Nachricht | Migration / Flucht - Europa / EU - Afrika - Westafrika «Kein Geld für die gambische Regierung»

Interview mit dem gambischen Pädagogen und Aktivisten Moro Yapha

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Foto: Anna-Theresa Bachmann

Der gambische Pädagoge und Aktivist Moro Yapha lebt seit 2014 in Deutschland. Er ist Mitbegründer von «Wearebornfree! Empowerment Radio», einer wöchentlichen Radiosendung für Refugee-Aktivist*innen in Afrika und der Diaspora. Durch sein Engagement bei fixpunkt e.V. klärt Moro Yapha afrikanische Drogendealer und Konsument*innen im Görlitzer Park in Berlin außerdem über Gesundheitsrisiken und ihre Rechte auf.

Moro, du warnst junge Gambianer*innen davor, nach Europa zu migrieren. Warum?

Die meisten jungen Gambianer*innen stellen sich Europa als einen Ort vor, in dem es nur so von Chancen wimmelt. Sich hoffen Arbeit zu finden, einen Abschluss zu machen oder sich weiterzubilden zu können. Aber all diese Erwartungen werden enttäuscht, sobald sie im Flüchtlingslager ankommen. Während sie dort auf ihre Papiere warten, verlieren sie die Hoffnung und landen im Görlitzer Park. Ich wollte zum Studieren nach Deutschland kommen. Aber seit meiner Ankunft vor vier Jahren war ich weder dazu in der Lage, noch konnte ich arbeiten. Erst vor Kurzem habe ich meinen Integrationskurs angefangen.

2018 hat das Auswärtige Amt die gambische NGO «Jugend gegen illegale Migration» mit 55 000 Euro unterstützt. Die Organisation wurde von Rückkehrer*innen gegründet, die die gambische Jugend über die Gefahren auf dem Weg nach Europa aufklären, und sie von der Migration abhalten wollen. Was hältst du von solchen Maßnahmen?

Europa will diesen Menschen Angst einjagen. Aber sie sind sich der Gefahren der Reise bereits bewusst. Was ich mir wünsche ist eine Organisation, die die Menschen in Afrika vor den Gefahren eines Lebens in Europa warnt. Als Schwarze*r hast du es schwer hier etwas aus dir zu machen. Denn deine Identität ist für alle sichtbar. Es ist ganz egal wie lange du hier lebst. Du wirst nie als europäische*r Staatsbürger*in anerkannt werden. Europäische Politiker*innen sollten die Menschen nicht von der Migration abhalten, sondern Afrikaner*innen die Möglichkeit geben,  in ihren Heimatländern etwas aus sich zu machen.

Die deutsche Regierung verspricht gambischen Migrant*innen und Geflüchteten genau das. Ihre Anerkennungsquote in Deutschland lag 2017 bei 4,7 Prozent. Ihnen soll die Reintegration in die gambische Gesellschaft durch «freiwillige Rückkehr»-Programme gelingen.

Dieses Programm ist nichts als Propaganda. Das haben mir Teilnehmer*innen erzählt. Alleinstehende, freiwillige Rückkehrer*innen erhalten 400€ ehe sie Deutschland verlassen. Ihnen wird gesagt, dass in Gambia bereits alles für sie vorbereitet wurde und weitere 400€ auf sie warten. Wenn sie dann ankommen, bekommen sie von den Migrationsbeauftragten zu hören, dass es kein Geld gibt. Die Beamt*innen notieren sich lediglich die Namen der Rückkehrer*innen und fordern sie zum Gehen auf. Mir hat sogar jemand erzählt, dass sie Rückkehrer*innen nicht einmal das Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel zahlen, die sie nach Hause bringt. Das Geld der EU wird stattdessen vom korrupten Staat veruntreut.

Trotz der neuen Regierung von Adama Barrow, der nach der Wahl 2016 den 22-Jahre herrschenden Diktator Yahya Jammeh ablöste, ist Korruption also immer noch ein Problem in Gambia?

Ja. Das Land hat seine Infrastruktur seither ausgebaut und auch demokratische Werte, wie etwa die Meinungs- und Pressefreiheit, wurden gestärkt. Aber im Bereich Migration hat sich nichts verändert.

Aber ist es nicht die Internationale Organisation für Migration (IOM**), die sich in Gambia um die Belange von Rückkehrer*innen kümmert?

Niemand weiß, ob die IOM für die Regierung arbeitet oder unabhängig ist. Es sollte stattdessen eine unabhängige, von Rückkehrer*innen und Abgeschobenen selbst geleitete Organisation geben, die das Geld auszahlt. Europäische Politiker*innen drängen Gambier*innen zur Rückkehr, ohne dabei an die psychische Belastung dieser Menschen zu denken. Die meisten von ihnen haben Schreckliches auf ihrer Reise erlebt. Sie haben in Libyen und auf dem Mittelmeer um ihr Leben gefürchtet und gesehen, wie Menschen direkt neben ihnen umgekommen sind. Was sollen sie alleingelassen in Gambia machen - wütend, verwirrt und traumatisiert?

