Namibia@30

Namibia feiert dieses Jahr seinen 30. Geburtstag. Die Begehung dieses historischen Jubiläums bietet Anlass einen genaueren Blick darauf zu werfen, wie sich das Land seit dem überschwänglich gefeierten Tag der Unabhängigkeit gesellschaftlich und politisch entwickelt hat.

«Um Mitternacht am 21. März 1990 verkündete das Läuten der Kirchenglocken in ganz Namibia die langersehnte Unabhängigkeit des Landes. Zehntausende hatten sich an diesem lauen Spätsommerabend im Windhoeker Stadion versammelt, das schon bald in Independence Stadium umbenannt werden sollte. An jenem Abend wurde dort vor jubelnden Massen erstmals die neue Nationalflagge gehisst. Als der südafrikanische Präsident F.W. De Klerk – vor den Augen von Nelson Mandela, der erst vor einem Monat aus der Haft entlassen worden war – mit der Hand auf dem Herzen vor der Flagge seines Landes salutierte, wirkte er dabei ziemlich allein. Ringsherum machte sich triumphale Freude bemerkbar. Selbst einige künftige Kabinettsmitglieder stimmten in die lautstark erklingenden Rufe ‹runter, runter› ein, als die Vierkleur, die bis 1994 gültige Flagge Südafrikas, abgenommen wurde und als schließlich die neue Flagge Namibias im Abendwind wehte.» 

Von Heike Becker

Namibia erlangte seine Unabhängigkeit nach jahrzehntelangem Kampf gegen die südafrikanische Besatzung. Die Historikerin und frühere Solidaritätsaktivistin für das britische Namibia Support Committee Marion Wallace hat den steinigen Weg zur Unabhängigkeit in ihrem Überblickswerk zur namibischen Geschichte bis 1990 anschaulich zusammengefasst: «Bereits ein Vierteljahrhundert vor diesem Wandel hatte die Dekolonisation den größten Teil des Kontinents ergriffen; in Südafrika selbst sollte erst vier Jahre später eine Mehrheitsregierung gebildet werden. Namibia blickt also auf eine lange Kolonialgeschichte zurück: 1884 vom Deutschen Reich besetzt, von Südafrika 1915 erobert und ab 1921 als Mandatsgebiet des Völkerbundes regiert, war das Land nach dem Zweiten Weltkrieg faktisch ein Teil Südafrikas.»[1]

Heike Becker ist Professorin für Sozial- und Kulturanthropologie an der University of the Western Cape (UWC) in Südafrika. Zuvor war sie als Forscherin und Dozentin in Namibia tätig und hat zahlreiche Publikationen zur namibischen Kultur, Gesellschaft und Geschichte veröffentlicht. Sie ist u.a. die Autorin von «Namibian Women's Movement 1980 to 1992: From Anti-colonial Resistance to Reconstruction»-.

Die Nachwirkungen der kolonialen Gewalt und des von Deutschland an der Bevölkerung in Süd- und Zentralnamibia verübten Genozids sind auch heute noch zu spüren. Im damals Deutsch-Südwestafrika genannten Gebiet lehnten sich die Ovaherero und Nama gegen koloniale Herrschaft und Enteignung auf. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Bis 1908 waren 80 Prozent der Ovaherero und 50 Prozent der Nama infolge von Hunger und Durst, Überarbeitung und fehlendem Schutz vor rauen klimatischen Bedingungen gestorben. Die deutschen Truppen trieben die Überlebenden in die wasserlose Omaheke-Wüste. Tausende weitere starben in Konzentrationslagern. Die übrigen beraubte man ihres Landes und Viehs und legte damit den Grundstein für die von struktureller Ungleichheit und Rassismus geprägten Landbesitzverhältnisse.

Nach der Niederlage des deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg übernahm 1921 das (unter britische Kontrolle stehende) Südafrika im Rahmen eines Völkerbundmandats die Verwaltung Namibias. So begann die Herrschaft Südafrikas über Namibia und damit auch die systematische Anwendung der südafrikanischen Rassentrennungsgesetze, auf die nach dem Zweiten Weltkrieg die Apartheidgesetze folgten. Wie schon Deutschland zuvor versuchte Südafrika, so viele Reichtümer wie möglich aus seiner Kolonie abzuschöpfen. Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgte Südafrika seit den frühen 1920er Jahren eine aktive Siedlungspolitik in Namibia. Die weißen südafrikanischen Siedler*innen erhielten Land und Arbeit in der ehemaligen deutschen Kolonie, die verbleibenden deutschen Siedler*innen wurden in die Siedlerbevölkerung eingebunden, und man ermöglichte es ihnen, die südafrikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

