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Ein Interview mit Bochra Triki zu Intersektionalität in Tunesien

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Feminismus vernetzen
Performance auf dem Chouftouhonna-Festival in Tunis im September 2018 Foto: Maison de l'image

Chouf ist eine tunesische Nichtregierungsorganisation, die sich für das Recht von Frauen auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung einsetzt. Seit 2015 organisieren ihre Mitglieder jedes Jahr das internationale feministische Kunstfestival Chouftouhonna in Tunis, um intersektionale feministische Kämpfe sichtbarer zu machen. In einem Interview mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Alsharq sprach die feministische Chouf-Aktivistin Bochra Triki über die Bedeutung von Inklusion, die aktuellen Herausforderungen von Feminismus und Queer-Aktivismus in Tunesien, sowie über die Notwendigkeit, ständig den Raum des Machbaren zu erweitern.

Das Interview führte Anna-Theresa Bachmann.
 

In den europäischen Medien wird Tunesien für gewöhnlich als die einzige Erfolgsgeschichte des «Arabischen Frühlings» betrachtet. Wie schätzt du diese Aussage ein, besonders in Bezug auf die Rechte von Frauen?

Ein Blick auf die Länder, in denen es damals Aufstände oder Revolutionen gab, belegt, dass Tunesien tatsächlich deutlich besser dasteht. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass alles in Ordnung ist. Es gibt hier sehr viele Probleme, vor allem hinsichtlich Gerechtigkeit und Korruption in der Justiz. Das ist für mich ein entscheidender Punkt, denn ohne echte Gerechtigkeit kann es auch keine Reformen geben. Letztes Jahr wurde ein neues Gesetz gegen Gewalt gegen Frauen verabschiedet, was begrüßenswert ist. Das Gesetz behandelt sehr viele wichtige Themen, wie etwa Vergewaltigung in der Ehe, was zuvor kein Strafbestand war. Bislang existiert es jedoch nur auf dem Papier. Von Seiten der Regierung finden keine Aufklärungskampagnen statt. Deswegen kennen viele Frauen ihre Rechte nicht. Trotz der Beteuerungen der Medien, dass Tunesien auf einem guten Weg sei, haben wir noch immer mit denselben Problemen zu kämpfen. Der einzige Unterschied ist, dass wir jetzt öffentlich darüber reden können. Unsere Zivilgesellschaft ist heute besser aufgestellt, weshalb es einfacher geworden ist, Druck auf die Regierung auszuüben und sie bei Fehlverhalten zur Rechenschaft zu ziehen.

Das Festival Chouftouhonna ist ein Ergebnis dieser zivilgesellschaftlichen Mobilisation. Mittlerweile hat es sich von einem lokal organisierten Festival zu einem öffentlichen Großevent gemausert. Wie ist es dazu gekommen?

Die ersten beiden Jahre fand das Festival in Karthago statt, weil Raja Ben Ammar, die Direktorin des dort ansässigen Theaters Mad’art, eine berühmte Künstlerin und Feministin war [die 2017 verstarb, Anm. d. Red.] und wir einen sicheren Raum in einer uns unterstützenden Umgebung schaffen wollten. Karthago ist jedoch ein recht bourgeoiser und reicher Vorort. Im dritten Jahr wollten wir mit einem Austragungsort, der näher am Stadtzentrum gelegen ist, für eine größere Einbeziehung der Öffentlichkeit sorgen. In einem schicken Stadtteil ein feministisches Festival zu organisieren, ist bequem. Damit bestätigt man aber das Vorurteil, wonach Feminismus eine elitäre Bewegung sei. Und wir benötigten mehr Platz. Halfaouine ist eines der ältesten Stadtviertel von Tunis, in dem die Bewohner*innen eher unter sich bleiben und dessen öffentlicher Raum männlich dominiert ist. Dort hat aber das Nationaltheater seinen Sitz. Seitdem wir dorthin gezogen sind, hat das Festival nicht nur an Sichtbarkeit gewonnen, sondern ihm wird auch viel mehr Respekt entgegengebracht. Den Medien ist klar geworden, dass das Festival auch andere Themen, wie etwa Ökonomie oder Landwirtschaft, aus feministischer Perspektive beleuchtet.

