Nachricht | Deutsche / Europäische Geschichte Wem nützt die Aufarbeitung?

RLS Brandenburg stellte in Premnitz das neue Buch von Matthias Krauß vor

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Detlef Nakath,

Der Potsdamer Journalist und Publizist Matthias Krauß stellte am 17. Oktober 2016 in Premnitz sein im Berliner Verlag edition ost erschienenes nunmehr siebentes Buch mit dem Titel „Wem nützt die ‚Aufarbeitung‘?“ vor. Zuvor hatte es dazu bereits Veranstaltungen in Potsdam und Brandenburg/Havel gegeben. Krauß bezeichnete die seit mehr als 25 Jahren betriebene Aufarbeitung der DDR-Geschichte als „institutionalisierte Abrechnung“. In seinem Vortrag ging er auch auf die Arbeit der beiden Enquête-Kommissionen des Deutschen Bundestages in den 1990er Jahren sowie auf die vom Brandenburger Landtag zwischen 2010 und 2014 eingesetzte Kommission ein und maß dabei vor allem dem häufig kritisierten Elitenaustausch im Osten Deutschlands große Bedeutung bei. Universitäten, Hochschulen und öffentlicher Dienst in den neuen Bundesländern seien heute in den leitenden Funktionen sehr stark westdominiert. Personen aus dem Osten hätten hier bis in die Gegenwart kaum berufliche Chancen.

Unter der Überschrift „Ein Steinbruch guter Ideen – wo die Bundesrepublik sich die DDR zum Vorbild nahm“, nannte Krauß in seinem Vortrag zahlreiche Beispiele, die später häufig ohne Verweis auf ihre DDR-Geschichte übernommen worden sind. In seinem Buch heißt es dazu u.a.: „Als die damalige Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) vor einigen Jahren ihre neueste Errungenschaft pries, das nunmehr eingeführte Leistungsstipendium, hielt sie es für erwähnenswert, dass dieses Instrument ‚erstmals‘ an deutschen Hochschulen zum Einsatz komme. Das ist einer jener Sätze, mit denen man sich in Ostdeutschland blamiert. Frau Schavan hätte einfach mal mit ihrer Chefin Angela Merkel reden sollen; die Trägerin der Lessing-Medaille hätte ihr etwas zum Thema Leistungsstipendium zu DDR-Zeiten erzählen können.“

In der kontroversen Debatte um das Buch wurden auch methodische Fragen diskutiert. So z. B. das unterschiedliche Herangehen von Journalisten/Publizisten und Historikern an zeitgeschichtliche Fragestellungen. Die vor 1990 unter Wissenschaftlern in der Bundesrepublik neben anderen angewandte sog.  immanente Methode habe heute in der medialen Aufarbeitung an Bedeutung verloren. Die immanente Methode ging davon aus, die DDR und ihre Geschichte aus sich selbst heraus zu erklären, sie also an den eigenen Zielen sowie der Verfassungsziele und den Parteitagsbeschlüssen zu messen. Heute dominiere eher der permanente Systemvergleich, also die Bewertung der DDR ausschließlich im Vergleich zur BRD. Dabei würde in den Medien gern die Bundesrepublik als Maß aller Dinge angesehen. Hinzu kommt mitunter auch eine fatale Gleichsetzung von DDR und Nazidiktatur in der sog. Zwei-Diktaturen-These, mit der die Singularität des deutschen Faschismus relativiert werde.

Der Autor schloss seine Betrachtung mit einem Zitat der einstigen israelischen Ministerpräsidentin, Golda Meir, die einmal empfohlen hatte, Zeitgeschichte immer nur mit Bleistift zu schreiben. Krauß: „Die Erfahrung der Menschheit, dass Zeitgenossen ihre Epoche teils völlig anders beurteilen als die Nachwelt, ist eingängig und durchgängig zugleich.“

 

Matthias Krauß: Wem nützt die „Aufarbeitung“? Die institutionalisierte Abrechnung. edition ost , Berlin 2016, 204 Seiten, 12.99 Euro, ISBN 978-3-360-01877-9