Nachricht | Wirtschafts- / Sozialpolitik - Asien - Westasien - Westasien im Fokus Syrisches Pfund auf historischem Tiefststand

Die Währungs-und Wirtschaftskrise in Syrien verschärft sich

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Syrische Zentralbank
Die syrische Zentralbank hat ihre Bemühungen zur Stützung der Währung weitgehend aufgegeben. Zentralbankgebäude am Sabaa-Bahrat-Platz in Damaskus, CC BY 2.0, Martijn Munneke via Wikimedia Commons

Anfang Dezember fiel der Wechselkurs des syrischen Pfunds auf dem Schwarzmarkt auf ein bisher noch nicht dagewesenes Tief  von 1.000 Pfund  für einen Dollar. Nach dem offiziellen Kurs war der Dollar zu diesem Zeitpunkt 434 syrische Pfund wert. Vor dem Krieg, Anfang 2011, mussten lediglich 48 syrische Pfund für einen Dollar bezahlt werden. Diese Entwicklung spiegelt die massiven  ökonomischen Probleme wider, mit denen das Assad-Regime konfrontiert ist. Besonders im letzten Jahr war der Wertverfall des syrischen Pfunds besonders dramatisch, seit Ende September ist das syrische Pfund um 20 Prozent gegenüber dem Dollar gefallen. Hierfür gibt es eine Reihe aktueller Auslöser, es wirken aber auch tieferreichende strukturelle Ursachen.

Harald Etzbach ist Historiker und Politikwissenschaftler und arbeitet als Übersetzer und Journalist. Er publiziert hauptsächlich zu Themen Westasiens und Nordafrikas und zur US-amerikanischen Außenpolitik.

Aktuelle Auslöser…

Ein wichtiger Grund für die derzeitige Verschärfung der Krise dürften die Entwicklungen im benachbarten Libanon sein. Kurze Zeit nach dem Beginn der dortigen Protestbewegungen Mitte Oktober 2019 schlossen die libanesischen Banken aus Angst vor massenhaften Geldabhebungen ihre Filialen. Mit der Wiedereröffnung der Banken am 19. November verkündete die libanesische Bankenvereinigung, dass Abhebungen vorerst auf 1000 Dollar pro Woche beschränkt seien, um Kapitalflucht zu verhindern. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind traditionell sehr eng. Syriens Privatbanken sind überwiegend Tochtergesellschaften libanesischer Banken, syrische Geschäftsleute benutzen den libanesischen Devisen(schwarz)markt, um sich mit Bargeld zu versorgen, und syrische Unternehmen nutzen libanesische Banken, um internationale Sanktionen zu umgehen. Die landesweite Dollarknappheit im Libanon ist für syrische Importeure eine Katastrophe, denn für sie wird es immer teurer, Dollars zu kaufen, die sie benötigen, um Einfuhren zu finanzieren – eine Entwicklung, die den Druck auf den Wert des syrischen Pfunds massiv erhöht, und die noch verstärkt wird durch die erhöhte Nachfrage nach Dollars auf dem syrischen Markt selbst, insbesondere durch Händler, die in beiden Ländern tätig sind. 

Druck auf die syrische Währung entstand allerdings bereits im April dieses Jahres, als in den vom Regime gehaltenen Teilen des Landes eine Krise in der Versorgung mit Treibstoff ausbrach, da der Iran nicht mehr in der Lage war, den syrischen Markt zu versorgen. Dies kann Folge der US-Sanktionen gegen den Iran, aber möglicherweise auch dadurch bedingt sein, dass der Iran seine Kredite an Syrien eingefroren hat. Die Treibstoffkrise legte einen Großteil der ökonomischen Aktivitäten in den Regierungsgebieten lahm und führte zu einem Run auf Dollars, mit denen Treibstoffimporte auf alternativen Wegen (Schmuggel etc.) finanziert werden sollten.     