Welchen Herausforderungen begegnest du beim Versuch, gesellschaftliche und politische Grenzen zu verschieben und dabei gleichzeitig auf Inklusion zu achten?

Wir haben uns bewusst dazu entschieden, unser Festival für Menschen zu öffnen, die nicht nur so denken wie wir. Andernfalls werden wir nichts verändern. Stattdessen versuchen wir zwei Personenkreise zusammen zu bringen, die sich sonst eher aus dem Weg gehen. Als wir das erste Mal bei Ben Ammar anklopften, sagte sie, dass sie eine Bedingung hätte: Keine Selbstzensur. Wir stimmten zu, in der Praxis gestaltet sich die Umsetzung aber tatsächlich schwierig. Dieses Jahr erhielten wir 500 Bewerbungen. Wenngleich manche Stücke und Performances in Berlin völlig normal erscheinen mögen, können sie in unserem Kontext äußerst provokativ daherkommen – beispielsweise, wenn sie sehr viel Nacktheit oder Sex beinhalten. Dann wägen wir ab: Ist es uns das wert?

Kannst du ein Beispiel nennen?

Letztes Jahr hatten wir einen spannenden  Beitrag von einer italienischen Performerin, die sowohl Drag Queen als auch Drag King ist. Ihre Performance sah vor, dass sie am Ende halbnackt und mit einem Sexspielzeug auf der Bühne steht. Wir legten ihr nahe, auf diesen Teil der Performance zu verzichten. Sie gab sich verständnisvoll. Am Tag der Performance stand ich draußen, als mir Leute aus dem Organisationskomitee Textnachrichten schickten: «Sie ist jetzt halbnackt!» – «Ok, nichts passiert.» – «Sie  hat das Sexspielzeug um!» Wir verfolgten das Geschehen wie eine Bombe, die jeden Moment explodieren könnte. Als die Vorstellung vorbei war, kam eine Familie aus der Nachbarschaft aus dem Saal gelaufen. Sie bediente alle Klischees einer islamistischen Familie: Ein Mann mit langem Bart und traditionellen Djellaba-Gewand, sowie eine verschleierte Frau und mit einem 12-jährigen Kind.

Wie haben sie reagiert?

Sie liefen auf mich zu und ich machte mich bereits auf einen Schwall von Beleidigungen gefasst. Ich war praktisch auf Alles vorbereitet außer auf das, was sie tatsächlich zu mir sagten. «Wir wussten nichts über Drags. Gestern haben wir hier einen Film über eine Drag Queen und heute diese Performance gesehen. Danke, dass Sie uns darauf aufmerksam gemacht haben», sagten sie. Das sind die kleinen Dinge, die uns stolz machen. Denn für uns ist das Festival ein Weg, um mit verschiedensten Stereotypen zu Feminismus und Queerness zu brechen. Aber es hilft uns auch beim Überwinden eigener Stereotypen. Wir dringen mit dem Festival in die Komfortzone der lokalen Bevölkerung – etwa wenn eine Gruppe lachender Frauen in eines der Männer-Cafés einfällt. Entsprechend sollten auch wir bereit sein, unsere eigene Komfortzone hinter uns zu lassen.

Der Kontakt mit der lokalen Bevölkerung auf Augenhöhe ist die eine Seite. Wie versucht Chouftouhonna als internationales Festival auf der anderen Seite, das postkoloniale Machtgefälle seiner Teilnehmer*innen zu überwinden?

Das Festival ist zu einem Begegnungsort für Feminist*innen aus gänzlich unterschiedlichen Kontexten geworden – was unglaubliche Synergien schafft. Es bietet Künstler*innen aus Nordafrika und Westasien die Möglichkeit, Gleichgesinnten aus Europa oder den USA, die andere Perspektiven oder gar falsche Vorstellungen von unserer Region haben, über ihre Kämpfe zu berichten. Dieses Mal hatten wir beispielsweise ein Panel zu Feminist*innen aus Nordafrika, die jetzt in Europa leben und dort versuchen, feministische Praxen auf nicht-westlichem Wege umzusetzen. Für uns ist das recht naheliegend, doch eine der deutschen Künstler*innen war davon vollkommen überrascht.

