Nachricht | REZ.: Linke im Kalten Krieg. Autobiographische Berichte aus Frankfurt am Main 1945 – 1968, Köln 2007

David Salomon und Guido Speckmann haben in 19 Interviews 22 Personen befragt und aus den Ergebnissen versucht, eine lokale Geschichte der Linken anhand konkreter Biographien zu schreiben.

Die Interviews wurden von ihnen redaktionell bearbeitet, verschriftlicht und in eine veröffentlichungsreife Form gebracht.

Mit ihren Berichten über die Zeit von 1945 bis 1968 erinnern diese SozialistInnen und KommunistInnen aus Frankfurt am Main an weitgehend verdrängte Kapitel aus der Geschichte ihrer Stadt. Thema sind unter anderem die Jugendarbeit bei der FDJ, den Falken, den Gewerkschaften und den Naturfreunden, das Verbot der KPD mit seinen Folgen für die gesamte Linke oder die Auseinandersetzung in der SPD um Westintegration, NATO-Beitritt und Godesberger Programm oder die Bewegungen gegen neue wie alte Nazis, gegen die Notstandsgesetze und gegen die Kriege in Algerien und Vietnam.
Befragt wurden überregional Prominente aus Frankfurt wie Peter Gingold, Heiner Halberstadt, Heinz Brakemeier oder Robert Steigerwald. Diese vier Namen machen schon deutlich, dass sowohl Linke aus der SPD, Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und undogmatische Linke interviewt wurden. Den weitaus größten Platz nehmen aber die autobiographischen Berichte von nur lokal oder regional bekannten KommunistInnen aus KPD (und dann DKP) ein.

Die befragten ZeitzeugInnen gehören verschiedenen Generationen an, der älteste ist 1906 geboren, der jüngste 1935. KommunistIn zu sein, darauf weist Georg Fülberth in seinem Beitrag hin, bedeutet für sie etwas verschiedenes: Wurden die alten vom Katastrophenzeitalter 1914 bis 1945 geprägt, waren es die jüngeren von den langen 1960er Jahren des fordistischen Wirtschaftswunders der Bundesrepublik.

Ihre Lebensgeschichten zeigen, wie stark damals die familiären Bande und Prägungen waren, sie sind aber - entgegen der Darstellung der Herausgeber - keine Alltagsgeschichte. Denn der "normale” Alltag, den ja auch KPD-Hauptamtliche haben, wie etwa Wohnen, Krankheit, Ernährung oder Erziehung taucht in dem Band wenig auf. Die meisten Erzählungen kreisen um "Politik” im weitesten Sinne, die aktuellen Kampagnen und Organisationen und wirken aus heutiger Sicht seltsam statisch. Ja, es ist wirklich eine versunkene und fast vergessene Welt, über die hier berichtet wird.

Herausgegeben wird der Band von der Heinz-Jung-Stiftung. Diese wurde 1999 in Erinnerung an Heinz Jung, den 1936 geborenen und 1996 verstorbenen langjährigen Leiter des Institut für marxistische Studien und Forschungen (IMSF) gegründet. Das IMSF war das Forschungsinstitut der DKP und Heinz Jung nach 1989, nach der "Abwicklung” des IMSF, einer der Initiatoren der externer Link folgtZ. Zeitschrift Marxistische Erneuerung als "Nachfolgeprojekt” des IMSF gewesen und bis zu seinem Tod in der Redaktion der Z. tätig.

Bernd Hüttner

Heinz-Jung-Stiftung (Hg): Linke im Kalten Krieg. Autobiographische Berichte aus Frankfurt am Main 1945 - 1968, 374 Seiten, EUR 18,00, ISBN 978-3-89438-370-1, Papyrossa Verlag, Köln 2007

Eintrag zum externer Link in neuem Fenster folgtIMSF bei wikipedia.

Die SPD-Größe Karsten D. Voigt hat am 1.12. 2007 den Band in der WELT besprochen (Zurück in die Siebziger). Tenor: Die autobiographischen Berichte Frankfurter Linker offenbaren, wie wenig sie bis heute gelernt haben

Hier noch der Link zur Rezension dieses Buches in der Tageszeitung junge Welt (vom 18.06.2007): externer Link in neuem Fenster folgtwww.jungewelt.de/2007/06-18/018.php