In Süd- und Zentralnamibia wurde die schwarze Bevölkerung in «Reservate» verbannt; die Südafrikaner*innen führten so die Praxis der Landenteignung fort, die ein Hauptmerkmal des deutschen Kolonialismus in Namibia war. Auch der zuvor kaum von der deutschen Kolonialherrschaft unterworfene Norden Namibias wurde nun vollständig in das Kolonialsystem eingegliedert. Zentrales Anliegen dabei war es, Arbeitskräfte für den Bergbau und die kommerzielle Landwirtschaft bereitzustellen. Die südafrikanische Verwaltung begründete damit das spezielle System von Wanderarbeit, das die Kolonialwirtschaft und die Gesellschaftsverhältnisse in Namibia bis 1990 prägte. Die Auswirkungen dieses Systems sind weiterhin spürbar, denn für den Großteil der namibischen Bevölkerung bleibt das Leben ein tagtäglicher Kampf.

 
Demonstration in Bonn, 29.11.1986
Demonstration in Bonn, 29.11.1986, Jürgen Seidel

Mit der Unabhängigkeit brachte die SWAPO-Regierung ihr Programm für «nationalen Wiederaufbau und Entwicklung» in Gang. Armut und Ungleichheit wurden dabei als wesentliche Herausforderungen für das unabhängige Namibia identifiziert. Mittlerweile beschreiben Beobachter*innen wie Wallace Namibia als stabiles, friedliches und relativ wohlhabendes Land, aber dennoch bleibt seine Entwicklung in mancher Hinsicht besorgniserregend. 30 Jahre nach dem 21. März 1990 kehrt diese Textsammlung zu einer Reihe von zentralen Fragen zur wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklung Namibias zurück:  

Welche Potenziale des neuen Nationalstaats konnten nach über einem Jahrhundert deutscher und südafrikanischer Kolonialherrschaft verwirklicht werden? Was ist aus dem Versprechen eines besseren Lebens für alle Menschen in Namibia geworden? Konnte die Kluft zwischen Arm und Reich in einer der weltweit am stärksten von Ungleichheit geprägten Gesellschaften verringert werden? Wie ist es angesichts der langen Geschichte von Rassismus und ethnischer Balkanisierung um die nationale Einheit bestellt? Wie sieht die heutige politische Situation in Namibia aus?

Die aus der früheren Befreiungsbewegung SWAPO (South West Africa People’s Organisation)  hervorgegangene und seit der Unabhängigkeit als Swapo Party bekannte Partei regiert das Land seit 1990. Unlängst sah sich die Partei jedoch vor ungeahnte Herausforderungen gestellt, nämlich als sie bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im November 2019 erstmals ihre Zweidrittelmehrheit verlor.

Kurz vor den Wahlen von 2019 enthüllte Wikileaks einen Skandal, der als sogenannte Fishrot-Affäre bekannt wurde. Die umfangreiche Bestechungsaffäre erschütterte das Selbstverständnis eines afrikanischen Landes, das sich eher als Ausnahme auf dem Kontinent weitgehend korruptionsfrei wähnte. Zwei frühere Kabinettsmitglieder und mehrere weitere hochrangige Staatsbeamte werden beschuldigt, sich durch Schmiergeldzahlungen und zweifelhafte Abmachungen über Fischfangrechte bereichert zu haben, an denen ein isländisches Fischfangunternehmen sowie namibische und angolanische politische Kreise beteiligt sein sollen. Die Fishrot-Affäre war ein Weckruf für all diejenigen, denen etwas am politischen und gesellschaftlichen Zustand des postkolonialen Namibias liegt.

In diesem Themenschwerpunkt reflektieren Namibier*innen den Zustand von Namibia@30

Viele der Autor*innen sind junge Intellektuelle, Akademiker*innen, Studierende, Aktivist*innen und Künstler*innen. Wie blicken diese jungen Namibier*innen auf ihr Land, das aktuell seinen 30. Geburtstag feiert? Ein Vierteljahrhundert nach der Unabhängigkeit ist in den letzten Jahren eine neue Generation von «born frees» auf die gesellschaftliche und politische Bühne des Landes getreten. Diese nach oder kurz vor 1990 geborenen Frauen und Männer stellen eindringliche Fragen nach der Entwicklung ihres Landes und fordern überzeugende Antworten für «alte», bereits länger schwelende Herausforderungen. Ähnlich wie viele andere afrikanische Länder hat Namibia seinen «Fanonschen Moment» erlebt, wie der postkoloniale Theoretiker Achille Mbembe diesen Punkt in der Geschichte postkolonialer Länder vor dem Hintergrund der Studierendenproteste in Südafrika zwischen 2015 und 2016 bezeichnet hat.

