Nachricht | International / Transnational - Krieg / Frieden - Asien - Arabischer Naher Osten / Türkei - Naher Osten Ursachen und Auswirkungen der Krise in Syrien

Syrian Center for Policy Research (SCPR) über lokale, nationale und internationale Ansprüche, Interessen und Erwartungen

Social Degradation in Syria
Quelle: http://scpr-syria.org/publications/social-degradation-in-syria/

Der seit 2011 andauernde Syrienkonflikt wird häufig vor allem in seiner gegenwärtigen politischen und humanitären Ausweglosigkeit betrachtet. Während politische Optionen in wiederkehrenden Verhandlungsrunden in immer neuen Sackgassen verlaufen, wird von vielen politischen und humanitären Akteuren vor allem versucht, die verheerende humanitäre Situation vieler Syrer*innen innerhalb und außerhalb Syriens zu erleichtern.

Dieser Artikel schaut vor allem auf die sozio-ökonomischen und politischen Hintergründe des syrischen Konflikts und fragt nach den vielfältigen Auswirkungen in Folge von Gewalteskalation, vielschichtigen politischen, militärischen, logistischen und finanziellen Interventionen, einer zerstörten Wirtschaft und dem Zerfall sozialer Bindungen und Vertrauen.
 

Syrische Politik vor 2011

Eines der Hintergründe der gegenwärtigen Krise liegt darin begründet, dass die syrischen Institutionen vor 2011 kaum in der Lage waren, den verschiedenen Ansprüchen, Interessen und Erwartungen der syrischen Gesellschaft gerecht zu werden. Dieser institutionelle Engpass hat die Entwicklung des Landes behindert, große Teile der Gesellschaft marginalisiert und sie davon abgehalten, effektiv zur Entwicklung Syriens beizutragen. Die soziale Bewegung in Syrien von 2011 lässt sich daher zweifellos als politisch ‚par excellence‘ begreifen, da sie von Beginn an die Werte von Freiheit, Würde und sozialer Gerechtigkeit hochgehalten hat und diese von den meisten Parteien und Organisationen in der einen oder anderen Form eingefordert wurden. Diese Forderungen von 2011 spiegeln den Kern dieser Krise wider, die gekennzeichnet ist von der Verweigerung von Freiheitsrechten, von Ausgrenzung und Unterdrückung sowie vom Fehlen effizienter, transparenter und repräsentativer Institutionen.
 

Soziale Bewegung und Eskalation der Gewalt

Das hohe Ausmaß an brutaler Repression durch die syrische Regierung als Reaktion auf die Aufstände von 2011 sowie die zunehmenden regionalen und internationalen Interventionen und die Unterstützung verschiedener militärischer Gruppen durch verschiedene regionalen und internationalen Akteure waren schließlich der Grund, warum die soziale Bewegung in Syrien auf eine bewaffnete Konfrontation mit dem Regime zusteuerte. Die bereits vor der Krise gängige Praxis, das Bewusstsein und die Existenz der Menschen mit Füßen zu treten, wurde ins Unermessliche gesteigert, sogar bis zu dem Punkt, an dem das menschliche Leben überhaupt nichts mehr wert ist. Die repressiven Kräfte, die die Gesellschaft mit Gewalt und Zwang unterjochen wollen, haben sich das Klima der Gewalt zunutze gemacht, um eine Kultur der Angst, des Terrors, der Polarisierung und der Unterwerfung zu schaffen. Aufbauend auf lokalen Wirtschaftsressourcen befeuern sie die Maschinerie der Gewalt, deren Antriebsfeder sie selbst sind, mit dem Ziel, den Konflikt und die Gewaltökonomien aufrechtzuerhalten.

Diese Kräfte konnten bereits viele Menschen als Teil dieser Maschinerie der Morde, der Diebstähle und Plünderungen rekrutieren. Gelungen ist ihnen dies dank finanzieller, sozialer und politischer Anreize, aber auch, indem sie den Geist der Menschen vereinnahmt haben. Ohne massive Unterstützung der Konfliktparteien von außen hätte dieser Konflikt jedoch niemals derart lange aufrechterhalten werden können. Auf der einen Seite haben viele regionale und internationale Akteure die Krise durch ihre politische, militärische, logistische und finanzielle Unterstützung weiter angetrieben und eine Identitätspolitik genährt, die zur Polarisierung und Feindschaft beigetragen und die Bereitschaft gestärkt hat, lokale Verbündete zu rächen. Auf der anderen Seite lässt sich konstatieren, dass die internationale politische und humanitäre Unterstützung der syrischen Bevölkerung und Zivilgesellschaft auf ein Minimum begrenzt war, was auf ein weiteres katastrophales Versagen des internationalen Systems bei der Sicherung grundlegender Menschenrechte verweist.
 