…und strukturelle Ursachen

Die aktuelle Krise verweist aber auch auf grundlegendere Probleme der syrischen Wirtschaft. So sank nach Angaben der Weltbank das BIP Syriens zwischen 2010 und 2016 von 60,2 Milliarden Dollar auf 12,4 Milliarden Dollar. Zugleich gingen die nationalen Währungsreserven von 20 Milliarden Dollar im Jahr 2010 auf 0,7 Milliarden Dollar im Jahr 2015 zurück. Es kam zu einem Anstieg der Staatsverschuldung bei gleichzeitig zurückgehenden Steuereinnahmen, während sich die Regierung zur Deckung ihrer Ausgaben zunehmend auf die Zentralbank verließ.  

Allerdings lässt sich in Syrien bereits vor 2011 ein Rückgang der Produktivität wichtiger Wirtschaftssektoren wie verarbeitendes Gewerbe, Bergbau, Öl und Landwirtschaft verzeichnen – eine Entwicklung, die sich während des Krieges verstärkte. Es wuchsen Bereiche wie Handel, Banken, Dienstleistungen und Immobilien. Als eine weitere Folge der Liberalisierungspolitik unter Hafez al-Assad seit den neunziger Jahren weitete sich die Schere zwischen Arm und Reich. Zwischen 2004 und 2008/09 ging der Anteil der Löhne am Volkseinkommen im Vergleich zu Gewinnen und Zinsen von 41 Prozent auf weniger als 33 Prozent zurück, was bedeutet, dass Gewinne und Zinsen mehr als 67 Prozent des BIP ausmachten. Der Krieg hat auch diesen Trend verschärft, mit massiver Zerstörung von Produktionsstätten und Kapitalflucht. Die Dominanz des spekulativen Sektors verstärkte die Abhängigkeit von Importen noch weiter und ließ die die Exporte sinken. Entsprechend reduzierten sich die Devisenreserven und es wurde zunehmend schwierig, inflationäre Tendenzen einzudämmen.

Neben den Sanktionen gegen das Assad-Regime und seine Verbündeten sind es paradoxerweise zum Teil auch die militärischen Erfolge des Regimes, die zu seinen wirtschaftlichen Problemen beigetragen haben. So fehlen dem Regime schlichtweg die Mittel, in den von ihm wiedereroberten Gebieten die Infrastruktur aufrechtzuerhalten oder gar einen Wiederaufbau zu betreiben. Verschlimmert wird diese Situation einerseits durch die Konkurrenz der Verbündeten des Regimes untereinander und verschiedener Fraktionen des Regimes andererseits. Auf diese Weise entsteht ein Klima der Unsicherheit, das Investitionen verhindert. Erwähnt werden sollte schließlich noch die inkohärente Politik der syrischen Zentralbank, die den Interessen des Regimes ungeordnet ist und keine unabhängige Politik betreibt. Deutlich wurde dies etwa, als die Bank im Oktober die Konten von acht prominenten Geschäftsleuten einfror, um sie drei Tage danach wieder freizugeben. Kurz zuvor hatte das Regime rechtliche Maßnahmen gegen eine andere Gruppe von Geschäftsleuten eingeleitet (darunter Assads Cousin Rami Makhlouf) – offenbar, um sie zur Zahlung größerer Summen an das Regime zu zwingen. Die Zentralbank stellt zwar immer noch Dollar für die Einfuhr von 40 lebenswichtigen Gütern zu einem Vorzugskurs zur Verfügung, hat aber ansonsten in den letzten Monaten ihre Bemühungen zur Stützung der Währung weitgehend aufgegeben, um ihre verbleibenden Devisenreserven nicht anzugreifen.

Dass ein völlig freier Fall des syrischen Pfunds bisher vermieden werden konnte, liegt wohl an den Überweisungen von Auslandssyrer*innen an Verwandte und Devisenzahlungen des Iran. Bereits jetzt aber hat der Zerfall der Währung die Inflation massiv beschleunigt und die Not vieler Syrer*innen verschärft, die sich mittlerweile selbst Grundnahrungsmittel und Elektrizität kaum noch leisten können.