In Namibia zeigt sich dieser Moment vor allem in Form neuer gesellschaftlicher und politischer Bewegungen, darunter etwa Affirmative Repositioning (AR) und das Landless People’s Movement (LPM), die beide in den letzten fünf Jahren von jungen politischen Aktivist*innen gegründet wurden, die zuvor führende Mitglieder der SWAPO-Jugend waren. Diese Bewegungen gingen aus dem Aktivismus zur Landfrage hervor. Inzwischen haben sie breitere Themenfelder erschlossen, wie Korruption oder Arbeitsverhältnisse. Das LPM ist sogar Teil der parlamentarischen Politik geworden.

In den letzten fünf Jahren sind in Namibia zudem neue Bewegungen entstanden, die sich mit postkolonialer Erinnerungspolitik auseinandersetzen, vor allem mit den Reparationsforderungen für den von Deutschland verübten kolonialen Genozid. Diese Gruppen von Aktivist*innen, die meist aus den Communities der Ovaherero und Nama kommen, haben die Regierungen Deutschlands und Namibias unter Zugzwang gesetzt, indem sie darauf drängen, dass Deutschland, die erste Kolonialmacht in Namibia, für den zwischen 1904 und 1908 begangenen Völkermord eine Entschuldigung ausspricht und Reparationen leistet. Zu den Aktivist*innen gehören traditionelle Autoritäten von betroffenen Gemeinschaften aber auch seit langem engagierte antikoloniale Aktivist*innen, Akademiker*innen und Künstler*innen. Sie fordern nicht nur Reparationszahlungen von Deutschland, sondern auch, dass Namibias eigenes nationales Narrativ vor allem dahingehend revidiert wird, dass darin der Widerstand der süd- und zentralnamibischen Bevölkerung gegen die Kolonialherrschaft und den Völkermord Anerkennung findet. 

Man hört häufig, die Zivilgesellschaft Namibias sei nach der Unabhängigkeit relativ schwach entwickelt gewesen. Während 1987 noch 10.000 Arbeiter*innen zur 1.Mai-Demo im bedeutenden Township Katutura in Windhoek zusammenkamen, sind die Gewerkschaften und Bewegungen von Frauen, Studierenden und Township-Bewohner*innen seither scheinbar zum Stillstand gekommen. Doch ist das wirklich so? In welchem Zustand befinden sich heutzutage die communitybasierten sozialen Bewegungen und populären Proteste? Welche Verbindungen gibt es zwischen einer populären «Grassroots»-Politik, dem städtischen Jugendaktivismus und dem erinnerungspolitischen Aktivismus? Und worin besteht das Erbe, wenn es denn eins gibt, des früheren Community-Aktivismus und der Massenproteste, die in den 1980er Jahren dazu beigetragen haben, den Apartheidkolonialismus zu überwinden?

Beobachter*innen und Aktivist*innen für soziale Gerechtigkeit sind sich darin einig, dass seit der Unabhängigkeit nicht annähernd genug dafür getan wurde, um Armut und Ungleichheit zu bekämpfen. Auch was die Kontinuitäten der Kolonialgeschichte in der postkolonialen Gegenwart betrifft, gibt es weiterhin viele fragliche Punkte. Doch Namibia ist zugleich auch ein vor Lebendigkeit sprühendes Land. Die namibische Gesellschaft @30 kann nicht nur auf Ebene der politischen Ökonomie verstanden werden. Das postkoloniale Namibia zeichnet sich durch eine ganze Bandbreite an Eigenschaften aus. Viele «traditionelle» Formen haben sich als widerstandfähig erwiesen, auch wenn man sie verändert und neu erfunden hat. Junge namibische Wissenschaftler*innen und Studierende widmen sich kritischer Forschung und innovativer Lehre. Im postkolonialen Namibia ist eine lebhafte Kulturszene entstanden, die sich intensiv mit Themen wie Erinnerungspolitik, Dekolonisierung und sozialer Gerechtigkeit befasst. In kritischen Print- und Onlinemedien und in spannenden künstlerischen Projekten  haben die vorwiegend jungen namibischen Künstler*innen ihr kreatives Potenzial unter Beweis gestellt.

Die Beiträge in dieser Textsammlung beschäftigen sich mit grundlegenden Fragen zur Entwicklung Namibias im Bereich der politischen Ökonomie, der kulturellen Produktion, der gesellschaftlichen Verhältnisse und des Alltagslebens. Die Texte zeugen, genauso wie ihre Autor*innen, von der vielschichtigen, dynamischen Wirklichkeit des postkolonialen Namibias.
 

[Übersetzung von Utku Mogultay und Katharina Martl für Gegensatz Translation Collective]


[1] Wallace, Marion (2015): Geschichte Namibias. Von den Anfängen bis 1990. Übers. v. Sabine Lang. Basel/Frankfurt: Basler Afrika Bibliographien/Brandes & Apsel, S. 1.