Nachricht | Ausgrenzung und Integration auf dem Land; Ostfildern 2018

In den letzten Jahren haben sich auch die meist im ländlichen Raum angesiedelten Freiland- und Freilichtmuseen bisher vernachlässigten oder verschwiegenen Themen gewidmet, etwa des Dorfes im Nationalsozialismus und sogar der Zwangsarbeit im ländlichen Raum während des NS oder auch allgemein der Situation von Frauen in der Geschichte ländlicher Gesellschaften. Gerade die sieben größeren Museen in Baden-Württemberg waren dabei, neben einzelnen anderen, etwa dem im bayerischen Bad Windsheim, immer wieder Vorreiter. 2017 und 2018 waren an den sieben Standorten Sonderausstellungen zu sehen, die das Themenfeld «Ausgrenzung, Randgruppen und Integration im ländlichen Raum» aufgreifen. Diese Ausstellungen werden nun in einer preisgünstigen (Begleit-) Publikation vertieft.

Die untersuchten Themen reichen mit der zwischen Fürsorge und Disziplinierung changierenden dörflichen Verwaltung der Armut oder der Geschichte des Landjudentums bis ins beginnende 19. Jahrhundert zurück. Schwerpunkt ist jedoch das 20. Jahrhundert. So geht es z.B. um Aus- und Zuwanderung im Schwarzwald oder die Ankunft der Vertriebenen. Diese machten 1961 ein Fünftel (!) der Bevölkerung in Baden-Württemberg aus und stießen seitens der «Alteingesessenen» auf viel Ablehnung. Weitere Beiträge widmen sich den sog. «GastarbeiterInnen» oder anhand einiger Dörfer in Nordwürttemberg der Gruppe der sog. «Jenischen». Diese gehören nicht zur Gruppe der Sinti und Roma, werden aber gemeinhin dem «fahrenden Volk» zugerechnet, auch wenn sich dies im 20. Jahrhundert dann v.a. in einer ökonomischen Tätigkeit als Schausteller, MarkthändlerIn oder als HausiererIn ausdrückte. Die Jenischen wurden im NS, wie auch etliche Angehörige der anderen hier thematisierten Gruppen, verfolgt, teilweise zwangssterilisiert oder verhaftet.

Die ausgewählten Beispiele sind Ausschnitte aus einem sicher weit größeren Kosmos. Sie zeigen eindringlich, dass «die Anderen» schon immer zum Dorf gehörten, und sich historisch «die Mehrheit» immer auch in Aus- und Abgrenzung zu ihnen definierte. Diese populärwissenschaftliche Publikation bietet keine umfassende Darstellung von Randgruppen oder Ausgrenzung; sie greift aber neue Themen und Sichtweisen der ländlichen Alltags- und Kulturgeschichte auf; Gegenstände in deren wissenschaftlicher Bearbeitung (und musealer Präsentation) sich dann stellenweise Global- und Mikrohistorien verschränken.

Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg/ Arbeitsgemeinschaft der Freilichtmuseen in Baden-Württemberg (Hrsg): Anders. Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land; Thorbecke Verlag, Ostfildern 2018, 192 Seiten, 16,90 EUR

Leseprobe als PDF auf der Website des Verlages [Zugriff am 23.5. 2018]