuschen: In der kommenden Phase werden noch sehr viele Menschen ihre Wohnung verlieren, deren Struktur durch eines der Beben beschädigt wurde. In Mexiko-Stadt wird es einen groß angelegten Wiederaufbau geben müssen.

Hinweis: Die Spendenkonten von Francisco Toledo und CNI können über das «Referat Amerika und Vereinte Nationen» im ZID der Rosa-Luxemburg-Stiftung angefragt werden.

Eine gekürzte Variante des Textes erschien in der Jungen Welt am 25.9.2017.