Nachricht | Jasper: Der gläserne Sarg. Erinnerungen an 1968 und die deutsche «Kulturrevolution». Berlin 2018

Buch über den westdeutschen Maoismus

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Im Oktober 1977 reiste Bundesaußenmister Hans-Dietrich Genscher nach Beijing. Doch die chinesische Staatsführung war misstrauisch, Deng Xiaoping lehnte ein Treffen mit Genscher ab. Dieses Verhalten war den chinesischen Kommunisten von Funktionären der westdeutschen Studentenpartei KPD, die kurz zuvor Peking besucht hatten, empfohlen worden. Gefragt, wie mit dem Außenminister ihres Landes zu verfahren sei, hatten diese »kein gutes Haar an Genscher« gelassen. Mehr noch:

«Wir warnten vor ihm. Er sei ein unzuverlässiger Taktiker und werde sich als ‹Entspannungspolitiker› niemals auf eine Front gegen Moskau einlassen», schreibt Willi Jasper in seinen «Erinnerungen an 1968». Wie ihr großes Vorbild China betrachtete auch die kleine KPD die realsozialistischen Staaten als «Revisionisten».

Jasper war damals 32 Jahre alt, hatte ein Germanistikstudium abgeschlossen und war leitender Redakteur der Roten Fahne, der Wochenzeitung der KPD, die 1970 in West-Berlin als eine sogenannte Aufbauorganisation gegründet worden war, sich aber schon ein Jahr später nur noch «KPD» nennen wollte.

Es gab für Jasper in Beijing noch einen weiteren Grund, gegen Genscher zu Felde zu ziehen: Die westdeutschen Linksradikalen machten ihn für den Tod der Soziologin Elisabeth Käsemann in Argentinien verantwortlich. Sie kam aus dem Westberliner SDS und war im Mai 1977 nach wochenlanger Folter in einem Gefängnis der Militärdiktatur ermordet worden. Trotz aller Bitten der Familie hatten weder Genscher noch der bundesdeutsche Botschafter in Buenos Aires für sie interveniert.

Genscher wurde dann in Beijing von der chinesischen Führung nur «ein protokollarisch offensichtlich geringer Stellenwert eingeräumt», wie die FAZ damals mißmutig notierte. Die Beijinger Volkszeitung zeigte den Außenminister auf einem Foto nach einem Festabend in der Großen Halle des Volkes ohne Deng Xiaoping, aber umgeben von Gauklern, Zauberern und Akrobaten, was Jasper auch heute noch mit einer «gewissen Häme» erfüllt.

Zerknirschung ist die Sache des Altmaoisten Jasper nicht. Seine Erinnerungen hat er «Der gläserne Sarg» genannt, weil sich die damalige KPD-Delegation symbolträchtig um eben diesen versammelte: Bis heute ist darin der 1976 verstorbene Mao in Beijing aufgebahrt. In seinem Buch zeigt Jasper, dass die Sonne des Maoismus im Westdeutschland der 1970er Jahre sehr tief stand, gleichwohl wärmten sich an ihr nicht wenige kluge Intellektuelle aus den verschiedenen Fraktionen der Linken, seien es nun die K-Gruppen, die Spontis oder die frühe RAF. Jasper macht deutlich, wie sehr der Maoismus – ganz im Unterschied zur Politik der friedlichen Koexistenz der Sowjetunion – in Westeuropa dem Bedürfnis nach Rebellion und Revolte der Studenten entgegenkam. Und er erinnert an bundesdeutsche Konstellationen, die einen Teil der studentischen Intelligenz dazu bewog, ihre bürgerliche Herkunft in einem kommunistischen Sinne zu verraten: Naziprofessoren auf den Lehrstühlen, der Krieg der USA in Vietnam, die Ermordung von Benno Ohnesorg 1967, der Pariser Mai 1968 und eine Welle wilder Streiks in der Montan- und Stahlindustrie 1969, bei der sich 140.000 Beschäftigte erhoben, ohne den Segen der IG Metall abzuwarten.

Passend zum Buchtitel defiliert Jasper an einer Reihe von Genossen vorbei, mit denen er für sein Buch gerne noch gesprochen hätte, die aber – 50 Jahre nach ’68 – schon verstorben sind. Und wer sich einmal im diesbezüglichen Wikipedia-Eintrag die Liste der Personen aus dem untergegangenen KPD/AO-Universum betrachtet, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie weit es diese 1970er-Jahre-Linksradikalen durch gewiefte Anpassungsmanöver in der BRD gebracht haben. Manche von ihnen finden im Buch von Jasper freundliche Aufnahme. In Springers Welt lobte es Alan Posener, der sich als früherer Mitläufer der KPD/AO bekannte, als »Ärgernis«. Dem kann nicht zugestimmt werden. Trotz aller Selbstgerechtigkeit hat Jasper ein anregendes Stück Aufklärung über einen wichtigen Abschnitt der linksradikalen Fundamentalopposition in Westdeutschland vorgelegt – ohne jede Form der Raserei und Exorzierung.

 
Willi Jasper: Der gläserne Sarg. Erinnerungen an 1968 und die deutsche «Kulturrevolution». Matthes und Seitz, Berlin 2018, 256 Seiten, 24 Euro