Auswirkungen der Krise: Wirtschaft, Gesellschaft und Politik

Die Krise hat eklatante Auswirkungen: Die Bevölkerung schwindet dahin und das Land verliert zusehends an physischen, finanziellen, sozialen und natürlichen Ressourcen und wird damit ihres entsprechenden Potentials beraubt. Gemessen in konstanten Preisen, entspricht der wirtschaftliche Schaden dem fünffachen Bruttoinlandsprodukt Syriens im Jahr 2010. Die Ökonomie hat ihre Souveränität verloren und die sich aus Gewalt speisende Wirtschaftsstruktur spült internen und externen repressiven Kräften sowie Spekulant*innen das Einkommen und Vermögen des Landes in die Taschen, während mittlerweile 85 Prozent der Syrer*innen unter der Armutsgrenze leben und unter mannigfaltigen Entbehrungen leiden – und zwar nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene.

Die Bevölkerungszusammensetzung hat sich in Syrien infolge der Krise radikal verändert. Die Hälfte der Bevölkerung musste fliehen und wurde zu Binnenvertriebenen, Geflüchteten und Migrant*innen. Der direkteste und katastrophalste Ausdruck der anhaltenden Krise in Syrien ist jedoch die hohe Zahl der Todesopfer. Ende 2015 wurden 11,5 Prozent der syrischen Bevölkerung infolge der Kampfhandlungen entweder getötet, verletzt oder verstümmelt. Die Gesundheitsdienste haben unter dem Konflikt ebenfalls enorm gelitten, und in vielen Fällen wurden sie von den Kriegsparteien dazu missbraucht, die Situation und Menschen unter ihre Kontrolle zu bringen.

Der Zerfall des Bildungssektors in Syrien hat auch eine entsprechende Auswirkung auf das Humankapital. Durch die Krise erhält die Hälfte der Kinder im Schulalter keine Schulausbildung. Das Bildungssystem verfügt über keine einheitliche Richtung mehr. Stattdessen richten sich die lokalen Lehrpläne nach den ideologischen Interessen der jeweiligen Konfliktpartei. Der Zusammenbruch des Bildungssystems wird – in Bezug auf Humankapital, Identität und Zugehörigkeitsgefühl – dramatische Folgen für die Zukunft des Landes haben.

Das soziale Kapital in Syrien hat ebenfalls großen Schaden erlitten. Das zeigt sich einerseits am Zerfall sozialer Bindungen und Netzwerke aufgrund der hochpolarisierten Stimmung und andererseits an der Verbreitung verschiedener Arten des religiösen, sektiererischen, nationalen, ethnischen und ideologischen Fanatismus. Das Vertrauen in die Gesellschaft ist auf verschiedenen Ebenen zurückgegangen: bezogen auf das zwischenmenschliche Vertrauen, auf das allgemeine Sicherheitsgefühl und auf das Vertrauen in die Institutionen. Hinsichtlich der gemeinsamen Werte und Zukunftsaussichten hat die Krise zu großen Verwerfungen zwischen Individuen und Gemeinschaften geführt, und das sowohl auf lokaler als auch auf überregionaler Ebene.

Viele inländische und ausländische Akteure verfolgen in der Syrien-Krise ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen, die den Bedürfnissen und Hoffnungen der syrischen Bevölkerung in den meisten Fällen entgegenstehen. Diese Akteure, die direkt für die Katastrophe in Syrien verantwortlich sind, verhandeln jetzt über ein „Friedensabkommen“, das der syrischen Bevölkerung aufgezwungen werden soll. Damit soll Warlords der Weg frei gemacht werden, um das Land nach ihren Interessen neu zu strukturieren. Um die Auswirkungen des Konflikts zu überwinden und an seine Wurzeln zu gehen, bedarf es daher einer gemeinsamen Vision und Strategie von Seiten der syrischen Bevölkerung. Dabei muss eine Antwort auf die interne politische Tyrannei und Unterdrückung gefunden und die Anerkennung aller Syrer*innen als gleichwertige Bürger*innen erreicht werden. Wenn sie nicht länger unterdrückt und marginalisiert werden, sind vor allem sie es, die der Krise ein Ende setzen können. Dieser Kampf erfordert auch ein neues Entwicklungsmodell, das die Unterdrückung und Ausgrenzung, die die syrische Bevölkerung so lange erdulden musste, berücksichtigt und in Frage stellt.

 
Das «Syrian Center for Policy Research» (SCPR) ist ein unabhängiger, nichtstaatlicher und gemeinnütziger Think Tank, der politisch orientierte Forschung betreibt, um damit eine Brücke von der Forschung zu politischen Entscheidungsprozessen zu schlagen. SCPR zielt dabei auf einen partizipatorischen, faktenbasierten politischen Diskurs, durch den es gelingt politische Alternativen aufzuzeigen, die eine nachhaltige, inklusive und menschenrechtszentrierte Entwicklung ermöglichen können.

Der Text basiert auf der Studie «Social Degradation in Syria. The conflict impact on social capital», die vom Syrian Center for Policy Research im Juni 2017 mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt wurde.

Es handelt sich hier um eine Übersetzung aus dem Englischen.