Nachricht | Gesellschaftliche Alternativen - Sozialökologischer Umbau - Ernährungssouveränität «Saatgut ist die Grundlage des Lebens»

Interview mit Fiona Chipunza über Kämpfe um bäuerliche Saatgutsysteme im südlichen Afrika

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Saatgut
Viele afrikanische Regierungen bevorzugen das Saatgut der Konzerne, da es als Allheilmittel gegen Armut und Hunger angesehen wird. Die bessere und demokratische Alternative sind bäuerlichen Saatgutsysteme. CC BY-NC-ND 2.0, Marian Bijlenga

Die Einführung Konzern-gesteuerter Saatgutsysteme und Saatgutpolitiken vieler afrikanischer Regierungen zu deren Durchsetzung, sind eine existenzielle Bedrohung für bäuerliches Saatgut. Im Gegensatz dazu sind bäuerliche Saatgutsysteme eine starke und realisierbare Alternative zum Saatgut der Konzerne. Sie benötigen jedoch Unterstützung aus verschiedenen Richtungen, um als Grundlage für nachhaltige Ernährungssysteme zu fungieren. Jan Urhahn, Leiter des Ernährungssouveränitätsprogramms der Rosa-Luxemburg-Stiftung sprach mit Fiona Chipunza, vom Zimbabwe Smallholder Organic Farmers Forum (ZIMSOFF), über Kämpfe um die Kontrolle der Saatgutsysteme im südlichen Afrika.
 

Jan Urhahn: Warum ist Saatgut für die Bauern und Bäuerinnen so wichtig?

Fiona Chipunza arbeitet als Referentin beim Zimbabwe Smallholder Organic Farmers Forum (ZIMSOFF). ZIMSOFF wurde von marginalisierten Kleinbauern und Kleinbäuerinnen gegründet. ZIMSOFF ist Mitglied der globalen Bauernbewegung La Via Campesina. Das Gespräch fand im Dezember 2019 statt.

Fiona Chipunza: Saatgut ist die Grundlage des Lebens. Für viele Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Subsahara-Afrika ist Saatgut nahezu heilig und hat eine hohe symbolische Bedeutung. Es wird zum Beispiel bei Zeremonien benutzt, um den Übergang zwischen den Jahreszeiten zu markieren, es wird für spirituelle Rituale und als Opfergabe an heiligen Orten verwendet. In diesen bäuerlichen Traditionen sind Saatgut und Wissen eins, und Saatgut ist ein wichtiger Teil der Identität und der Macht der Frauen. Saatgut ist zugleich Quelle des Stolzes, der Autorität, der Autonomie und der Freude der Menschen. Bauern und Bäuerinnen, die zugleich Züchter*innen und Verwalter*innen von Saatgut sind, genießen hohes Ansehen und spielen eine wichtige Rolle in den Gemeinschaften, tragen sie doch die Verantwortung zur Versorgung der Menschen mit nahrhaften Lebensmitteln. Diese biologisch-kulturelle Vielfalt existiert trotz Kolonialismus, Globalisierung und marktwirtschaftlich-organisierten Agrarmärkten und bildet weiterhin die Grundlage der Widerstandsfähigkeit gegen die Folgen der Klimakrise.

Die Frage nach der Kontrolle des Saatguts ist sehr umstritten. Wer kontrolliert heute das Saatgut?

Der kommerzielle Saatgutmarkt wird von den Konzernen kontrolliert. Sie vertreiben ihr Saatgut über Agro-Händler gemeinsam mit den dazugehörigen Pestiziden und anderen Inputs. Große Konzerne züchten nur eine sehr begrenzte Anzahl von Hybridsaatgutsorten oder noch schlimmer gentechnisch verändertes Saatgut. Viele afrikanische Regierungen bevorzugen das Saatgut der Konzerne, da es als Allheilmittel gegen Armut und Hunger angesehen wird. Viele Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Hybridsaatgut anfälliger für Schädlinge und Krankheiten ist und das hohe Erträge nur unter laborähnlichen Bedingungen erzielt werden können. Außerdem können die Bauern und Bäuerinnen das Hybridsaatgut nicht wiederverwenden und sind gezwungen es jedes Jahr neu zu kaufen.

Warum expandieren internationale Saatgutunternehmen in afrikanische Länder?

Die Saatgutmärkte in vielen Teilen der Welt sind gesättigt. Internationale Saatgutunternehmen expandieren nach Afrika, weil sie Zugang zu neuen Märkten brauchen, um dort neue Gewinne zu erzielen.

Wie unterstützen afrikanische Regierungen die Expansion der internationalen Saatgutindustrie?

Die jüngste Bedrohung für Afrikas reiches Erbe an Saatgutvielfalt heißt «Saatgut-Harmonisierungspolitiken». Sie sind von afrikanischen Kleinbauernbewegungen und zivilgesellschaftlichen Netzwerken als «neue Welle des Kolonialismus» verurteilt worden. Diese Politik droht, Bauern und Bäuerinnen aus den Saatgutsystemen zu verdrängen, und widerspricht damit Artikel 9 des Internationalen Vertrags über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (ITPGRFA) – insbesondere dem Recht der Bauern und Bäuerinnen, ihr Saatgut aufzubewahren, zu nutzen, auszutauschen und zu verkaufen. Kleinbäuerliche Erzeuger*innen und insbesondere Frauen werden aus ihrer Rolle als Verwalterinnen des Saatguts verdrängt und könnten sogar kriminalisiert werden, wenn sie ihr Saatgut weiterhin tauschen oder verkaufen. Viele afrikanische Regierungen haben Subventionsprogramme für landwirtschaftliche Betriebsmittel (Farmer Input Subsidy Programs, FISP) eingeführt. In diesen Programmen werden in erster Linie Hybridsaatgut und synthetische Düngemittel an Kleinbauern und Kleinbäuerinnen verteilt oder zu subventionierten Preisen verkauft. FISPs spielen daher eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Grünen Revolution auf dem afrikanischen Kontinent und garantieren internationalen Saatgutkonzernen Absatzmärkte für ihre Produkte.

