Nachricht | REZ Marks : Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, Stuttgart 2006

Globalgeschichte ist derzeit sehr im Trend, die Anzahl der Titel dieser neuen Disziplin der Geschichtswissenschaft steigt weiter an.

Die etwas skurrile Unterzeile "Eine globale Weltgeschichte” sollte einen nicht abschrecken, Robert Marks hat mit seinem Buch eine Weltgeschichte für den Zeitraum von 1400 bis ungefähr 1900 vorgelegt, die ausdrücklich den Europa-zentrierten Blickwinkel vergleichbarer Werke überwindet. Diese Europa-Zentriertheit drückt sich in der Regel in impliziten Annahmen aus, die Europa zum Modell von (industrieller) Entwicklung machen und dabei übersehen, dass vor 200 Jahren zwei Drittel der weltweiten Wirtschaftsproduktion in Indien und China getätigt wurde. Trotzdem gelang es "der europäischen Art, den Globus zu organisieren” die Welt zu beherrschen. Folgerichtig formte sich das Selbstbild Europas als fortschrittlicher, effizienter und besser, es gab sozusagen Europa, und dort speziell England, und die anderen, als "den Rest”. Europa macht Geschichte, der Rest besitzt keine, er ist erst Bestandteil der Geschichte, sobald er mit Europa in Kontakt tritt.

Robert B. externer Link in neuem Fenster folgtMarks ist Professor für Geschichte am Whittier College in Kalifornien und ein Spezialist für die Geschichte Chinas und des gesamten asiatischen Raums. Er weist auf die immense Bedeutung Asiens hin, das 1850 zwei Drittel der Weltbevölkerung umfasste und, so Marks, "praktisch in jeder Hinsicht Europa überlegen” war und stellt immer wieder China und Indien in seinen Fokus. Der Ausgangspunkt seiner Betrachtungen ist die Tatsache, dass um 1400 wie heute die allermeisten Menschen nur auf ungefähr sieben Prozent der Fläche der Erde leben. Bis zum Beginn der Industrialisierung teilen sie eine im Grunde ähnliche materielle Welt, die Marks "die biologische alte Ordnung” nennt und die auf tierischer und menschlicher Muskelkraft beruht; Köln ist um 1400 mit 20.000 EinwohnerInnen die größte "deutsche” Stadt.

Nach einem Überblick über die Geschichte Chinas und Indiens und deren Situierung im schon damals existierenden polyzentrischen Weltsystem wendet sich Marks dann der Neuen Welt zu und referiert die Bedeutung von Seuchen, des Vorkommens und der Nachfrage nach Silber für die Entwicklung des transatlantischen Handels und die Entstehung Europas. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts gewinnen militärisch nutzbare Technik und andere Innovationen eine immer größere Bedeutung. Kohlevorkommen, die Holland und vor allem China nicht besitzen, werden durch die industrielle Revolution, also Dampfmaschinen, Stahl und Eisenbahn von strategischer Bedeutung. Die biologische alte Ordnung wird dann im beginnenden 20 Jahrhundert durch den Kunstdünger tendenziell aufgehoben, der in mit Strom betriebenen Fabriken produziert wird. Die Dynamik und die Unterschiedlichkeit in der globalen Entwicklung erklärt Marks aus der Bevölkerung bzw. ihrem Wachstum und der Existenz von Rohstoffen und den Möglichkeiten zu ihrer Nutzung.

Bis hierher dürfte deutlich geworden sein, dass Marks einen wirtschaftsgeschichtlichen Zugang zum Themenkomplex hat und ein starkes Gewicht auf die Entwicklung der Technik einerseits, des (Fern-) Handels andererseits legt. Durch die Lektüre des Buches bekommt der Leser und die Leserin wirklich eine Vorstellung von globaler Geschichte, und wird vielleicht Marks? These zustimmen, dass Asien nun, nach einer 200 Jahre andauernden Phase wieder die Rolle spielen werde, die es in den 400 Jahren vor der Industrialisierung auch schon eingenommen hatte. Politisch und wissenschaftlich, gehe es jetzt - so Marks - nicht mehr vorrangig darum, zu erklären, warum die Kluft zwischen dem industriell "entwickelten” globalen Norden und dem Süden, der während der gesamten Periode der Industrialisierung mehr oder minder auf der biologischen alten Ordnung verblieb oder dort gehalten wurde, entstand. Es gehe vielmehr darum, diese Kluft aufzuheben; jene Kluft, die zu erklären der Historiker externer Link in neuem Fenster folgtFernand Braudel einmal als grundsätzliches Problem der Geschichte der modernen Welt bezeichnet hatte.

Marks nimmt mit seinem Buch bewusst einen Standpunkt außerhalb der eurozentrischen Matrix der Geschichtsschreibung ein und legt eine Weltgeschichte vor, in der nicht Europa, sondern die außereuropäischen Kontinente die Hauptrolle spielen.

Robert B. Marks : Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, Stuttgart 2006 (externer Link in neuem Fenster folgtTheiss Verlag), 208 S., 24,90 EUR