Nachricht | Geschlechterverhältnisse - Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Nordamerika - Amerika Die Vereinten Nationen - ein intersektionales Polygon ohne Klassenperspektive

UN Weltfrauenkonferenz: «20 Jahre nach Peking»

Information

Autorin

Ankica Cakardic,

 

English version below.

Die diesjährige UN Weltfrauenkonferenz stand unter dem Motto «20 Jahre nach Peking» und befasste sich unter anderem mit den Herausforderungen bei der Umsetzung der Erklärung von Peking vor 20 Jahren und der dort beschlossenen Aktionsplattform.

Kurz zur Erinnerung – die Pekinger Deklaration war eine «To do-Liste», erarbeitet von Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt, die damals zusammenkamen, um sich zu vernetzen und ihre Regierungen aufzufordern, eine umfassende Vereinbarung zu verabschieden, die das Leben von Mädchen und Frauen verbessern sollten, wie es so schön in der Einführung des UN Handbuches von 2015 steht. 

Von Beginn meiner Teilnahme an den Sitzungen an war mir das Motto der Konferenz bereits leicht suspekt: «Wo Frauen und Mädchen die Zukunft gestalten». Ähnlich geht es mir mit der Wunschliste der UN Nachhaltigkeitsziele. Was ist also das Problem mit der UNO?

Liest man Eisenstein’s, Federici’s oder Fraser’s Kritik an der UNO als eine nicht gerade frauenfreundliche Institution, ist das beinahe wie ein ABC der wissenschaftlichen Analyse der Beziehung zwischen Neoliberalismus und Feminismus. Konkret, auf der Ebene der systemischen Analyse, stellt sich die Frage, wie der zeitgenössische Feminismus die Stärke des freien Marktkapitalismus unterstützt und begünstigt.

Eines der wichtigsten Themen für den heutigen Feminismus sollte die Frage sein, wie globaler Kapitalismus funktioniert und welche Position Frauen in dem Verhältnis zwischen kapitalistisch politischer Ökonomie und grüner Wirtschaftsagenda einnehmen.

Die gesamte Konferenz erweckte den Eindruck, sich den Problemen «Nachhaltige Zukunft», «Globale Solidarität», «Recht auf Diversität», «Armut», «Gesundheit» etc. zu widmen, doch man hätte verzweifeln können, angesichts der Reduzierung der Diskussion auf eine nominale Ebene ohne eine materialistische oder systemische Analyse

All das erinnerte mich an eine aufkeimende Literatur zur Globalisierung, die selten die Zentralität der Arbeitskraft von Frauen in den Focus nimmt. Viele Panels diskutierten zum Beispiel die vielfältigen Probleme indigener Frauen, von der Existenzsicherung über soziale, kulturelle, ökonomische und politische Benachteiligungen.

Alles war auf dem Tisch – Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Fähigkeiten, Religion.

Aber weit und breit kein Wort zum Thema «Klasse». Ganz im Sinne eines typisch liberal-reduktionistischen Ansatzes gelang es der Konferenz, mit einer «Ad-on-Strategie», wirklich ALLE Probleme aufzulisten. Ich meine, niemand wird tatsächlich die SDG’s kritisieren wollen. Aber außer der Rosa Luxemburg Stiftung wagte niemand zu diskutieren, wie diese Ziele aktuell genutzt werden können, geschweige denn davon, wie sie umgesetzt werden sollen. So wird eine Atmosphäre der Pluralität und Anerkennung erzeugt, die jedoch institutionell und politisch nur die Voraussetzungen einer weiteren kapitalistischen Profitsteigerung reproduziert.