Chouftouhonna ist nur eines der Projekte von Chouf. Was sind andere Initiativen, mit denen ihr derzeit versucht, die die Stellung von Frauen in Tunesien zu verbessern?

Ein wichtiges Projekt, das wir dieses Jahr in Angriff genommen haben, war eine Filmtour mit Vorführungen in Männergefängnissen, in Wohnheimen für junge Frauen sowie in Frauenhäusern. Der Film basiert auf der wahren Geschichte einer Frau, die 2013 von zwei Polizisten vergewaltigt und anschließend von ihnen wegen Unsittlichkeit angezeigt wurde. Sie wiederum verklagte die Polizisten wegen Vergewaltigung. Der Prozess zog sich sehr lange hin, doch die Zivilgesellschaft blieb an dem Fall dran. Am Ende wurden die beiden Polizisten zu sieben Jahren Haft verurteilt. Weil dies jedoch unter dem Maß blieb, was das Gesetz für diese Tat vorsieht, ging die Frau in Berufung und erreichte in einem neuen Verfahren eine Verurteilung von 15 Jahren. Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Henia brachte die Geschichte unter dem Titel «Beauty and the Dogs» auf die Leinwand. Wir zeigten den Film in Kooperation mit Echos Cinématographiques, deren Ziel es ist, Filme an Orten zu zeigen, die keinen wirklichen Zugang zu Kultur haben. Es gelang ihnen, den Film in Haftanstalten zu zeigen, und wir kümmerten uns um die Moderation der Vorführungen. Es war eine sehr eingängige Erfahrung, diesen Film in einem Männergefängnis zu zeigen, weil er Debatten über  sexuelle Gewalt auslöste. Die Männer identifizierten sich stark mit der weiblichen Hauptfigur, weil sie – genau wie sie selbst – Opfer von Polizeigewalt geworden war.

Du hast bereits Überschneidungen zwischen der feministischen und der Queer-Community erwähnt. Wie sorgt Chouf für eine praktische Verbindung ihrer Kämpfe?

Wir sind Teil der Tunesischen Koalition für LGBT-Rechte, einem Bündnis, das auf gemeinsamen Prinzipien basiert. Eine unserer Partnerorganisationen ist Mawjoudin (Wir existieren), eine Nichtregierungsorganisation, die dieses Jahr das erste queere Filmfestival in Tunesien organisiert hat. Im Unterschied zu Chouftouhonna war dieses queere Festival auf die Community selbst und ihre Unterstützer*innen beschränkt. Es sollte für Empowerment der Gemeinschaft von innen heraus sorgen. Wäre es öffentlich gewesen,  hätten sich die Beteiligten vielen Angriffen ausgesetzt gesehen. Als die Organisator*innen nach dem Festival Bilder des Publikums veröffentlichten, wurden die abgebildeten Personen im Netz beleidigt.

Wie ist die aktuelle Situation der LGBT-Community in Tunesien aus rechtlicher Sicht zu bewerten?

Seit 2011 können sich Organisationen für LGBT-Rechte einsetzen. Wir können Kampagnen gegen Artikel 230 des Strafgesetzbuches organisieren, der Homosexualität unter Strafe stellt, sowie gegen den Analtest, der eine Form von Folter darstellt. Die verstärkte Sichtbarkeit ging jedoch mit einer höheren Zahl von Verhaftungen einher. Besonders in den Jahren 2013–2016 gab es einen starken Backlash gegen die Community. Damals war Beji Caid Essebsi tunesischer Präsident geworden und seine liberale Partei Nidaa Tunis suchte die Unterstützung konservativer Kreise. Repression gegen die LGBT-Community war dafür ein naheliegendes Mittel, denn niemand setzte sich für sie ein. Die Regierung hat mittlerweile andere Probleme, so dass der Druck nachgelassen hat. Artikel 230 ist aber noch in Kraft. Für uns ist es auch sehr wichtig zu betonen, dass es sich bei dem Gesetz um ein Überbleibsel des französischen Kolonialismus handelt. Es wurde bereits 1913 eingeführt. Die neue Verfassung von 2014 garantiert individuelle Freiheiten sowie die Menschenwürde, die körperliche Unversehrtheit sowie die Privatsphäre. Wir fordern, dass das koloniale Strafgesetzbuch durch eines ersetzt wird, das im Einklang mit unserer Verfassung steht.