Sag du es mir.

Das führt nur zu Chaos und wird potenzielle Rückkehrer*innen davon abhalten, es ihnen gleich zu tun. Wenn sie in Europa mitkriegen, dass Rückkehrer*innen am Flughafen stranden, verkaufen sie lieber Drogen im Görlitzer Park, als mit leeren Taschen nach Hause zu gehen.

Was schlägst du also vor?

Diejenigen, die bereits hier sind, sollten die Chance zur Integration in die deutsche Gesellschaft und den Arbeitsmarkt bekommen, indem man ihnen eine Ausbildung anbietet. Danach sollen sie selbst entscheiden: Entweder bleiben sie in Deutschland oder sie gehen zurück in ihre Heimatländer, um für sich und ihre Community etwas aufzubauen. In der Zwischenzeit schicken sie einen Teil ihres Einkommens zu ihren Familien zu Hause und geben den Rest hier aus.

Was ist mit denen, die in Gambia auf eine Chance warten? 60 Prozent der gambischen Gesellschaft ist jünger als 25 Jahre und Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet.

Es gibt eine große Kluft zwischen dem Austausch von afrikanischer und europäischer Qualifikation. Wenn die deutsche Regierung etwa ein Projekt im Ingenieurswesen in Gambia entwickelt, schickt Deutschland lieber seine eigenen Expert*innen anstatt gambische Ingenieur*innen in den Prozess einzubinden. Man könnte ja ganz einfach gambische Ingenieur*innen in Deutschland ausbilden, die ihre Fähigkeiten dann in Gambia und der Region anwenden. Aber Deutschland hat kein Interesse daran, in Punkto Bildung von Afrika überholt zu werden. Deutschland will seine Macht sichern.

Was die Ausbildung in Gambia selbst betrifft, hat die Europäische Union 37,9 Millionen Euro durch den Europäischen Treuhandfond für Afrika (EUTF) bereitgestellt. Der Großteil des Geldes soll für Projekte verwendet werden, die Arbeitsplätze für junge Menschen schaffen. Ausgeführt werden diese Projekte zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Ich kann momentan nicht sagen, wer hinter diesen Projekten steckt. Ich würde mich freuen, wenn ehemalige Rückkehrer*innen daran beteiligt werden und dadurch nachhaltige Jobs entstehen könnten. Aber ich bin dagegen, dass Deutschland der gambischen Regierung Geld direkt auszahlt. 

Welche Wirtschaftszweige sollten mit dem Geld unterstützt werden?

Wir haben in Gambia sehr fruchtbaren Boden und einen guten Zugang zu Wasser. Deswegen sind Landwirtschaft, Geflügelzucht und Fischerei wichtige Sektoren. Was uns fehlt, das sind Fertigwaren wie Traktoren und andere Maschinen. Wir müssen außerdem unsere verarbeitende Industrie ausbauen. Denn wir exportieren hauptsächlich Rohstoffe, aber produzieren wenige Waren selbst. Stattdessen sollten wir kaufen, was wir selbst anbauen und produzieren. Wir müssen die von uns hergestellten Waren zu unseren Preisen exportieren und nicht nur von Importen abhängig sein. Vor diesem Problem stehen die meisten afrikanischen Länder.

Könnte eine Lösung dieses Problems nicht auch im Handel zwischen afrikanischen Ländern bestehen? Nicht nur um Waren auszutauschen, sondern auch Arbeitskräfte?

Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) will die Mobilität zwischen ihren Mitgliedsstaaten vorantreiben. Aber afrikanische Organisationen arbeiten nie ohne europäische Einmischung. Auch die Afrikanische Union will einen Reisepass einführen und diskutiert aktuell über das Design. Ein solcher Pass wäre begrüßenswert. Denn durch Kolonialismus und die bestehende Aufteilung zwischen frankophonen und anglophonen Ländern wird die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Besonders Frankreich hat einen großen Einfluss in seinen ehemaligen Kolonien. Solange er besteht und sich afrikanische Länder in ihre Belange reinreden lassen, glaube ich nicht, dass sich die Bewegungsfreiheit verbessert.

** Die IOM in Gambia wurde von der Autorin mit den Anschuldigungen konfrontiert. Die Organisation antwortete im Januar 2019 wie folgt: «Den Rückkehrern wird nach ihrer Ankunft einen Monat Zeit gegeben, um sich in unserem Büro zu melden und wo wir ihnen Beratung und, in einigen Fällen, medizinische Betreuung anbieten. Sie können sich dann ihre Reintegrationsunterstützung sechs bis acht Monate nach ihrer Rückkehr abholen. Von 2017-2018 sollten sich 69 Rückkehrer bei uns melden. 45 haben sich in unserem Büro registriert (26 2017, 19 2018). Einige, die 2018 zurückgekehrt sind, warten noch auf die Abholung ihrer Unterstützung, während der Betrag in einigen wenigen Fällen nicht abgeholt wird. In keinem Fall hat die IOM einen Rückkehrer aus Deutschland registriert und ist der Unterstützung nicht nachgekommen.»