Dies sind alles mehr oder weniger bereits formulierte linke Kritikpunkte an der gegenwärtigen ideologischen Rolle der UNO, und in dieser Stimmung bin ich auch angereist. Anders gesagt – wenn Sozialismus Deine Wahl ist, wird die UNO nicht Deine Verbündete und Du zählst nicht auf sie. Aber wenn Du Dich entscheidest, von innen heraus zu arbeiten, weil Du daran glaubst, dass die Artikulation einer beständigen Kritik Teil des Kampfes um die Vorherrschaft ist – wie es viele NGO’s tun – muss folgendes bedacht werden: In den 70ern und 80ern versuchten grüne Politik und grüne NGOs die UNO als Instrument zu benutzen, um gegen Umweltzerstörung und für eine nachhaltige Entwicklung und eine grüne Demokratie zu kämpfen. Frau kann also sagen, dass der Kampf von innen schon erprobt wurde. Aber wir wurden gleichzeitig Zeuginnen des Stillstandes. Es kam nicht zu Alternativen. Noch schlimmer, der ursprüngliche Radikalismus der Grünen blieb auf der Strecke.

Mein Punkt ist: Wir können nicht mit einer institutionellen oder politisch ökonomischen Strategie für eine Veränderung rechnen, wenn sie nicht fundamental antikapitalistisch ist, sondern sich lediglich vom existierenden Rahmen der Produktionsbeziehungen wegbewegt. Wir müssen offensichtlich die UNO kontextualisieren und historisch betrachten. Nach dem Fall der Berliner Mauer und der Schwächung der Bewegung der Blockfreien Staaten sind wir Zeuginnen des Bedeutungsverlustes der Vereinten Nationen als multilaterale Institution geworden. Sie wurden nicht nur eine Institution der leeren diplomatischen Initiativen – ausgerichtet an einem unilateralen westlichen Weltbild – sondern auch eine Organisation unzähliger missglückter Friedensmissionen. 

Wenn die Weltbank eine Initiative startet mit dem Titel «Geschlechtergerechtigkeit als kluge Wirtschaft» beschreibt dies sehr genau, wie das System soziale Kämpfe für seine Reproduktion nutzt. In diesem konkreten Fall indem die Ermächtigung der Frauen als Quelle für einen Mehrwert verstanden und gefördert wird.

Adrianne Roberts hat es bereits in vielen ihrer Analysen transnationaler Unternehmen beschrieben:

Feminismus wird von einer Koalition von Staaten, Finanzinstituten, der UN, Unternehmen, NGO’s und anderen entwickelt, die definitiv die Neoliberalisierung der Gesellschaft in ihrer kapitalistischen Form erhalten wollen. 

Die Commission on the status of Women ist eine weitere Gelegenheit, die makroökonomischen Rahmenbedingungen zu bestätigen, die zu Ausbeutung und Unterdrückung führen. In diesem Sinne ist auch die kürzlich geschlossene Partnerschaft zwischen Coca Cola und UN Women zu sehen, die die Ermächtigung von Frauen beschleunigen soll. Ist das feministisch? Ist das das Versprechen «das Leben für Frauen und Mädchen überall zu verbessern»? Ist das Grün? NEIN. Man nennt dies kapitalistische Reproduktion. Kapitalismus von seiner schönsten Seite.

Es gibt aber auch andere Ansätze zu dem Thema Nachhaltigkeit und Frauen. Von verschiedenen feministischen Gruppen in Europa, die mit Gewerkschaften zusammenarbeiten, und grünen Arbeitsinitiativen hin zu sozialistischer Politik in Südamerika. Ich war Teil einer RLS Delegation von sieben Frauen, die während des CSW zusammenarbeiteten und hatte dadurch die Chance, Elisa Vega Sillo kennzulernen, die ehemalige Direktorin der Abteilung für Depatriarchalisierung im Vizeministerium für Dekolonialisierung in Bolivien. Sollten wir nicht lieber diesen nicht westlichen antiimperialistischen und antipatriarchischen Ansätzen folgen, um Frauen zu ermächtigen und Nachhaltigkeit zu erzeugen? Zur Abwechslung könnten wir mal von ihnen lernen statt umgekehrt.


UN as an intersectional polygon without class perspective

This years’ CSW (59th in a row) was represented by revisiting and celebrating The Beijing Declaration and Platform for Action (BPfA) what without any doubt influenced the framing of the whole conference in the context of «20 years after the Beijing.» Just to remind ourselves quickly the Beijing Declaration was the «can do» result of advocates for women’s rights from around the world who came together to network and lobby «to develop a framework of comprehensive commitments promising to change the lives of women and girls everywhere», as it is underlined in the UN’s Introduction in Handbook 2015. The motto of the conference «Where women and girls shape the future» sounded suspicious to me – quite the same with the wishful thinking list of the SDGs – from the moment I have started attending the CSW's sessions. So, what seems to be the problem with the whole UN thing? 

