Nachricht | REZ.: Wissensfundus der 68er. Was können Kriegsgegner von damals lernen?

Ein Buch über 68, das nicht nur das bevorstehende Jubiläum abfeiert, sondern ein aktuelles politisches Interesse verfolgt: Bommi Baumann und Till Meyer vermissen in Zeiten des Kriegs gegen den Terror eine starke Friedensbewegung und beabsichtigen, mit einer Geschichtsstunde über die Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung in den USA den heutigen Protesten neuen Auftrieb zu geben - und nebenbei den Vorwurf des Antiamerikanismus gegen die Neue Linke zu entkräften.

Der Band besteht aus zwei Beiträgen von Baumann und Meyer und rund 170 Seiten Dokumenten. An der Konzeption bleibt einiges unklar: Sind Baumann und Meyer Herausgeber einer Sammlung von Dokumenten der Antivietnamkriegsbewegung? Wieso werden sie nicht als solche benannt und vor allen Dingen: Wieso kommentieren sie die von ihnen getroffene Auswahl nicht? Es bleibt ein wenig unklar, in welchem Verhältnis die beiden Texte von Baumann und Meyer stehen und was sie mit den Dokumenten, die immerhin mehr als Zweidrittel des Buches ausmachen, zu tun haben. Das sind nicht nur akademische oder editorische Fragen, sie berühren auch das politische Interesse der beiden, ja was denn nun, Autoren? Herausgeber?

Wer sich dafür interessiert, wie soziale Bewegungen in den USA heute US-amerikanische Regierungspolitik kritisieren, sollte sich mehr mit eben diesen Bewegungen beschäftigen. Wer der der Frage nachgehen möchte, ob es denn nun Parallelen zwischen Vietnam- und Irakkrieg gibt, dem müsste es zunächst einmal darum gehen, die verschiedenen sozialen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge - sowohl in den USA, als auch in Vietnam beziehungsweise im Irak - herauszuarbeiten: Welche Politik verfolgte etwa die Front National de Libération in Vietnam? Welche Ziele hat der politische Islam im Irak? Welche Rolle spielt die veränderte weltpolitische Lage? Nur aus dem eigenen Wissensfundus aus den Sechziger- und Siebzigerjahren zu schöpfen reicht hier nicht aus.

Trotz aller Kritik gibt es aber in den beiden den Dokumenten vorangestellten Texten durchaus Interessantes zu entdecken. Baumann entwirft in seinem Beitrag ein Sittengemälde der Adenauerrepublik und versteht es, atmosphärisch zu beschreiben, in welch widerspruchsvollem Verhältnis sich politischer Proamerikanismus und tief sitzender kultureller Antiamerikanismus in der Bundesrepublik und Westberlin befanden. Meyer hingegen geht wesentlich konkreter auf Antivietnamkriegsinitiativen der Neuen Linken in den USA und der BRD ein. Doch da, wo es interessant wird, ist sein Überblick zu allgemein. Es bleibt bei der bloßen Erwähnung der Untergrundzeitungen von US-Soldaten für Soldaten, die Antikriegsaktivitäten des "Movement for a Democratic Military" werden nur angerissen. Auch die Desertations-Bewegung wird lediglich erwähnt, weitere Informationen fehlen.

Allerdings enthält der Beitrag von Meyer auch kritische Punkte. Heute noch unhinterfragt von "Rassenunruhen" zu sprechen, verweist auf einen unreflektiert übernommenen "Rassen"-Begriff, der nahezu alle Rassismusdebatten seit den Achtzigerjahren ignoriert und in dieser Art nicht haltbar ist. Nicht unerwähnt bleiben sollten auch Fehlinformationen wie die, dass Angela Davis Vorsitzende der US-amerikanischen KP sei. Sie war zwar Mitglied im Che-Lumumba Club, einem schwarzen Kollektiv der Kommunistischen Partei in Los Angeles, trat allerdings 1991 aus der Partei aus.

Der Dokumententeil besteht zum größten Teil aus schon publizierten, übersetzten und weitgehend zugänglichen Texten, etwa von Malcolm X, Angela Davis oder den Weathermen. Hier wäre ein wenig mehr Originalität angebracht gewesen. Wenn Meyer beispielsweise erwähnt, dass Bernardine Dohrn von den Weathermen, einer militanten Abspaltung der Students for a Democratic Society, auf Einladung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in den Sechzigerjahren in der Bundesrepublik zu Gast war, wäre es angebracht - sofern vorhanden -, Material über diesen Besuch zu veröffentlichen, um direkter auf die Wechselwirkungen zwischen US-amerikanischer New Left und bundesrepublikanischer Neuen Linken eingehen zu können. Ebenso unbearbeitet bleibt Angela Davis' Gastsemester am Frankfurter Institut für Sozialforschung 1964. Auch hier zeigen sich Verbindungslinien, die von Baumann und Meyer nicht verfolgt werden.

Ein weiteres Beispiel sind die Black Panther Solidaritätskomitees in der Bundesrepublik und in Westberlin sowie die Deserteurs-Unterstützung von Vietnamkriegsgegner. Mitglieder der Black Panther Party unter den in der Bundesrepublik stationierten GI's verübten Anschläge auf US-Kasernen, Komitees der Neuen Linken unterstützte Deserteure, von all diesen Gruppen tauchen nur zwei kurze Dokumente im Buch auf.

Da jedoch weder die Auswahl, noch die Dokumente selbst kommentiert sind, bleibt es Spekulation, welche Bedeutung den veröffentlichten Reden, Flugblättern und Interviewpassagen beigemessen wird - und vor allen Dingen: was denn nun Kriegsgegner von heute daraus lernen sollen.

Bommi Baumann, Till Meyer: Radikales Amerika. Wie die amerikanische Protestbewegung Deutschland veränderte, Rotbuch Verlag, Berlin 2007, 237 Seiten, 17,90 Euro