Was bedeuten diese Programme für Bauern und Bäuerinnen und ihre bäuerlichen Saatgutsysteme?

FISPs und andere Programme führen zur Abhängigkeit der Bauern und Bäuerinnen von teuren (importierten) Betriebsmitteln und damit langfristig zu ihrer Verschuldung. Dies ist nicht nur ein finanzielles Risiko, auch die Ernährungssysteme verlieren an Widerstandskraft und kleinbäuerliche Erzeuger*innen werden weiter marginalisiert. Das Saatgut der Konzerne kann nicht wiederverwendet werden und benötigt bodenzerstörende Düngemittel, damit überhaupt gute Erträge erzielt werden können. Die derzeitige Subventionswelle mit FISPs fördert unangemessene, nicht nachhaltige und ungerechte landwirtschaftliche Praktiken. Obwohl Investitionen in die Landwirtschaft von zentraler Bedeutung sind, ist die Art und Weise ihre Ausgestaltung entscheidend für den Aufbau von nachhaltigen und widerstandsfähigen Landwirtschaftssystemen, die zugleich Hunger, Armut, soziale Ungleichheiten und die Herausforderungen der Klimakrise angehen.

Bauernbewegungen und zivilgesellschaftliche Organisationen sehen in bäuerlichen Saatgutsystemen eine Alternative zu von Konzernen dominierten Systemen. Wie definierst du bäuerliche Saatgutsysteme?

Bäuerliche Saatgutsysteme werden manchmal als informelle Saatgutsysteme bezeichnet. In einem bäuerlichen Saatgutsystem wird Saatgut nicht ausschließlich als Ware betrachtet – die Kontrolle des Saatguts ist eine Art Grundrecht der Bauern und Bäuerinnen. Saatgut ist der Beginn der Erzeugung von Nahrung und die Quelle für die Weiterentwicklung des Lebens. Als solches ist es die Pflicht und Verantwortung aller Bauern und Bäuerinnen, Saatgut zu erhalten, zu schützen und es an zukünftige Generationen weiterzugeben. Die Zucht und der Austausch von Saatgut zwischen kleinbäuerlichen Erzeuger*innen sind die Grundlage für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Bäuerliche Saatgutsysteme sind zudem an kulturelle Kontexte angepasst, praktikabel und integrativ. Aber ohne Zugang zu qualitativ hochwertigem, erschwinglichem Saatgut und selbstbestimmter Entscheidungen zu Auswahl, Aufbewahrung und Austausch von Saatgut, kann kein Bauer und keine Bäuerin Souveränität erlangen.

Saatgut ist ein Menschenrecht.

Was könnten Regierungen tun, um bäuerliche Saatgutsysteme zu fördern?

Zunächst einmal müssen Regierungen die Bedeutung und Wichtigkeit von bäuerlichen Saatgutsystemen anerkennen. Damit der politische Rahmen für sie förderlich ist, müssen Bauern und Bäuerinnen und ihre Organisationen in politische Entscheidungsprozesse zu Saatgut und andere wichtige landwirtschaftliche Fragen einbezogen werden. Die öffentliche Forschung muss sich zum Beispiel auf bäuerliche Saatgutsysteme konzentrieren. Insbesondere müssen partizipatorische Forschungsansätze eingeführt werden. Öffentliche Saatgutpolitiken müssen spezifisch bäuerliches Saatgut fördern. Beispielsweise könnten mit den FISPs bäuerliches Saatgut und nicht das Saatgut der Konzerne verteilt werden. Nicht zuletzt sollten die Regierungen internationale Abkommen wie den ITPGRFA oder die UN-Bauernrechteerklärung in nationales Recht umsetzen. Die UN-Bauernrechteerklärung definiert zum Beispiel zum ersten Mal ein Menschenrecht auf Saatgut.

Welche Rolle spielen zivilgesellschaftliche Organisationen bei der Unterstützung von bäuerlichen Saatgutsystemen?

Obwohl Saatgut für die Erreichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG), vor allem zur Umsetzung von SDG 2 zur Beseitigung des Hungers von großer Bedeutung ist, gibt es nur wenig Wissen über bäuerliche Saatgutsysteme. Das liegt unter anderem daran, dass bisher wenig Forschung und Auseinandersetzung über Saatgutinitiativen stattgefunden hat und nur wenig Unterstützung und Ressourcen zum Erhalt der biologischen Vielfalt bereitgestellt wurden. Daher ist die Notwendigkeit mit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zusammenzuarbeiten jetzt umso dringender. Es ist notwendig, dass zivilgesellschaftliche Organisationen die Ansinnen der Bauern und Bäuerinnen unterstützen und mit einer einheitlichen Stimme zur Förderung ihrer Saatgutsysteme sprechen. Damit wird auch der soziale Zusammenhalt und ein Gefühl des Stolzes gefördert.