Readings in the line of Eisenstein's, Federici's or Fraser's critique of UN as a not much of a woman-friendly institution serve us almost as an ABC of the serious analysis of the relation between neoliberalism and feminism, or to be more concrete in the field of systemic analysis which hits the question how does contemporary feminism aid and abet the strength of free-market capitalism? Hence, one of the most important issues for today's feminism should involve the questions how does global corporate capitalism function today and what is the meaning of women's position in the relation between capitalist political economy and green economy agenda.

Everything about the CSW gave the impression of addressing the problems of «sustainable future», «global solidarity», «right to be different», «poverty», «health» etc. but one could just explode because of the discussion's reduction to  a merely nominal level without any materialist or systemic analysis of the cases. It all reminded me of a burgeoning literature on globalisation rarely focused on the centrality of women's labour. For an example many panels numbered questions dealing with the problems indigenous women face – from existential and cultural level to social, economic, environmental and political. All was there – race, gender, sexual orientation, ability, religion but class section was desperately missing. In the line of a typical liberal-reductionist approach the Conference managed to affirm the ad-on strategy by listing picked-up problems in all-inclusive-manner (I mean no one «normal» would disagree with SDG-s for instance, but besides Rosa Luxemburg Stiftung's panels any degree of «how» to actually use the goals was not present at the Conference as if it was not even intentioned to work on their implementation) developing the atmosphere of pluralism and recognition but institutionally and politically reproducing the premises for further capitalist profit accumulation.

These are more or less already articulated leftist critical points of the UN's contemporary ideological role and I was coming to the Conference in that kind of a mood. In other words if you choose socialism, UN is not your alley and you do not count on it. But if you choose to work from the inside believing that the articulation of a continuous critique as a part of the fight for the hegemony counts – as many NGOs choose to do – further should be kept in mind.

During the 70ies and 80ies green politics/green NGOs tried to use UN as a tool for fighting against the exploitation of the planet, for sustainable future and green democracy. So, we could say that «the inside fight» has already been tested. But, as we can evidently see and witness no relevant alternative is done, on contrary greens even lost their original radicalism. My point is we cannot count on any institution or political-economical strategy for change if it is not fundamentally anti-capitalist and if it moves only from the existing framework of production relation. We should obviously historicise and contextualise UN. After the fall of Berlin wall and weakening of the Non-Aligned Movement we can witness the major loss of the UN multilateral significance. It became not only an institution represented by emptied diplomatic initiatives framed in a unilateral Western world-view but also the one with numerous failed peace missions. 

When the World Bank launches an initiative with a slogan «gender equality as smart economics» it precisely demonstrates how the system uses and comodifies social struggles for its reproduction, in this concrete case by promoting women’s empowerment as a resource for creating the surplus value. As stated by Adrianne Roberts in many of her analysis project of transnational business feminism is being developed by a coalition of states, financial institutions, the UN, corporations, NGOs and others who definitely sustain the neoliberalisation of society in its capitalist form. CSW is an opportunity to further affirm the macroeconomic framework that creates oppression and exploitation. In that spirit let us not forget the recently developed partnership between Coca Cola Company and UN Women to accelerate women’s economic empowerment. Is this feminist? Is this «promising a change for women and girls everywhere»? Is this green? No. It is called capitalist reproduction. Capitalism in its finest. 

There are also other out of scope approaches to the questions of sustainability and women. From a different feminist groups in Europe collaborating with union movements and green labour initiatives to socialist politics in Latin America. Being a part of RLS's delegation of seven women whose task was to work together during the CSW I had a chance to meet Elisa Vega Sillo who is the former Director of the Bolivia's Depatriarchalization Unit in the Vice Ministry of Decolonization. I wonder, maybe future shaping in a sustainable and actually women-empower manner should follow non-western trends based on anti-imperialism and anti-patriarchy. For a change «we» learn from «them», not the other way around.