Auf Gesetze aufmerksam zu machen, die nicht länger im Einklang mit der Verfassung von 2014 stehen, war die Aufgaben des Ausschusses für individuelle Freiheiten und Gleichberechtigung (COLIBE), der von Präsident Essebsi im Jahr 2017 einberufen wurde. In seinem Abschlussberichtvon 2018, gab COLIBE sowohl zu Artikel 230 als auch zur Todesstrafe und zu Frauenrechten Empfehlungen ab. Wie haben die feministische und die Queer-Community auf diese Empfehlungen reagiert?

Bezüglich Artikel 230 gab der Ausschuss zwei Empfehlungen: Zunächst empfiehlt er die Abschaffung des Artikels. Sollte die Regierung den Artikel jedoch nicht abschaffen wollen, wird eine Umwandlung der Strafe in eine Geldstrafe von 500 Dinar [umgerechnet ca. 150 Euro, Anm. d. Ü.] empfohlen. Wir haben Witze darüber gemacht, wie: «Stell dir vor, du gehst auf eine Party und siehst eine Person, die dir gefällt, musst aber erstmal checken, ob du 500 Dinar dabei hast…» Für uns mag das lächerlich erscheinen, für die breite Öffentlichkeit ging diese Empfehlung aber bereits zu weit. Die vorgeschlagene Gleichberechtigung im Erbrecht sowie die Abschaffung der patrilinearen Staatsbürgerschaft führten zu Protesten von Tausenden von Menschen. Die Autor*innen des Berichts erhielten Todesdrohungen und wurden angegriffen. Obwohl wir durchaus Einwände hatten, unterstützten wir daher den Bericht. Im Oktober wird die Nationalversammlung dieses Gesetz erstmalig einer Prüfung unterziehen.

Entgegen aller Erwartungen ist die tunesische LGBT-Community derzeit in einer besseren Position als in den Nachbarstaaten. Wie kann die tunesische Community LGBT-Personen auch jenseits nationaler Grenzen unterstützen?

Wir stehen mit sehr vielen Aktivist*innen in anderen Ländern in Kontakt. In Ägypten steht nächstes Jahr beispielsweise die „Universelle Periodische Überprüfung“ (Universal Periodic Review, UPR) an. Bei diesem Mechanismus des UNO-Menschenrechtsrats ist jeder UNO-Mitgliedsstaat regelmäßig angehalten, seine Menschenrechtspolitik zu überprüfen. Er erhält dabei auch entsprechende Empfehlungen von anderen Mitgliedsstaaten. Tunesien hatte seine UPR 2017 und wir verfassten einen Bericht zur Situation der LGBT-Community im Land. Während dieses Prozesses baten wir 24 Staaten, unsere Empfehlungen zu kommentieren. Insgesamt 22 davon brachten unsere Anliegen bei der tunesischen Regierung zur Sprache, einschließlich unserer Empfehlungen zur Abschaffung des Artikels 230 und des Analtests. Letzteres wurde von der tunesischen Regierung angenommen, was ein großer Sieg für uns war. Da das Verbot jedoch noch nicht in Kraft ist, findet der Test noch immer Anwendung, auch wenn das der Staat abstreitet. Aus diplomatischer Sicht kann die Regierung es sich jedoch jetzt nicht länger leisten, diesen Test durchzuführen. Unterdessen sind wir dabei, unsere Expertise beim Verfassen dieser Art von Berichten an ägyptische Aktivist*innen weiterzugeben.

 
Anna-Theresa Bachmann beschäftigt sich seit ihrem Studium in Marburg, Kairo und Lund in ihrem journalistischen Schaffen intensiv mit Nordafrika und Westasien. Bisher erschienen ihre Texte zu gesellschaftspolitischen und historischen Themen vor allem in der taz Tageszeitung, dem zenith Magazin und bei Alsharq. Aktuell absolviert sie eine Ausbildung an der Zeitenspiegel Reportageschule Günter Dahl in Reutlingen.