Nachricht | Geschichte - Afrika - Südliches Afrika - Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Deutsche / Europäische Geschichte Zero Progress für OvaHerero und Nama VertreterInnen in Berlin

Die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte lässt auch anlässlich der dritten Rückführung von menschlichen Gebeinen Ende August an VertreterInnen aus Nambia nach wie vor zu wünschen übrig. Eine vollständige Anerkennung des Völkermords an den OvaHerero und Nama sowie eine offizielle Entschuldigung blieben aus.

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Mitglieder der OvaHerero und Nama Nichtregierungsdelegation vor einem Foto von Willy Brandt's Kniefall 1970 in Warschau (Foto: Vepuka Kauari)

Am 29. August 2018 fand die dritte Übergabe von in der Kolonialzeit geraubter menschlicher Gebeine in Berlin statt. 27 Schädel und ein Skalp wurden an die Nachfahren der OvaHerero und Nama übergeben und finden den Weg nach Namibia. Bereits im Vorfeld hatte es Kontroversen gegeben. Das Medienecho vor, während und nach der feierlichen Zeremonie ist hoch. Oftmals wurde der Vergleich mit 2011 gezogen. Damals kam es zum Eklat als Staatssekretärin Cornelia Pieper sich respektlos gegenüber der namibischen Delegation verhielt. Angesichts des immer noch schwer auf den politischen Beziehungen wiegenden Schattens von 2011 sollte ein erneuter Eklat unbedingt vermieden werden.

Die Kirche übernimmt die Rolle der Bundesregierung ... halbherzig

Angemessener sollte der Rahmen sein. Aus diesem Grund fanden der Gottesdienst und der Festakt in der Französischen Friedrichstadtkirche und nicht in der Charité statt. Dabei ist die Rolle der (evangelischen) Kirchen im Genozid ebenfalls umstritten. Viele Jahre blieb deren Aufarbeitung hinter den Forderungen vieler außer- und innerkirchlichen Kritiker*innen zurück. Erst 2017 positionierte sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) öffentlich. Während des Gottesdienstes wurde durch Kirchenvertreter*innen von "Völkermord" geredet. Hier scheint es weniger Berührungsängste mit der Bezeichnung zu geben als bei politischen Vertreter*innen. Dennoch: die Kirche wird von vielen namibischen Gästen nicht als der passende Ort gesehen, denn sie wollen mit ihrem Fall in den Bundestag, dem einzig passenden Ort in Deutschland, um angemessen eine offizielle Entschuldigung und Anerkennung auszusprechen.

Was man „heute als Völkermord bezeichnen würde“

Mit Spannung wurde die Rede von Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kultur- und Bildungspolitik beim Bundesminister des Auswärtigen Amtes erwartet. Sie blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. In ihrer Bewertung der deutschen Kolonialvergangenheit nutzte auch sie die bisherige Wortwahl der Bundesregierung - es fielen Worte wie "historisch-politische" und "moralisch-ethische Verantwortung" und es folgte der Verweis, dass es sich bei den „damaligen im deutschen Namen begangenen Gräueltaten“ um etwas handelt, „was heute als Völkermord bezeichnet würde, auch wenn dieser Begriff erst später mit rechtlichen Normen unterlegt wurde." Mehr noch Staatsministerin Müntefering fiel selbst hinter die Regierungsposition von 2015 zurück und sprach ähnlich wie andere Vertreter*innen der Bundesregierung eher von "Gräueltaten" (atrocities) statt von Völkermord. Auch zwei Tage später diesmal in der namibischen Hauptstadt Windhoek blieb sie bei ihrer Wortwahl. So verwundert es nicht, dass eine offizielle Entschuldigung im Namen der Bundesregierung bei den Herero und Nama ausbleibt. Zwar bat Müntefering die Angereisten am Ende ihrer Rede um „Verzeihung“. Erbeten wird dies jedoch nicht explizit im Namen der Bundesregierung oder Deutschlands. Es bleibt  unklar, ob Michelle Müntefering die Bitte in ihrer Funktion oder als Privatperson ausspricht. In dieser Hinsicht war bereits Heidemarie Wieczorek-Zeul im Jahre 2004 weiter. Zivilgesellschaft als Zaungäste Exemplarisch ist die Aussage von Müntefering zur Rolle der Kirche. Der Kirche wird die Rolle zugeschrieben, die Zivilgesellschaften beider Länder zusammenzuführen. Dabei verweigerten sowohl die Bundesregierung als auch die namibische Regierung nicht nur den Herero- und Nama- Gemeinschaften die Teilhabe am Verhandlungsprozess. Den prominentesten Herero- und Namakritiker*innen wurden keine Einladungen nach Deutschland geschickt. Den Aktivist*innen des bundesweiten Bündnisses "Völkermord verjährt nicht!" wurde die Teilnahme am Festakt sogar explizit verwehrt. So kommt es zum Eindruck, dass Zivilgesellschaft nur solange erwünscht ist, solange sie sich nicht kritisch äußert.

Alles umsonst?

Summa summarum: Der von der Bundesregierung proklamierte „Versöhnungsprozess“ steckt nicht nur in der Sackgasse, sondern schlägt immer deutlicher sogar in sein Gegenteil um. Weder erfolgte eine offizielle Anerkennung des Völkermordes noch kam die ersehnte offizielle Bitte um Entschuldigung. Die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Aufarbeitung des Kolonialismus bleibt bisher ein reines Lippenbekenntnis. Also alles umsonst? Wohl kaum: Für die Nachkommen und wohl auch für die Deutschen ist die Rückführung und würdige Bestattung der Gebeine ein längst überfälliger Schritt. Ferner demonstrieren die namibischen Gruppen eindrucksvoll, dass ihr Kampf um  die öffentliche Wahrnehmung langsam Früchte trägt: Deutschlands Verweigerung einer Entschuldigung und die ungeliebte Reparationsdebatte sind zu internationalen Themen geworden, sie haben sie in der politischen Auseinandersetzung dauerhaft platziert. Die Herero und Nama rühren massiv an Deutschlands kolonialer Amnesie und können dabei mehr und mehr eigene Akzente setzen. Dabei werden postkoloniale Kontinuitäten freigelegt: Wie «Entwicklung» verstanden wird, kann nicht mehr allein durch «Sonderinitiativen» aus dem Norden festgelegt werden. Schwarze und weiße Aktivist*innen, zivilgesellschaftliche Gruppen in Namibia und Deutschland arbeiten immer enger zusammen. Denn kritische Aufarbeitung kann nur gemeinsam gelingen.