3. November 2019 Diskussion/Vortrag Eine andere Arbeiter_innenbewegung II: Nichtnormierte Kämpfe

Information

Veranstaltungsort

DGB-Gewerkschaftshaus, Ebene 9
Besenbinderhof 60
20097 Hamburg

Zeit

03.11.2019, 19:00 - 21:00 Uhr

Themenbereiche

Deutsche / Europäische Geschichte, Arbeit / Gewerkschaften, Soziale Bewegungen / Organisierung, Sozialökologischer Umbau, 1968

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Eine andere Arbeiter_innenbewegung II: Nichtnormierte Kämpfe

Vorträge und Diskussion mit Peter Birke (Universität Göttingen) und Mag Wompel (Labournet)
„Französische Verhältnisse“ herbeizuführen, das war ein Traum des Sozialistischen Studentenbundes: das Übergreifen der Unruhe unter Student*innen auf das Proletariat, die Besetzung von Fabriken, nicht nur von Institutsgebäuden. Im September 1969 schien dieser Traum wenigstens im Ansatz in Erfüllung zu gehen, allerdings fanden die wilden Streiks dieses Monats mit der Montanindustrie im Saarland und an der Ruhr in Branchen und an Orten statt, an denen die Bewegung der Studierenden kaum eine Rolle gespielt hatte. Für die Fraktionen im SDS, die parteiförmige Politik für sich entdeckt hatten, war dies ein Anlass, um nun die Avantgarde des Proletariats zu inszenieren und auf die Dringlichkeit zu insistieren, dass nun die „antiautoritäre Phase“ beendet sei. Aber auch eher undogmatisch orientierte Kreise reagierten auf diese Störung der Nachkriegsordnung: Unter Bezug auf Vorbilder in ganz Europa wurden Formen wie die Mit-Untersuchung adaptiert, eine Arbeiter*innenmedizin weiterentwickelt und eine linke, betriebliche wie gewerkschaftliche Opposition gebildet, die an die Erfahrungen wie die der Plakat-Gruppe bei Daimler anschloss und danach einige Jahrzehnte nicht unbedeutend blieb.

Peter Birke wird in seinem Beitrag auf den Anfang dieser Geschichte proletarischen Ungehorsams zurückblicken. Arbeiter*innen in der Montan- und Stahlindustrie, aber auch in der öffentlichen Verwaltung wählten nicht die ausgetretenen Pfade der Sozialpartnerschaft, sondern stellten autonom ihre Forderungen – im Ruhrgebiet, im Saarland, später auch in der Oberpfalz, Kiel und Bremen. Diese Streiks waren erfolgreich, führten zu Lohnerhöhungen, aber nicht zur Bildung proletarischer Organisationen, die die bestehende Ordnung weitergehend in Frage stellten. Was bedeutet dieses Aufflackern von nicht-normierten Klassenkämpfen für uns heute? Wieso ist die Erinnerung an die „Betriebslinke“ heute – trotz vermutlich vielfach ähnlicher Erfahrungen von Menschen mit Ausbeutung und betrieblichen Kämpfen – relativ marginalisiert?
Mag Wompel wird diese Ereignisse danach befragen, was diese Vergangenheit uns jetzt noch zu sagen hat. Formen der proletarischen Selbstorganisation, ihre Geschichte in der BRD sind noch nicht einmal Gegenstand derjenigen, die heute für eine Klassenpolitik plädieren. Es ist eine merkwürdige Verdrängung, die die gegenwärtigen Debatten um
 das Verhältnis von Identitäts- und Klassenpolitik heimsucht. Gerade wenn wir uns diese vergangenen Auseinandersetzungen anschauen, stellen wir fest, dass es damals keine klare Grenzen zwischen Identitäts- und Klassenpolitik gab. Eher gab es Mischungen, mit denen diese Neue Linke konfrontiert war: Queers unterstützten Streiks oder Frauen*gruppen brachten die Ökonomie auch mit den familiären Verhältnissen in Verbindung. Die Aufgabe einer gegenwärtigen Klassenpolitik bestünde also darin, sich ihrer historischen Kompliziertheit zu stellen.

In Kooperation mit der "Gesellschaft zur Erforschung der Nachträglichkeit".

Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg.

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Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg

Telefon: 040 28003705